«Noch mindestens zwei Jahre Negativzinsen»

Auch das Jahr 2020 wird von sehr tiefen Zinsen geprägt sein. Christoph Sax, Chefökonom der Migros Bank, erklärt die Auswirkungen auf Kleinsparer, Wohneigentümer, Börse und Wirtschaft.

Sparer erhalten als Folge der Negativzins-Politik auf ihr Geld kaum noch Zinsen, und Hauskäufern wird das Geld fast umsonst ausgeliehen. Wie lange dauert diese Negativzins-Phase noch?

Daran wird sich so bald nichts ändern. Die Negativzinsen werden mindestens noch zwei Jahre anhalten. Es könnte sogar eine weitere Zinssenkung geben. Wenn nämlich die Europäische Zentralbank ihre Zinsen weiter reduziert, muss die Schweizerische Nationalbank (SNB) womöglich nachziehen.

Kleinsparer werden also weiterhin büssen?

Trotz tiefer Zinsen haben sie bisher kaum darunter gelitten. Die Kaufkraft der Schweizer Bevölkerung ist von 2011 bis 2017 sogar deutlich gestiegen – man erhielt mehr für sein Geld. Dies weil die Preise gesunken sind und die Zinsen im Plus-Bereich lagen. Mit den anhaltend tiefen Zinsen und der Rückkehr der Teuerung in den positiven Bereich hat sich dies 2017 jedoch geändert, so dass die Kaufkraft von Spareinlagen seit zwei Jahren sinkt. Dieser Trend wird vorerst anhalten. Wir gehen für 2020 und 2021 schweizweit von 0,15 bzw. 0,50 Prozent Kaufkraftverlust von Spareinlagen aus.

Wie können Kleinsparer der Einbusse entrinnen?

Als Alternative zum Sparkonto bieten sich Strategiefonds an, die breit diversifiziert sind. Es kommt aber immer darauf an, wie man selber mit Risiken umgehen kann. Wenn man nicht mehr schlafen kann, wenn die Kurse an den Aktien- und Obligationenmärkten sinken, sollte man lieber beim Sparkonto bleiben.

Oder etwas für die Altersvorsorge tun?

Eine Säule 3a sollte sowieso jede und jeder aufbauen, weil sich die Gelder von den Steuern abziehen lassen und man diese Art von Vorsorgen nicht nachholen kann. Auch ein Einkauf in die Pensionskasse ist steuerlich attraktiv. Er empfiehlt sich aber nur, wenn die Pensionskasse gesund ist und beispielsweise keine Sanierung ansteht.

Die Pensionskassen leiden ebenfalls unter den tiefen Zinsen, denn diese verschlechtern ihre Rendite. Welche Auswirkungen hat das auf die Renten?

Niedrige Anlageerträge bedeuten, dass die Renten weniger gut finanziert werden können. Die Renditen sind allerdings nicht das Hauptproblem der Pensionskassen. Mit Anlagen wie Immobilien und Aktien haben sie bislang gute Renditen erwirtschaftet. Diese Erträge kommen aber immer stärker nur den Rentenbezügern zugute, weil die Lebenserwartung stetig steigt. In den letzten 30 Jahren hat die durchschnittliche Rentendauer rund dreieinhalb Jahre zugenommen. Dies lässt sich mit dem Alterskapital nicht mehr finanzieren. Die Rentenversprechen sind zu hoch. Gemäss aktuellen Zahlen des Bundes beträgt die Quersubventionierung von Aktiven zu Rentner 7 Milliarden Franken pro Jahr. Diese Belastung kann auf Dauer nicht gut gehen.

Eine Erhöhung des Rentenalters ist politisch aber kaum durchsetzbar…

Warum wagen wir nicht einen Blick über den Tellerrand hinaus: In skandinavischen Ländern ist das Rentenalter flexibilisiert. Jeder kann innerhalb einer bestimmten Bandbreite selber wählen, wie lange er arbeiten will. Je länger man arbeitet, desto höher ist am Ende die Rente. In diversen Ländern Europas ist das Rentenalter zudem an die Lebenserwartung gekoppelt. Klar müssten die Anreize im Arbeitsmarkt so gesetzt werden, dass auch ältere Mitarbeitende Karrierechancen haben.

