«Der Ungeduldige fährt sein Heu nass ein»

Der Spruch des Schriftstellers Wilhelm Busch gilt besonders für die Börse. Der Kurseinbruch vom Herbst verdeutlicht schon fast lehrbuchmässig, weshalb sich Stehvermögen beim Anlegen auszahlt.

Noch Ende September herrschte an der Börse eitel Sonnenschein. Die Schweizer Börse hatte seit Anfang Jahr gut 10 Prozent an Wert zugelegt. Im Gegenzug war die Volatilität, als Indikator für die Risikowahrnehmung der Investoren, weit unter den langjährigen Durchschnitt abgesunken. Doch dann Anfang Oktober dominierten in den News zunehmend negative Schlagzeilen zur Konjunktur in Europa. Hinzu kam die Befürchtung, die US-Notenbank könnte die Leitzinsen bereits früher als erwartet anheben.

In nur zwei Wochen fiel der Swiss Market Index (SMI) von 8835 auf 8058 Punkte. Gleichzeitig sprang die Volatilität auf den höchsten Wert seit Sommer 2013. Die Investoren waren alarmiert. Auch auf unserem Blog äusserten vereinzelte Anleger die Kritik, wir hätten zu wenig auf das Risiko einer Kurskorrektur hingewiesen.

Konstanz zahlt sich aus

Tatsächlich hatten wir keine Verkaufsempfehlung herausgegeben. Stattdessen stützten wir unsere Einschätzung zu den Finanzmärkten konsequent auf zwei Grundprinzipien: Erstens braucht es für die Geldanlage einen langfristigen Planungshorizont (siehe zum Beispiel Dummes vs. smartes Geld). Und zweitens lassen sich kurzfristige Schwankungen kaum voraussagen, weshalb eine „Kaufen und Halten“-Strategie gegenüber dem Markt-Timing im Vorteil ist (unsere Studie dazu lesen Sie unter diesem Link).

Die jüngste heftige Kurskorrektur deutet allerdings darauf hin, dass die Anleger vermehrt zu (überhasteten) kurzfristigen Reaktionen neigen – zu ihrem eigenen Schaden, wie die untenstehende Grafik verdeutlicht. Sie zeigt die statistische Wahrscheinlichkeit, mit der nach Ablauf einer bestimmten Zeitdauer ein Börsengewinn eintritt.

Konkret: Wer heute Aktien kauft, hat nach Ablauf von zehn Jahren mit 94-prozentiger Wahrscheinlichkeit einen Gewinn erzielt. Nach fünf Jahren liegt er zu 88 Prozent im Plus.

Deutlich schlechter dagegen sieht die Bilanz nach lediglich zwölf Monaten aus: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Aktien in der Gewinnzone liegen, beträgt nur noch 72 zu 28. Und bei einer noch kürzeren Frist von einem Monat fällt dieses Verhältnis sogar auf 56 zu 44. Hier kommt nun zusätzlich die menschliche Psyche ins Spiel: Der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann hat nachgewiesen, dass wir einen Verlust deutlich stärker gewichten, als dies bei einem gleich grossen Gewinn der Fall ist. In der Wissenschaft spricht man von Verlustaversion.

Geduld zu haben, lohnt sich
Geduld zu haben, lohnt sich
Je länger eine Aktienanlage dauert, desto grösser ist die Chance auf einen Gewinn. Beispiel: Wenn ich heute Aktien kaufe, habe ich nach einem Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von 72 Prozent einen Gewinn erzielt.
(Die Daten basieren auf der historischen Rendite und Standardabweichung der US-Börse seit 1929.)

Was folgt daraus für die Praxis? Viele Anleger könnten ihre Finanzplanung durchaus auf einen langen Zeithorizont ausrichten. Das tun sie aber nicht. Aufgrund der Verlustaversion verkürzen sie die Planungsfrist unnötigerweise auf wenige Monate oder gar Wochen.

Die Ereignisse vom Oktober haben schon fast lehrbuchmässig gezeigt, dass die Verlustaversion zu schlechten Anlageentscheiden führt – und nur der Ungeduldige sein Heu nass einfährt. Es dauerte nämlich keine zwei Wochen, bis der Swiss Market Index seine Verluste wettgemacht hatte. Damit nicht genug: Im November kletterte der Index weiter auf ein neues Jahreshöchst und knackte die 9000-Punkte-Marke.

Natürlich besteht ein latentes Risiko, dass die Kurse in den nächsten Monaten erneut ins Rutschen kommen. Der Börsenzyklus befindet sich nach seinem dreijährigen Aufschwung mittlerweile in einem reifen Stadium. Womöglich wird es beim nächsten Taucher einen längeren Atem brauchen, bis sich die Kurse wieder erholen. Immerhin jedoch fällt die Geduldsprobe für die Aktionäre dank der nach wie vor ansehnlichen Dividendenrendite von rund 3 Prozent etwas erträglicher aus.

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2 Kommentare zu «Der Ungeduldige fährt sein Heu nass ein»

  1. Der Kommentar haben nur indirekt Bezug zu den Artikel. Der NZZ von heute Mittwoch entnehme ich, dass Standard & Poor’s die Migros Bank tiefer einstuft. Die Begründung wirkt plausibel. Ich hoffe jedoch sehr, dass die Migros Bank die Risiken verantworten kann. Sie hat ja keine Staatsgarantie.
    Nehmen sie doch öffentlich Stellung zu der Einstufung.
    Besten Dank Edgar Stahel

    1. Guten Tag Herr Stahel
      In der verkürzten Form hat die NZZ den S&P-Bericht leider falsch zitiert. Die Strategie der Preisführerschaft der Migros Bank führt nicht zu einer lockeren Kreditvergabe. Im Gegenteil, eine Preisführerschaft bedingt stets eine überdurchschnittliche Risikoselektion. Was der S&P-Bericht meinte und die NZZ falsch verstanden hat: Die Migros Bank rechnet beim kalkulatorischen Zins mit 4,5 statt 5%, und das ist Teil ihrer günstigen Konditionen. Das ist aber nicht mit einer lockeren Kreditvergabe gleichzusetzen, denn die Migros Bank prüft sorgfältig, wer in den Genuss dieser Konditionen kommt.
      Freundliche Grüsse, Urs Aeberli

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