Geschenk

Vom (Un-)Sinn des Schenkens

Die immer grössere Flut an Geschenken zu Weihnachten beurteile ich skeptisch. Dieser Brauch führt doch zu einer Verschleuderung von Ressourcen. Was ist Ihre Meinung dazu?

In einem Punkt muss ich Ihnen als Ökonom Recht geben: Aus einer reinen Kosten-Nutzen-Sicht macht das Schenken wenig Sinn. Wissenschaftliche Experimente zeigen, dass die Leute den erhaltenen Geschenken im Durchschnitt einen 20 Prozent tieferen Wert zuschreiben, als sie effektiv gekostet haben. Auch wenn wir uns beim Auswählen noch so bemühen: Dass wir mit den Pralinen, Parfüms oder Pullis genau den Geschmack der Beschenkten treffen, ist meistens Zufall.

Ökonomisch betrachtet wäre es daher effizienter, wir würden uns einfach Geld unter den Weihnachtsbaum legen.

Doch weshalb schenken wir uns dann Dinge, wenn diese in den Augen der anderen Person an Wert verlieren? Gemäss der Logik des Homo oeconomicus könnte man argumentieren: Wir denken beim Schenken nicht primär an den Empfänger, sondern an den eigenen Vorteil: Mit einer prächtigen Gabe steigere ich mein persönliches Prestige. Ausserdem kann ich mit einem Geschenk jemanden diskret zu einer Änderung seines Verhaltens drängen, etwa bei der Wahl seines Parfüms.

Gewiss verfolgen wir beim Schenken auch das eine oder andere egoistische Ziel. Aber eben nicht nur! Denn das Modell des nutzenmaximierenden Homo oeconomicus kann das menschliche Verhalten nur zum Teil erklären. Daneben lassen wir uns ebenso von altruistischen – also uneigennützigen – Motiven leiten. Zum Beispiel beim Spenden oder bei ehrenamtlichen Tätigkeiten. (Solche Formen von Altruismus sind übrigens nirgendwo sonst in der Tierwelt zu beobachten.)

Der Mensch hat das Bedürfnis zu selbstlosem Handeln

Dass wir an Weihnachten die ökonomische Wertvermehrung ausser Acht lassen und uns mit Geschenken überhäufen, sehe ich ebenfalls als Ausdruck des menschlichen Drangs nach selbstlosem Handeln.

Es ist doch schön, dass beim Schenken – im Gegensatz zu so vielen anderen Bereichen im Leben – für einmal nicht das nüchterne Kosten-Nutzen-Denken dominiert.

Zugegeben, mitunter überborden unsere Schenkrituale schon etwas. Was auf einen weiteren, durchaus menschlichen Wesenszug deutet: die Selbstüberschätzung. Die meisten von uns sind weit weniger begabt, die Wünsche unserer Nächsten zu erahnen, als wir dies gerne wahrhaben möchten. Allein mit dieser simplen Einsicht könnten wir bereits etliche Fehltritte mit allzu extravaganten Geschenken vermeiden. Aber deswegen den Brauch gleich abschaffen? Die Welt wäre um viele freudige Ahs und Ohs ärmer…

Immer noch auf der Suche nach dem passenden Weihnachtsgeschenk? Albert Steck stellt Ihnen hier sieben lesenswerte Bücher zu aktuellen ökonomischen Themen vor. Zum Verschenken oder selber lesen.

1 Kommentar zu Vom (Un-)Sinn des Schenkens

  1. Das Problem ist nur, dass der traditionelle home oeconomicus als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis längst ausgedient hat. Menschen funktionieren grösstenteils eben nicht rational. Ökonomen haben grosse Mühe Dieses zu verstehen. Darum macht Schenken Sinn und Freude. Von Ihren Buchtipps empfehle ich den lesenswerten Taleb.

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