Seid umschlungen, Billionen!

„Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt! Brüder – überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.“

Was sucht ein Gedicht von Friedrich Schiller in einer Kolumne über Finanzthemen? Nun, erstens mag ich Poesie. Diese feierlichen Zeilen stammen aus der Ode „An die Freude“, in der Schiller von einer Gesellschaft gleichberechtigter Brüder (und Schwestern) schwärmt. Zweitens finde ich den im Gedicht verwendeten Begriff der „Millionen“ bemerkenswert. Zur Zeit Schillers stand die Zahl für eine kaum vorstellbare riesige Menge. Es war die grösste Zahl, die überhaupt geläufig war.

Und heute? Wer kann uns da noch mit lumpigen Millionen beeindrucken? Die Notenbanken und staatlichen Schatzmeister jonglieren inzwischen mit Milliarden oder gar Billionen. Die Summe der weltweiten Schuldtitel (Obligationen von Staaten und Firmen) nähert sich der Marke von hundert Billionen Dollar – das entspricht nahezu einer Verzehnfachung innerhalb von 25 Jahren (vgl. Grafik).

Zur Illustration: Als Stapel aus 1-Dollar-Noten würde diese Summe 14-mal von der Erde zum Mond und zurück reichen.

Was auffällt: Auch sechs Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise ist es nicht gelungen, das globale Schuldenwachstum einzudämmen. In vielen Ländern sind die Staatsfinanzen noch immer tiefrot. Und dies trotz massiver Unterstützung durch die Notenbanken: In Japan bezahlt der Staat für eine zehnjährige Obligation lediglich 0,4 Prozent Zins, obwohl der Schuldenberg bereits 250 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) erreicht. Möglich ist das nur, weil die japanische Notenbank den grössten Teil der neu emittierten Obligationen gleich selber kauft.

100000000000000 in Griffweite
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Das Volumen der weltweit ausstehenden Schuldtitel erreicht schon bald 100 Billionen Dollar – und wächst damit auch deutlich schneller als die globale Wirtschaft.

Die Schulden des Einen sind die Forderungen des Anderen

Gewiss, Japan ist ein Extrembeispiel. Wie die Grafik aber zeigt, fällt die Wirtschaftsleistung auch weltweit immer stärker hinter das Schuldenwachstum zurück. Diesen Trend gilt es zu stoppen. Immerhin sorgt das Jahr 2015 nun doch für einige Lichtblicke: In den USA geht die Staatsschuld in Relation zum BIP wieder leicht zurück, zum ersten Mal seit 2001. Der deutsche Staatshaushalt erzielt eine schwarze Null, erstmals seit 1969. Und in der Eurozone gewinnt die Konjunktur endlich wieder etwas an Fahrt, mithilfe des günstigen Erdöls und des schwachen Euros. Manche Länder wie Spanien ernten zudem erste Erfolge ihrer Strukturreformen.

Die positiven Signale sind auch bitter nötig, weil sonst das Vertrauen in die Sicherheit der ausstehenden Schuldtitel schwinden könnte. Diese Obligationen sind ja nichts anderes als das Guthaben der Sparer und Rentenempfänger. In diesem Sinne: Seid umschlungen, Billionen!

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3 Kommentare zu Seid umschlungen, Billionen!

  1. Mich würde interessieren, was passieren würde, wenn alle Gläubiger ihre Forderungen geltend machen würden. Beispiel: China fordert alle US Staatsanleihen ein die es hält.

  2. Sie schreiben, dass bei Schulden des einen auch Forderungen des andern zu Buche stehen müssen. Wer sind die Gläubiger, die bei einem Staatsbankrott zu Verlust kommen ? Genau hier liegt das Problem, da Staaten Schulden machen können, ohne einen direkten Gläubiger als Partner zu haben. Wie geht das ? Man druckt Noten und bläht die Staatsbilanz mit je einem Aktiv und einem Passivposten auf. Irgendwann platzt die Blase durch eine Hyperinflation, worunter dann leider die geamte Bevölkerung aufs Argste leidet. Albert Steck gibt sich zuversichtlich, da in den USA die Staatsschuld in Relation zum BIP wieder zurückgehe. Der deutsche Staatshaushalt erziele eine schwarze Null und die Eurozone gewinne an Konkunktur. Alle dies drei Behauptungen sind absolutes Wunschdenken (Fachwissenmangel oder Naivität). Ich warte gespannt auf einen weiteren Kommentar aus der Markt- und Produkanalyse der Migros Bank in einem Jahr. Schwarze Prognosen haben nichts mit Pessimismus zu tun sondern mit Tatsachen.

    Otto Gerber, eidg. dipl. Bankfachexperte

  3. Wo Schuldner sind, sind auch Gläubiger. Die Schulden belasten überwiegend die Allgemeinheit während die 100 Billionen $ Guthaben vorwiegend unermesslich reichen Privatleuten gehören, die zudem immer weniger Steuern zahlen. Diese verheerende Entwicklung ist schlicht das Resultat des neoliberalen Prinzips, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren.

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