Activist taking care of environment during sorting paper waste to proper recycling bin on terrace

Recyceln allein reicht nicht

Recyceln von Abfällen ist gut. Noch besser ist, wenn Abfälle gar nicht erst entstehen. Dieses Ziel verfolgt Circular Hub, eine Plattform für Kreislaufwirtschaft. Unterstützt wird sie vom Förderfonds Engagement Migros, der von der Migros Bank mitfinanziert wird.

80 bis 90 Millionen Tonnen Abfall entstehen Jahr für Jahr in der Schweiz. Das entspricht dem Gewicht von mehr als 7000 Eiffeltürmen. Von dieser gewaltigen Menge werden nur knapp 53 Prozent rezykliert. Grosse Anstrengungen werden unternommen, um diesen Anteil zu erhöhen. 

«Aber Recycling sollte nur das Mittel der letzten Wahl sein», sagt Marloes Fischer, Gründerin und CEO von Circular Hub. «Erst wenn sich ein Produkt nicht mehr länger nutzen lässt, sollte es dem Recycling zugeführt werden. Aus Umweltsicht ist es in fast allen Fällen besser, Produkte möglichst lange zu nutzen, da auch Recycling wegen des Verbrauchs von Energie, Wasser oder Chemikalien umweltbelastend ist.» Circular Hub setzt daher auf eine konsequente Kreislaufwirtschaft. «Es geht darum, die Nutzungs- und Lebensdauer von Produkten zu erhöhen, indem sie geteilt, wiederverwendet, repariert und wiederaufbereitet werden», erläutert Fischer.

Engagement Migros begleitet Circular Hub seit Beginn

Die gebürtige Niederländerin Marloes Fischer unterstützte jahrelang als Führungskraft und Unternehmensberaterin Firmen bei Transformationsprozessen. Für sie ist die Veränderung des aktuellen linearen Wirtschaftssystems hin zu einer Kreislaufwirtschaft der nächste logische Schritt in ihrer Arbeit. Als Plattform für diese Transformation gründete sie 2018 den Circular Hub. «Als zentrale Anlaufstelle für Wissen, Methoden und Werkzeuge tragen wir zur Realisierung von Kreislaufwirtschaft in der Schweiz bei. Wir sensibilisieren, befähigen und begleiten Unternehmerinnen und Unternehmer, zirkuläre Geschäftsmodelle zu entwickeln und umzusetzen», beschreibt Fischer die Tätigkeit von Circular Hub.

SVIT Congress at the KUK Aarau with speaker Marloes Fischer© Patric Spahni
SVITKongress im KUK Aarau mit Referentin Marloes Fischer© Patric Spahni

Fischers Unternehmen passt perfekt zu den Tätigkeitsbereichen des Förderfonds Engagement Migros, der von der Migros Bank mitfinanziert wird (siehe Textbox). «Engagement Migros fördert Projekte im Bereich der Kreislaufwirtschaft, weil diese grosse ökonomische und ökologische Chancen für die Schweiz bietet. Denn die Kreislaufwirtschaft erlaubt es, mit tiefem Ressourcenverbrauch gewinnbringend zu wirtschaften», erklärt Corinne Grässle, Projektleiterin bei Engagement Migros im Themenbereich Kreislaufwirtschaft. 

Um den Übergang von der linearen zur zirkulären Wirtschaft zu fördern, zählte Engagement Migros auch zu den Initiatorinnen der Bewegung Circular Economy Switzerland (CES). «Bei der CES-Gründung 2018 haben wir zusammen mit den Partnern verschiedene Ideen geprüft, wie die Schweiz in Sachen Kreislaufwirtschaft rasch auf Kurs kommen könnte», erläutert Grässle. «Der Ansatz von Marloes Fischer hat uns sehr interessiert, denn er ist besonders gut auf das KMU-Land Schweiz zugeschnitten.» Zu diesem Zeitpunkt war der Circular Hub nicht mehr als eine Idee. Durch den Austausch mit Engagement Migros kam es zu einer intensiven Zusammenarbeit und schliesslich zur Lancierung des Circular Hub Ende 2018.

Von der Sensibilisierung über die Befähigung zur Umsetzung

Dank der Anschubfinanzierung durch Engagement Migros konnte der Circular Hub in den ersten Jahren den Fokus auf den Aufbau von zwei Standbeinen richten: erstens für die Kreislaufwirtschaft sensibilisieren über Content-Erstellung und dessen Verbreitung via Webseite, Newsletter und Social Media, zweitens Unternehmerinnen und Unternehmer durch Kurse an der hauseigenen Akademie befähigen. 

Infographic Circular Hub pillars
Die vier Standbeine des Circular Hubs

Mittlerweile umfasst das Team von Circular Hub fünf Personen. Ihre Schwerpunkte sind seit 2021 die weitere Verstärkung der Akademie als zweites Standbein sowie der Auf- und Ausbau der Beratung als drittes Standbein. Diese Implementierungsbegleitung soll helfen, die Kreislaufwirtschaft im Unternehmensalltag umzusetzen. Dazu erklärt Fischer: «Wenn ein Unternehmen schon eine klar definierte Strategie hat, in der Kreislaufwirtschaft eine Rolle spielt, kann die Entwicklung von zirkulären Produkten und Geschäftsmodellen starten. Wenn andererseits ein Unternehmen erst verstehen möchte, was Kreislaufwirtschaft bedeutet, können wir es mit einem Pilotprojekt für ein zirkuläres Produkt- oder Service-Design unterstützen.» Empfehlenswert sei es, eine langfristige, ehrgeizige Vision und einen realistischen, kurzfristigen Aktionsplan zu haben. «Das bindet die Mitarbeitenden ein und macht es möglich, schnell Erfolge zu feiern.»