Wie schädlich sind die Negativzinsen und billiges Geld für die Gesamtwirtschaft?

Einerseits begünstigen sie die Blasenbildung bei Vermögenswerten und schaffen so wirtschaftliche Risiken. Andererseits können sich Unternehmen dermassen billig refinanzieren, dass sie wenig Anreiz haben, produktiver zu werden. Das hat zur Folge, dass Firmen, die in einem normalen Wettbewerbsumfeld eigentlich keine Chancen hätten, weiterexistieren. Es entstehen Überkapazitäten – weltweit. Im Extremfall wird die Wirtschaft allmählich verstaatlicht – etwa dann, wenn die Notenbank noch Anleihen und Aktien einheimischer Unternehmen erwirbt, wie dies in Japan der Fall ist. In der Schweiz ist diese Gefahr weniger akut: Die SNB erwirbt keine Anleihen inländischer Schuldner. Ausserdem müssten die negativen Zinsen noch viel länger als die prognostizierten zwei Jahre anhalten.

Selbst ohne Abbau der Überkapazitäten sind die Konjunkturaussichten schlecht. Müssen sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf Entlassungen einstellen?

In der Schweiz ist die Lage vor allem in der Industrie unsicherer geworden. Der produzierende Bereich der Wirtschaft spürt bereits seit einem Jahr eine Abflachung. Der Konsum der privaten Haushalte ist hingegen stabil, und auch im Dienstleistungssektor ist die Stimmung besser als in der Industrie. Eine leichte Rezession ist möglich, sie würde aber nur beschränkt auf den Arbeitsmarkt durchschlagen und nur leicht höhere Arbeitslosenzahlen zur Folge haben.

Wovon hängt es ab, ob es soweit kommt?

Der Handelsstreit zwischen den USA und China wird das Zünglein an der Waage sein. Die Zölle auf eingeführte Güter sind mit Steuern vergleichbar, welche die Unternehmen belasten. Das ist Gift für den internationalen Handel und für die Investitionstätigkeit. Darunter leidet auch die Schweiz. Die Wirtschaft kann dadurch in eine Rezession gerissen werden.

Haben die Notenbanken noch Spielraum, die Wirtschaft zu stützen?

Die SNB hat im Herbst den Freibetrag für die Banken, also jenen Betrag, auf den keine Negativzinsen erhoben werden, erhöht. Das mildert die Folgen für Banken. Die SNB hat sich damit etwas Spielraum verschafft. Würde der Schweizer Franken in einer Krise wieder zum sicheren Hafen und entsprechend teurer, kann die Nationalbank den Leitzins weiter senken oder den Franken gezielt schwächen, indem sie Devisen, sprich Euro oder Dollar, kauft. Grundsätzlich könnte sie auch Anleihen des Bundes oder von Schweizer Unternehmen kaufen.

Die SNB könnte den Bürgern auch direkt Geld verteilen, also das sogenannte Helikoptergeld einführen.

Dies wäre grundsätzlich machbar. Für die SNB ist es aber keine Option. Das neu gedruckte Geld wäre nicht mit Aktiven gedeckt. Sie würde damit die Kontrolle über die Geldmenge teilweise aus der Hand geben. Das so ausgegebene Geld könnte sie nicht so einfach wieder einsammeln. Das wäre ein Paradigmenwechsel und würde das ganze Finanzsystem verändern.

Wird es demnächst wieder Hochzinsphasen geben, wie wir sie beispielsweise in den 1980er Jahren hatten?

Das ist unwahrscheinlich. Auch wenn man die extremen Zinssenkungen der Zentralbanken während der vergangenen Jahre ausklammert, ist das natürliche Zinsniveau in den letzten 20 Jahren um 1,5 bis 2 Prozentpunkte gesunken.

Wie kommt das?

Das hat erstens mit der älter werdenden Gesellschaft zu tun. Ältere Leute sparen mehr und konsumieren weniger, so dass Kapital reichlicher vorhanden ist. Zweitens benötigt eine Wirtschaft, die auf Dienstleistungen ausgerichtet ist, weniger Kapital als eine von Industriefirmen geprägte Wirtschaft. Drittens ist die Teuerung niedriger, u.a. aufgrund der Globalisierung und der damit einhergehenden Arbeitsteilung zwischen den Ländern.

