Hundert Jahre Stagnation

Wie beurteilen Sie die Chancen, dass sich Europa wieder ganz von der Krise erholen kann?

Jede neue Generation geniesst einen höheren Wohlstand als die vorherige. Dieses Versprechen ist fest in unserem Denken verankert – fast schon wie ein Naturgesetz. Tatsächlich hat uns das 20. Jahrhundert einen fabelhaften Boom beschert. Wenn wir jedoch länger in die Geschichte zurückblicken, ist ein derart starkes Wachstum die Ausnahme.

Selbst im blühenden letzten Jahrhundert profitierten nicht alle Regionen gleichermassen vom Aufschwung.

Argentinien als Lehrstück
Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf in Relation zur Schweiz (der Schweizer Wert entspricht 100 Prozent): Zwar hat auch Argentinien ein Wachstum von durchschnittlich 1 Prozent pro Jahr erreicht. Doch im Vergleich zum steigenden Wohlstand der anderen Länder ist Argentinien stark zurückgefallen. (Daten: Migros Bank / Maddison Project / OECD)
Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf in Relation zur Schweiz der Schweizer Wert entspricht 100 Prozent): Zwar hat auch Argentinien ein Wachstum von durchschnittlich 1 Prozent pro Jahr erreicht. Doch im Vergleich zum steigenden Wohlstand der anderen Länder ist Argentinien stark zurückgefallen. (Daten: Migros Bank / Maddison Project / OECD)

Nehmen wir Argentinien: Vor hundert Jahren zählte die Nation zu den reichsten auf dem Globus. Dann aber ging es nur noch bergab. Eindrücklich sehen Sie das in der Grafik mit dem Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf. Die Darstellung ist so aufgebaut, dass die Schweiz als Vergleichsgrösse stets einen Wert von 100 Prozent darstellt. Konkret: Vor hundert Jahren erreichte der Wohlstand Argentiniens 90 Prozent des Schweizer Niveaus. Inzwischen sind es gerade noch 40 Prozent.

Was Argentinien seit hundert Jahren erlebt, könnte auch anderen Ländern widerfahren. Nicht nur in Japan, sondern ebenso in etlichen europäischen Ländern mehren sich die Anzeichen einer längerfristigen Stagnation: In Italien liegt das BIP pro Kopf auf dem gleichen Niveau wie 1998 und der Abstand zur Schweiz ist bereits wieder so gross wie vor 30 Jahren. Dramatisch ist der Absturz in Griechenland, wo die Wirtschaft in nur fünf Jahren um ein Fünftel schrumpfte.

Italien ist hinter Südkorea zurückgefallen

Damit diese Länder zum Aufschwung zurückfinden, brauchen sie tiefgreifende Reformen. Zum Beispiel dauert es in Italien länger, um einen Elektrizitätsanschluss zu bekommen, als in Kasachstan, wie die Weltbank in einer Studie festhält. In einer aktuellen Umfrage des World Economic Forum über die Belastung durch staatliche Regulierungen steht Italien auf Rang 146, noch hinter Griechenland auf Platz 144. Ohne Reformen aber bezweifle ich, dass sich der europäische Kontinent vollständig von der Krise erholen kann.

Doch wollen wir hier nicht nur die Absteiger behandeln. In der Grafik ist deshalb der spektakuläre Boom von Südkorea eingezeichnet: Erst im Jahr 1988 konnte das ehemals bitterarme Land Argentinien überholen. Heute ist der Wohlstand schon grösser als in Italien. Und die Schweiz? Unser Wohlstand hat sich in den letzten hundert Jahren in etwa verfünffacht – eine wahrlich beeindruckende Entwicklung.

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