Mythen zu erneuerbaren Energien und zum Energiesparen

In Gesprächen und Beratungen tauchen immer wieder Mythen zu erneuerbaren Energien und Gebäuden auf. Es ist verblüffend, wie sich (veraltete) Informationen im Gedächtnis verankern.

Vor 20 Jahren war die Produktion von Photovoltaikmodulen noch sehr energieintensiv und das ist vielen Leuten in Erinnerung geblieben. Solche Mythen, die sich bis heute hartnäckig halten, sollen in diesem Beitrag hinterfragt werden.

Mythos 1: Ein Photovoltaikmodul braucht in der Produktion mehr Energie, als es je produzieren kann.

Diese Aussage ist falsch.

Die Herstellung eines Photovoltaik-Solarpanels von 1 Quadratmeter benötigt rund 1340 Kilowattstunden (kWh) graue Energie, dies gemäss der sogenannten KBOB-Ökobilanzdaten im Baubereich 2009/1:2016. Im schweizerischen Mittelland produziert ein solches Modul etwa 180 kWh Strom pro Jahr. Der Primärenergiebedarf zur Herstellung dieser Strommenge im Schweizer Produktionsmix beträgt rund das 1,85-fache. Ein Modul mit einer jährlichen Stromproduktion von 180 kWh ersetzt also einen Energiebedarf von 333 kWh pro Jahr, und die graue Energie von 1340 kWh wird somit in vier Jahren kompensiert. Hochgerechnet auf die Betriebszeit von 25 Jahre, kann ein Modul sechsmal mehr nicht erneuerbare Primärenergie einsparen, als ihre Herstellung benötigt.

Mythos 2: In der Schweiz scheint die Sonne zu wenig, um wesentliche Mengen Solarstrom produzieren zu können.

Das stimmt so nicht.

Ein Quadratmeter Photovoltaikfläche liefert im Mittelland jährlich etwa 180 kWh elektrische Energie. In Schweizer Haushalten werden laut der Schweizer Elektrizitätsstatistik 19 Milliarden kWh pro Jahr an elektrischer Energie aufgewendet. Bei einer Bevölkerung von 8,4 Millionen Einwohnern ergibt dies 2200 kWh pro Person und Jahr. Somit reichen 12 Quadratmeter solare Fläche pro Person auf dem Wohngebäude, um den notwendigen Haushaltstrom bereitzustellen. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Wohnfläche beträgt pro Person 40 Quadratmeter.

Mythos 3: Die Leistung von Photovoltaikmodulen lässt stetig nach.

Ja, das stimmt.

Allerdings nur sehr geringfügig. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme stellte in einer Studie einen durchschnittlichen Leistungsabfall von lediglich 0,1 Prozent des Wirkungsgrads pro Jahr fest.

Mythos 4: Die Ausrichtung meines Dachs eignet sich nicht für Photovoltaik.

Das muss so nicht stimmen.

Oft geht man davon aus, dass nur ein nach Süden ausgerichtetes Dach mit einer Neigung von 45 Grad ideal geeignet ist. Die folgende Darstellung gibt für verschiedene Ausrichtungen den Ertrag in Prozent der idealen, um 45 Prozent geneigten Südexponierung. Wie die Grafik zeigt, verliert z.B. eine vertikale Anlage mit Exponierung nach Süden nur 30 Prozent Energie gegenüber der idealen Ausrichtung und produziert zudem wertvollen «Winterstrom». Die vertikale Ausrichtung gegen Norden macht jedoch keinen Sinn.

Quelle: Migrol Fachstelle Energie

Mythos 5: Meine Dachfläche ist zu klein für eine Solaranlage.

Das muss so nicht stimmen.

Thermische Solaranlagen wandeln einen grossen Anteil der Solarstrahlung in Wärme um. Eine Fläche von bereits 4 m² reicht, um 60 Prozent des Warmwasserbedarfs einer vierköpfigen Familie zu decken.

Mythos 6: In modernen (Minergie-)Häusern darf man das Fenster nicht öffnen.

Diese Aussage ist falsch.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass bei einer kontrollierten Wohnraumlüftung die Fenster nicht geöffnet werden dürfen. Mit einer solchen Anlage werden die Wohnräume permanent mit frischer Aussenluft versorgt. Das heisst, man kann lüften, muss aber nicht. Zu beachten ist jedoch, dass bei modernen Gebäuden das Heizsystem auf die notwendige Leistung ausgelegt und nicht wie in gewissen älteren Gebäuden überdimensioniert wird. Somit kann die Heizleistung bei offenstehenden Fenstern den Wärmeverlust nicht kompensieren, und die Behaglichkeit ist nicht mehr sichergestellt. Einfachste Lösung: Fenster wieder schliessen!

