Anlagen_Achterbahn

Auf dem falschen Fuss erwischt

Die Aktienkurse steigen und steigen. Zum dritten Mal in Serie hat der Swiss Performance Index das Jahr mit einem zweistelligen Plus beendet. Trotzdem kommt unter den Anlegern keine Champagnerstimmung auf. Weshalb, zeigt eine Untersuchung der Migros Bank.

Das Rezept, um an der Börse Erfolg zu haben, lautet kurz und bündig: „Buy low, sell high.“ Was in der Theorie sehr einfach klingt, ist in der Praxis mit etlichen Tücken behaftet: Ist ein Kurs jetzt als hoch oder tief einzustufen? Die Frage lässt sich erst im Nachhinein mit Gewissheit beantworten. Und falls eine Über- oder Untertreibung an der Börse besteht, so kann diese über Jahre andauern, was vom Anleger viel Geduld erfordert.

Hinzu kommen die Emotionen des Anlegers: Ein gewonnener und ein verlorener Franken haben für uns nicht die gleiche Bedeutung. Diese Erkenntnis – in der Wissenschaft als „Verlustaversion“ bezeichnet – geht zurück auf den Nobelpreisträger Daniel Kahneman. Er konnte in Experimenten nachweisen, dass ein Verlust in unserem Empfinden viel schwerer wiegt, als ein gleich grosser Gewinn.

Ein Verlust von 1000 Franken muss im Schnitt durch 2000 Franken Gewinn kompensiert werden, damit die mentale Balance wieder ausgeglichen ist.

Die Verlustaversion führt dazu, dass wir tendenziell sichere Anlagen bevorzugen, um eine negative Performance zu verhindern. Die Kehrseite ist allerdings: Günstige Einstiegschancen werden verpasst, weil nach einem Kurseinbruch die Risiken als besonders hoch betrachtet werden. Wie sich dieses Verhaltensmuster konkret auf die Entscheide der Anleger auswirkt, zeigt nun eine Untersuchung der Migros Bank. Dabei wurden die aggregierten Aktientransaktionen der privaten Schweizer Haushalte seit 2001 ausgewertet und der Börsenentwicklung gegenübergestellt (vgl. Grafik). Das Ergebnis: Die Anleger haben bei tiefen Kursen deutlich mehr Aktien verkauft, als gekauft – entgegen der Maxime „Buy low, sell high“.

Wenn günstige Preise locken, laufen die Leute davon

Picken wir das Jahr 2012 heraus, als der letzte dreijährige Börsenboom begann: Rückblickend wissen wir, dass dies eine hervorragende Kaufgelegenheit gewesen wäre. Trotzdem haben die Haushalte ihre Aktienbestände um netto 14 Milliarden Franken reduziert. Viele Anleger interpretierten die einsetzende Kurserholung als Gelegenheit, um Verlustpositionen zu liquidieren, anstatt langfristig vom Börsenerfolg zu profitieren. Im gleichen Jahr übrigens stockten die Haushalte ihren Bestand an Bargeld und Kontoeinlagen um 38 Milliarden Franken auf – an liquiden Mitteln hätte es also nicht gefehlt.

Das gleiche Muster lässt sich beim vorherigen Aktiencrash beobachten: Kaum war der Tiefpunkt überwunden, begannen die Anleger, aus den Dividendenpapiere zu flüchten. Allein in den Jahren 2004 und 2005 – rückblickend ein idealer Zeitpunkt zum Einsteigen – warfen sie Aktien für 23 Milliarden Franken auf den Markt.

Schlechtes Markttiming der Anleger
Schlechtes Markttiming der Anleger
Die Anleger haben ihre Aktienbestände zu einem schlechten Zeitpunkt verkauft, nämlich in der frühen Phase des Aufschwungs. Die Darstellung zeigt aggregiert die jährlichen Aktientransaktionen der Schweizer Haushalte.

Die Auswertung bestätigt einen geistreichen Spruch, den der legendäre Investor Warren Buffett einst gemacht hatte: „Der Aktienmarkt ist der einzige Markt, vor dem die Leute weglaufen, wenn dort ein Ausverkauf stattfindet.“ Die Verlustaversion verleitet uns dazu, die Gefahren besonders dann als gross einzustufen, wenn die Kurse gefallen sind. Dabei blenden wir aber aus, dass die erhöhten Risiken ja bereits in den tieferen Kursen abgebildet sind. Umgekehrt bedeuten steigende Kurse nicht, dass die Verlustrisiken entsprechend abgenommen hätten, sondern lediglich, dass die Marktteilnehmer zuversichtlicher geworden sind – und deshalb ihre Erwartungen für die Zukunft nach oben geschraubt haben.

Erfolgreiches Anlegen erfordert Beharrungsvermögen: Man darf sich nicht von der momentanen Stimmung an den Märkten aus dem Konzept werfen lassen. Der verbreitete Pessimismus nach einem Kursrückgang ist ein trügerisches Verkaufssignal. Schon fast lehrbuchmässig hat das der Einbruch vom Oktober demonstriert (vgl. Der Ungeduldige fährt sein Heu nass ein). Und wenn auf der andern Seite Euphorie an der Börse herrscht, dann sollten wir uns ebenso wenig davon anstecken lassen. Eine banale Erkenntnis. Dumm nur, dass sie in der Hektik des Börsenalltags so schwierig umzusetzen ist.

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Der Artikel dazu in der NZZ:
„Trügerischer Pessimismus – Das Bauchgefühl leitet Anleger in die Irre“

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