Wo nur bleibt das Wachstum?

Die Schweiz wurde von der Finanzkrise weniger schlimm getroffen als andere Länder. Trotzdem frage ich mich: Sind die Boomzeiten vorbei?

Schritt für Schritt nach Unten
Die Grafik zeigt das Pro-Kopf-Wachstum des Schweizer Bruttoinlandprodukts seit 1871, auf jährlicher Basis sowie im Durchschnitt über jeweils 20 Jahre.
Die Grafik zeigt das Pro-Kopf-Wachstum des Schweizer Bruttoinlandprodukts seit 1871, auf jährlicher Basis sowie im Durchschnitt über jeweils 20 Jahre.

Wachstum ist der Treibstoff unserer Wirtschaft. Ohne geraten der Staatshaushalt, die Sozialwerke und auch viele Firmen in Schieflage. Die Frage ist deshalb von grösster Tragweite: Welche Wachstumsraten können wir künftig erwarten? Zu diesem Zweck haben wir erstmalig das Bruttoinlandprodukt (BIP) in der Schweiz zurück bis 1871 analysiert. Das Resultat sehen Sie in der Grafik: Ein klar rückläufiger Trend über die letzten 140 Jahre. Die einzige Abweichung bilden die goldenen 50er und 60er Jahre mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Wachstum von 3,0 Prozent. Seit 1991 erreichte die Zuwachsrate dagegen nur noch 0,8 Prozent.
Setzt sich diese Entwicklung fort, so sinkt das Pro-Kopf-Wachstum in diesem und im nächsten Jahrzehnt auf lediglich 0,5 bis 0,6 Prozent. In den umliegenden Ländern zeigt der Trend sogar noch stärker nach unten. Ein paar Prozentpunkte mehr oder weniger bedeuten Welten: Bei einer Wachstumsrate von 3,0 Prozent braucht es 23 Jahre, bis sich die Wirtschaftsleistung verdoppelt. Bei 0,5 Prozent jedoch dauert es 139 Jahre! Schon ein bisschen mehr Wachstum bringt daher enorme Vorteile, um Staatsschulden und Arbeitslosigkeit einzudämmen. Wie aber lässt sich das sinkende Wachstum erklären? Ein wichtiger Faktor ist die Arbeitsproduktivität, welche seit 1970 immer weniger ansteigt.

Bemerkenswert: Computer und Internet konnten diese Stagnation nicht verhindern – während frühere Innovationen wie die Elektrizität oder das Automobil jeweils einen kräftigen Schub auslösten.

Das verdeutlicht: Inzwischen sind die meisten Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung ausgeschöpft. Als weitere Bremse wirkt die Demografie. Der schrumpfende Anteil der arbeitstätigen Bevölkerung drückt ebenfalls aufs Wachstum. Vielleicht bescheren uns ja künftige Technologien wie die künstliche Intelligenz oder die digitale Vernetzung einen neuen Boom. Realistischerweise aber sollten wir uns auf eine Zukunft mit weniger Wachstum einstellen. Tiefes Wachstum braucht allerdings nicht immer negativ zu sein: „Sieh das Gute liegt so nah!“ Tröstlich ist zudem die historische Sicht: Bis zur industriellen Revolution verharrten die Wachstumsraten über Jahrhunderte meist unter 0,5 Prozent. So gesehen erleben wir derzeit lediglich eine Rückkehr zur Normalität.

Wie beurteilen Sie die Wachstumsaussichten? Diskutieren Sie mit!

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