Mythos 7: Lampen sollte man nicht ausschalten.

Diese Aussage ist falsch.

Lampen lieber brennen lassen, als sie immer wieder ein- und auszuschalten? Dieser Mythos ist alt und gilt weder für Leuchtstoffröhren noch für Glühbirnen noch für LED-Lampen. Da es keinen Strom spart, das Licht brennen zu lassen, und das Einschalten des Lichts kaum mehr Strom verbraucht als der Betrieb selbst, zahlt es sich aus, den Lichtschalter öfters zu nutzen.
Einen wichtigen Punkt gilt es aber zu beachten, nämlich die sogenannte Schaltfestigkeit. Leuchtstoffröhren und Energiesparlampen vertragen ein dauerndes Ein- und Ausschalten nicht, wie es beispielsweise bei WC oder Treppenhäusern vorkommen kann. Hier sollte eine schaltfeste Technologie eingesetzt werden. Das könnten z.B. stromsparende LED-Leuchten sein, die bis zu 100’000 Schaltzyklen vertragen. Hierzu sind die Angaben auf der Verpackung beachten.

Mythos 8: Keinen Tumbler verwenden, denn der ist der reinste Stromfresser.

Zum Teil richtig.

Ein Tumbler der Energieklasse A+++ mit einer Lademenge von 8 kg benötigt 1,5 kWh elektrische Energie. Andererseits benötigt aber auch die aufgehängte Wäsche Energie zum Trocken: Ist sie in der Wohnung aufgehängt, werden im Raum 3,2 kWh Verdampfungsenergie benötigt, die z.B. mit der Verbrennung von 600 g Pellets kompensiert werden muss.
Am besten für das Portemonnaie und die Umwelt ist es, die Wäsche draussen zu trocknen. Das ist auch im Winter möglich, wenn trockene Kälte herrscht. Ideal ist etwas Wind.

Mythos 9: Wärmepumpen sind Stromfresser.

Zum Teil richtig.

Es ist richtig, dass die Wärmepumpe für den laufenden Betrieb Strom benötigt. Im Zusammenspiel mit grossflächigen Wärmeabgabesystemen und guten Gebäudehüllen sind sie jedoch eine sehr energieeffiziente Lösung. Gute Wärmepumpensystemen kommen mit einem Stromverbrauch aus, der nur noch rund 20 Prozent der erzeugten Wärme entspricht. Korrekt ist aber, dass Luft-Wasser-Wärmepumpen bei sehr tiefen Aussentemperaturen einen hohen Stromverbrauch aufweisen.

Mythos 10: Für Pellets werden extra Bäume gefällt.

Diese Aussage ist falsch.

Für die Herstellung von Holzpellets muss kein Baum zusätzlich gefällt werden. Die Sägespäne und anderen Reststoffe der holzverarbeitenden Industrie reichen aus, um den gesamten inländischen Pelletbedarf zu decken.

Mythos 11: Gebäudesanierungsmassnahmen fördern Schimmelpilzbildung.

Zum Teil richtig.

Werden bei einer Sanierung nur die Fenster ausgetauscht, kann dies in der Tat zu Schimmelbildung führen. Seltsamerweise ist dies eine Standardlösung gemäss den «Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich 2014» (MuKEn 2014). Das eigentliche Problem sind jedoch nicht die Fenster. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die neuen Fenster luftdichter sind – sie verhindern den Luftaustausch mit der Aussenwelt und behalten die Wärme im Gebäudeinnern. In allen Wohnnutzungen, egal ob gedämmt oder nicht gedämmt, entsteht Feuchtigkeit, die auf irgendeine Weise nach draussen gelangen muss. Wenn dies nicht gelingt, kann sich Schimmel bilden. Für eine Schimmelpilzbildung sind jedoch nicht die neuen Fenster verantwortlich, sondern die Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnisse. Erst in einer Umgebung, in der konzentrierte Feuchtigkeit auftritt, finden Schimmelpilzsporen gute Bedingungen an kühlen Oberflächen. Selbst bei moderater relativer Luftfeuchtigkeit (z.B. 50 Prozent) kann es zu feuchten Wänden kommen, wenn diese zu kalt sind – konkret: wenn ihre Temperatur unter 17 Grad misst.