Jedes Gebäude ein Materialdepot, jedes Areal eine Materialmine 

Erfolgreiche Kreislaufwirtschaft setzt ein Denken in grösseren Zusammenhängen voraus. «Ein einzelnes Unternehmen kann keine Kreislaufwirtschaft realisieren. Das geht nur, wenn das Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette mit anderen kooperiert», erläutert Fischer. Solche Kooperationen werden in sogenannten «Communities of Practice» gefördert. Eine der ersten dieser Communities, die sich bei Circular Hub mit zirkulären Möglichkeiten beschäftigt, ist die Bau- und Immobilienbranche. Dort gilt das Motto: Jedes Gebäude ist ein Materialdepot, jedes Areal eine Materialmine (siehe Textbox). 

«In den kommenden Monaten vertiefen wir unsere Community-Aktivitäten und wollen weitere Branchen erschliessen», kündigt Fischer an. Dabei nennt sie Logistik und Finanzen als wichtige Sektoren, um die Kreislaufwirtschaft entscheidend voranzubringen. Der Finanzbereich habe einen besonders grossen Hebel. Denn neue Geschäftsmodelle wie «Product-as-a-Service» (PaaS) setzen ein funktionierendes Finanzierungsmodell voraus. Statt dass z.B. ein Wärmetechnikunternehmen eine Heizung verkauft, bietet es die gewünschte Heizungswärme an – vom Kunden z.B. über ein Energie-Contracting finanziert.

«Meine Vision ist ein Swiss Circular Valley»

Das Potenzial für zirkuläre Geschäftsmodelle ist hierzulande gross, weil viele Schweizer KMU-Betriebe oft qualitativ hochstehende Ware herstellen statt Billigprodukte. Die Kreislaufwirtschaft schafft für sie nicht nur ökologischen, sondern auch ökonomischen Mehrwert. Das zeigt das Beispiel der Vögeli AG aus der Sensibilisierungsarbeit von Circular Hub. Seit das Unternehmen als erste Druckerei weltweit Gold in der Kreislauf-Zertifizierung «Cradle to Cradle» erhalten hat, nehmen die Druckaufträge wieder zu. Und das in einem Markt, der seit Jahren rückläufig ist. 

Marloes Fischer with course participants
Marloes Fischer mit Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern

Solche Lösungen werden durch das richtige Innovationsumfeld gefördert. «Meine Vision ist ein Swiss Circular Valley», meint daher Fischer. Circular Hub arbeitet im Verbund mit der eingangs erwähnten Bewegung Circular Economy Switzerland (CES) und mit weiteren Netzwerkpartnern. «Circular Hub ist dabei die erste Anlaufstelle für interessierte Unternehmen, die Kreislaufwirtschaft realisieren wollen. In unseren Kursen bieten wir Methoden- und Strategiekompetenz zu Kreislaufwirtschaft, während unsere Partner themenspezifische Expertise und Erfahrungen für die konkrete Umsetzung einbringen – dies z.B. in den Bereichen Bau, Finanzen und Beschaffung», erklärt Fischer. Im Netzwerk werden so gemeinsam die nächsten Schritte für das Unternehmen entwickelt und umgesetzt – und der gigantische Schweizer Abfallberg Schritt um Schritt verringert.

Engagement Migros

– Engagement Migros ist ein Förderfonds, der von der Migros Bank und weiteren Unternehmen der Migros-Gruppe wie Denner, Migrol und migrolino getragen wird. Der Beitrag der Migros Bank belief sich 2020 auf 8,2 Millionen Franken. Engagement Migros ergänzt seit 2012 das Migros-Kulturprrozent, das von den regionalen Migros-Genossenschaften und dem nationalen Migros-Genossenschafts-Bund finanziert wird.

– Engagement Migros unterstützt pro Jahr etwa zehn bis 15 neue Pionierprojekte aus folgenden Themenfeldern: Mensch und Digitalisierung, kollaborative Innovation, Ernährung, Kreation und Markt, Museen und Publikum, Mobilität, Kreislaufwirtschaft. 

– Zu letzterem Bereich gehört das Engagement bei Circular Hub. «Neben der finanziellen Unterstützung ist das Begleiten des Projekts ein zentraler Teil unserer Förderung: Wir sind Sparringpartner auf Augenhöhe», erklärt Corinne Grässle. Als Projektleiterin bei Engagement Migros im Themenbereich Kreislaufwirtschaft tauscht sie sich regelmässig mit dem Team von Circular Hub aus, um den Projektfortschritt zu beurteilen und die nächsten Schritte zu planen. «Diese Sicht von ‹halb-aussen› ist auch für das Projekt wertvoll. Denn mit etwas Distanz werde ich auf Punkte aufmerksam, die dem Projektteam nicht mehr auffallen», erläutert Grässle. Über dieses Sparring hinaus organisiert Engagement Migros bei Bedarf auch Coachings durch externe Profis, etwa für die Überarbeitung eines Businessmodells.

– Die Unterstützung eines Projekts durch Engagement Migros ist jeweils auf drei bis fünf Jahre  befristet. «Wir begleiten Circular Hub seit Ende 2018 und sind noch bis Frühling 2022 mit an Bord», so Grässle.

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