Wohneigentümer müssen sich also keine Sorgen machen, dass die Immobilienblase platzt, die Preise fallen und sie ihre Zinslast nicht mehr tragen können?

Klar, Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen in Zentren haben hohe Wertsteigerungen erlebt. Aber wir erwarten beim Wohneigentum eine sanfte Landung. Dies auch, weil es bei einem möglichen Zinsanstieg nur in kleinen Schritten von je einem Viertel Prozent hochgehen wird. Die Zinswende wird – wenn sie dereinst erfolgt – sanft ausfallen.

Wie profitieren die Mieter von den anhaltenden Negativzinsen?

Die Anfangsmieten von neuen Wohnungen sinken jetzt schon. Auch der Referenzzinssatz für die Mieten wird nochmals sinken. Wir rechnen mit einem Viertelprozentpunkt. Das entspricht einer Reduktion der Mieten von knapp 3 Prozent für bestehende Mietverträge. Damit wird der Boden aber erreicht sein.

Eine weitere Folge der Tiefzinspolitik ist die Hausse an den Börsen, ein Rekord jagt den nächsten. Wie lange kann das noch gut gehen?

Die hohen Kurse sind nicht nur heisse Luft, es gibt auch handfeste Gründe für die hohen Börsenbewertungen. Begünstigt durch die Tiefzinspolitik haben viele Unternehmen ihre Gewinne in den letzten Jahren steigern können. Rückschläge sind aber immer möglich, beispielsweise wegen des Handelsstreits zwischen China und den USA oder anderen politischen Ereignissen. Ein Kursrückgang von 10 bis 15 Prozent ist denkbar. Einen noch stärkeren Einbruch erwarten wir nicht.

Hat der Wahlerfolg der Grünen einen Einfluss darauf, wie die Schweizer Geld anlegen – werden die Anlagen nun ökologischer?

Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt schon seit Jahren an Bedeutung in der Geldanlage. Dabei geht es nicht nur um den ökologischen Aspekt, sondern auch um den sozialen und um jenen der guten Unternehmensführung. Vor allem institutionelle Anleger wie Pensionskassen haben begonnen, stärkeres Gewicht darauf zu legen. Nachhaltigkeit ist allerdings ein dehnbarer Begriff, deshalb ist es sehr wichtig, klare und transparente Standards zu haben. Die Migros Bank bietet eine breite Palette von nachhaltigen Strategiefonds an und ist dabei, das Angebot zu erweitern.

(Der Beitrag basiert auf einem Interview im Migros-Magazin vom 23.12.2019.)

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3 Kommentare zu «Noch mindestens zwei Jahre Negativzinsen»

  1. Noch mindestens 2 Jahre Negativzinsen: Wenn die Negativzinsen eine massive Aufwertung des SFR verhindern sollen bin ich der Meinung dass wir noch Jahrzehnte lang Negativzinsen brauchen, da wegen den massiv verschuldeten EURO-Staaten der EURO-Zins nicht angehoben werden kann. Die enorme Verschuldung nimmt sogar jährlich zu und wird unvorstellbare Höhen erreichen, was nie eine EURO-Zinserhöhung erlauben wird.Somit ist der SFR-Negativzins mehr oder weniger verewigt.

    1. Genau so sehe ich das auch. Mit der aktuell gewählten Strategie der SNB primär den CHF Wechselkurs zu kontrollieren / schwächen werden wir in der CH kaum höhere Zinsen sehen auch bei konjunkturmässig guten Jahren in den kommenden Jahrzehnten. Der Grund liegt genau in der Eurozone und der EZB wo wegen der stetig steigenden Verschuldung einzelner Staaten grundsätzlich keine massgeblich höheren Zinsen mehr möglich sind. Das würde umgehend zum Staatsbankrott einzelner Staaten führen. (Griechenland / Italien / Spanien) Das System ist krank und man hängt am „med. Tropf“ vom billigen Geld.

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