Eine äussere Wärmedämmung verringert die Wärmeverluste nach aussen sehr stark und erhöht so die Oberflächentemperatur der inneren Wände. Damit reduziert sie das Risiko der Schimmelbildung erheblich. Eine korrekt durchgeführte Sanierung verhindert also die Schimmelbildung. Besondere Vorsicht ist bei Dämm-Massnahmen geboten, die an der Innenseite der Wände ausgeführt werden. Hier ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sich Feuchtigkeit in den Wänden bildet. Holen Sie sich in einem solchen Fall Rat bei einem Bauphysiker und bestehen Sie auf eine qualitativ hochwertige Ausführung.

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7 Kommentare zu Mythen zu erneuerbaren Energien und zum Energiesparen

  1. Die Mythen-Gegenargumente sind zum Teil „schönfärberisch“ abgefasst. Zum Beispiel Mythos 1: Die Herleitung der 333 kWh Ersparnis pro Jahr und daraus folgend die 4 Jahre Kompensationszeit der grauen Energie unterschlägt, dass PV-Anlagen nicht rund um die Uhr produzieren. Überschussenergie muss gespeichert werden. Es währe also ehrlicher 7 bis 8 Jahre Kompensationszeit der grauen Energie anzugeben.
    Mythos 9: Korrekt ist aber, dass Luft-Wasser-Wärmepumpen bei sehr tiefen Aussentemperaturen einen hohen Stromverbrauch aufweisen. Wen ich diese Aussage weiter denke sehe ich darin eine grosse Gefahr. Luft-Wasser-Wärmepumpen haben also einen guten Wirkungsgrad wenn es nicht so kalt ist. Bei grösser werdender Kälte wird er aber immer schlechter und sie wird so zum Schluss sogar zu eine „Direktheizung“ und das wenn die Winterenergie schon Knapp ist. Ersetzen Luft-Wasser-Wärmepumpen die konventionellen Heizungen führt das zu einem gefährlichen Strom Mehrverbrauch zu einer Jahreszeit in der unsere einheimische Stromproduktion nicht ausreicht!! Zudem wird ja im Europäischen Raum geplant die Winterstromproduktion (Atom-, und Kohlekraftwerke) in den nächsten Jahren vom Netz zu nehmen.

    1. Guten Tag
      Die zurzeit in der Schweiz am häufigsten eingesetzten PV-Module bestehen aus:
      – Glas (inklusive Silizium-Wafer): 88%
      – Metall (vor allem Alu): 6%
      – Kunststoffe (Folien): 6%
      Das Glas wird meistens zu Glaswolle verarbeitet und als Dämmmaterial verwendet; der Prozess zur Aufbereitung des Glases benötigt rund 25% weniger Energie als die Aufbereitung des primären Rohstoffs. Der Alurahmen seinerseits wird zuerst abgetrennt und kann direkt ins Alu-Recycling überführt werden; bei Aluminium werden 5% der Energiemenge der Primärproduktion benötigt. Der Kunststoff schliesslich wird verbrannt.
      Freundliche Grüsse, Clemens Bohnenblust / Urs Aeberli

    2. Guten Tag

      Gerne nehmen wir wie folgt zu Ihrem Kommentar Stellung:
      Mythos 1: Ein Modul im Schweizer Mittelland produziert ca. 180 kWh/a. Dies ist abhängig von der Sonneneinstrahlung. Aktuelle Anlagen werden auf einen hohen Anteil an direktverbrauchten Strom optimiert. Der nicht direkt verbrauchte Strom muss in der Tat gespeichert werden. Der Aufwand ist hier stark abhängig von der eingesetzten Speichertechnologie.
      Mythos 9: Die angesprochene Problematik wird auch als Stromlücke bezeichnet. Hier ist sich die Forschung in der Tat nicht einig, ob eine solche Lücke in der Zukunft auftritt und wie gross sie sein wird. Als Hausbesitzer besteht die Möglichkeit, auf gespeicherte Biomasse z.B. in der Form von Pellets auszuweichen.
      Freundliche Grüsse, Clemens Bohnenblust / Urs Aeberli

  2. Ist die Warteliste für KEV-Angemeldete auch ein Mythos ? Es ist schlicht unverständlich, wenn hunderte (tausende?) Interessierte PV-Anlagen aus Ejgeninitiative einrichten und dann jahrelang auf die Administration und Auszahlung der zugesagten Beiträge warten müssen.

  3. Danke für den erhellenden Beitrag.
    Habe selbst eine PV-Anlage und bereue diese Entscheidung nicht. Verstehe nicht, weshalb diese Art der dezentralen Energieerzeugung so wenig genutzt wird. Eine anständige CO2-Abgabe könnte vielleicht helfen.

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