Von Hasen und Schildkröten

Leider habe ich mit dem Kauf von Aktien zu lange gezögert. Stimmt mein Eindruck, dass auch viele andere Anleger den Boom verpasst haben?

Kennen Sie die Fabel vom Hasen und der Schildkröte? Der Hase macht sich über die Langsamkeit der Schildkröte lustig, bis diese vorschlägt, ein Rennen zu veranstalten. Der Hase rennt mit grossen Sprüngen sogleich los. Weil er sich des Sieges allzu sicher ist, legt er sich bei halber Distanz ins Gras. Dabei schläft er ein – und erwacht erst, als die Schildkröte unter dem Jubel der Zuschauer das Ziel erreicht.

Nun, Hasen und Schildkröten gibt es auch unter den Anlegern: Der stürmische Hase deckt sich flugs mit Aktien ein, wenn die Kurse steigen. Dreht die Börse darauf ins Minus, stösst er seine Bestände ebenso hektisch ab, in der Absicht, sich später zu günstigeren Preisen wieder damit einzudecken. Doch weil er ständig auf noch tiefere Kurse hofft, lässt er die guten Kaufgelegenheiten ungenutzt verstreichen. Und verpasst prompt den Boom. Die Schildkröte dagegen prüft zunächst sorgfältig, welches Tempo (sprich: welche Aktienquote) zu ihr passt. Hat sie die Strategie einmal bestimmt, so hält sie konsequent daran fest – selbst wenn die Börse mal einbricht. Weil die Schildkröte weiss, dass die Aktienkurse auf lange Frist steigen, hat sie auch die nötige Ausdauer, um dannzumal vom Aufschwung zu profitieren.

In der Praxis neigen die Anleger eher zum sprunghaften Verhalten des Hasen: Wenn die Kurse anziehen, kaufen sie voller Optimismus. Kommt es aber zu einer Korrektur, steigen sie wieder aus.

Die verpassten Börsengewinne
Die verpassten Börsengewinne
Die privaten Anleger haben ihre Aktienbestände nach der Korrektur abgebaut. Deshalb gewinnen sie jetzt weniger während des Booms. Die blaue Kurve zeigt die effektiv erzielte Aktienrendite der Haushalte seit Anfang 2002. Mit einer «Kaufen und Halten»-Strategie (d. h. mit einem konstanten Aktienanteil) hätten sie deutlich besser abgeschnitten. (Quelle: Migros Bank)

Den Effekt sehen Sie in der Grafik anhand der Gegenüberstellung der beiden Kurven. Die blaue Linie zeigt, wie sich das Aktienvermögen der privaten Haushalte in der Schweiz seit 2002 effektiv entwickelt hat. Die obere rote Kurve dagegen zeigt zum Vergleich die Performance einer „Kaufen und Halten“-Strategie, wenn also der Anleger den Aktienanteil stets konstant hält – analog zur beständigen Schildkröte.

Aus der Grafik wird ersichtlich, dass der Rückstand der blauen zur roten Kurve immer mehr zunimmt: Der Grund liegt darin, dass die Haushalte ihre Aktienbestände nach der Baisse reduziert haben. Deshalb können sie jetzt nur unterdurchschnittlich vom Börsenboom profitieren. Um welch grosse Summe es dabei geht, verdeutlicht folgende Rechnung: Aktuell besitzen die Haushalte Aktien im Wert von rund 280 Milliarden Franken. Mit einer langfristig ausgerichteten „Kaufen und Halten“-Strategie jedoch wäre dieses Vermögen 24 Milliarden Franken höher. Hätten sich die Anleger nur etwas mehr wie Schildkröten verhalten.

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