In Rente mit 40 – geht das?

Die Frühpension ist der Traum vieler. Die Vertreter der FIRE-Idee sind besonders radikal: Sie wollen mindestens das halbe Leben in Rente verbringen. Voraussetzung ist konsequentes Sparen.

FIRE – das tönt nach Vollgas. Tatsächlich betreiben die Anhänger dieses Lebensmottos Vorsorge auf der Überholspur. Spätestens bis Mitte 40 wollen sie in den Ruhestand, besser noch früher. Die Abkürzung FIRE steht denn auch für «Financial Independence, Retire Early» (finanzielle Unabhängigkeit, früh in Rente). Bei den Anhängern von FIRE handelt sich vorwiegend um Millennials, also um 20- bis 30-Jährige, die ihr Leben ganz anders gestalten wollen als ihre Eltern und Grosseltern. Anders als diese wollen sie nicht bloss das letzte Drittel ihres Lebens in Rente geniessen, sondern mindestens die Hälfte.

Jahrzehntelanger Müssiggang ist aber nicht zwingend das Ziel von FIRE. «Es geht nicht darum, nicht mehr zu arbeiten. Es geht um die Freiheit, genau das zu tun, was ich will – egal ob ich damit Geld verdiene oder nicht», erklärt der 33-jährige Software-Ingenieur Brandon Ganch, der vor drei Jahren seine finanzielle Unabhängigkeit erlangt hat und heute laut Forbes zu den neun lesenswertesten FIRE-Bloggern zählt.

Wie viel Vorsorgekapital brauche ich?

Die FIRE-Bewegung lehnt nicht nur die traditionellen Lebensentwürfe ab; sie verweigert sich auch der klassischen Vorsorge- und Finanzplanung. «Leben ist ein Spiel, und es ist an dir, die Regeln zu definieren», lautet das Motto des 34-jährigen Informatikers Mr. MP, der unter diesem Pseudonym den Westschweizer FIRE-Blog The Mustachian Post herausgibt. Der Name lehnt sich an den fast schon legendären amerikanischen Blog Mr. Money Mustache an.

Die FIRE-Gemeinschaft hat ihr eigenen mathematischen Modelle und Faustregeln. Eine davon ist die «Vier-Prozent-Regel», die wie vieles bei FIRE aus dem angelsächsischen Raum stammt. Sie besagt, dass ein Vermögen aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Obligationen bis zum Lebensende ausreicht, wenn jährlich maximal 4 Prozent für die Lebenshaltungskosten verzehrt werden. Braucht man ab dem Zeitpunkt der Erwerbsaufgabe bis zum Lebensende z.B. jährlich 60’000 Franken für den Lebensunterhalt, beläuft sich das benötigte Vorsorgekapital auf 1,5 Millionen Franken (60’000/4*100).

Die Vier-Prozent-Regel ist innerhalb der FIRE-Bewegung nicht unumstritten. Sie stammt aus der klassischen Vorsorgewelt, die von einem traditionellen Pensionierungsalter mit Alter 60+ und einer Verzehrdauer von maximal 30 Jahren ausgeht. Wer dagegen im FIRE-Konzept mit 45 Jahren in Rente geht, hat eine Restlebenserwartung von gut und gerne nochmals 45 Jahren oder mehr. Tanja Hester, eine der wenigen Frauen in der FIRE-Bloggerszene, empfiehlt daher vorsichtshalber eine Drei-Prozent-Regel.

Diese Einschätzung teilt Christoph Sax, Chefökonom der Migros Bank. Er verweist nicht allein auf die längere Restlebenserwartung, sondern auch auf die geänderte Finanzmarktsituation. «Die Renditeannahmen, die der Vier-Prozent-Regel zugrunde liegen, stammen aus der ‹alten Welt›, als Anleihen noch vergleichsweise hohe Erträge abwarfen», erklärt er. «Künftig wird ein Anlagevermögen aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Obligationen, das den Lebensunterhalt nach Aufgabe der Erwerbstätigkeit decken soll, eher nur noch 3 Prozent Vermögensverzehr erlauben statt 4 Prozent wie in der Vergangenheit.»

Sparen statt konsumieren

Dreh- und Angelpunkt der FIRE-Idee bleibt, ein möglichst hohes Anlagevermögen anzusparen. Das setzt Konsumverzicht voraus, weshalb die FIRE-Vertreter oft auch als «Frugalisten», als «bescheidene» Zeitgenossen, bezeichnet werden. Ein mit dem Frugalismus verwandter Trend ist der Minimalismus. Minimalisten reduzieren die Anzahl Gegenstände in ihrem Haushalt auf z.B. 100 oder noch weniger. Dabei steht aber die Abkehr von der Überflussgesellschaft im Vordergrund, nicht das Ziel einer maximalen Sparquote wie im FIRE-Konzept.

Statt wie üblich 10 bis 15 Prozent des Einkommens zu sparen, sollen bei FIRE mindestens 40 bis 50 Prozent auf die hohe Kante gelegt werden. Denn je höher die Sparrate, desto schneller ist das nötige Vorsorgekapital beisammen. Das zeigt folgendes Beispiel aus der FIRE-Ökonomie, das der Einfachheit halber ohne Anlageerträge kalkuliert ist. Wenn vom Lohn z.B. 10 Prozent gespart werden und die restlichen 90 Prozent in die Lebenshaltungskosten fliessen, muss man neun Jahre arbeiten, um die Kosten eines Rentenjahrs zu finanzieren (90/10). Betragen Sparquote und Lebenshaltungskosten je 50 Prozent, reicht bereits ein einziges Erwerbsjahr zum Bestreiten eines Rentenjahrs (50/50).

Kritiker werfen ein, dass es sich bei FIRE-Vertretern oft um Bezüger hoher Einkommen handelt, vielfach aus der IT-Branche oder aus anderen technischen Berufen. Ein hoher Lohn begünstigt in der Tat höhere Sparraten. Es gibt aber eine breite Palette von Spar- und Finanztipps auch für Personen, die in einer weniger komfortablen Situation stehen – wie beispielsweise den Bestseller «Your Money or Your Life». Dieses Werk der Autoren Vicki Robin und Joe Dominguez aus dem Jahr 1992 gilt vielen als Bibel und Ursprung der FIRE-Bewegung.

Beim FIRE-Sparen den Turbo zünden

Konsumverzicht allein reicht allerdings nicht. Weil bis zum geplanten Ausstieg aus dem Erwerbsleben die Ansparphase kürzer als üblich ist, müssen die Erträge auf dem Vorsorgekapital umso höher ausfallen. Verschiede Szenarien lassen sich mit Online-Rechnern durchspielen, wie z.B. fireagecalc.com.

Bei seinen Berechnungen unterstellt der Blogger The Poor Swiss eine langfristige Rendite von 5 Prozent netto nach Gebühren, Steuern und Inflation. Dafür legt der 31-jährige Computer-Spezialist sein gesamtes Anlagevermögen in Aktien an: 80 Prozent in weltweit investierende ETFs sowie je 10 Prozent in Schweizer Dividendenaktien und Schweizer Mid-Cap-Titel. Damit sind zwar beträchtliche Kursschwankungsrisiken verbunden. Aber er vertraut darauf, dass sich allfällige Rumpler und Rücksetzer in der langen Anlagephase ausbügeln lassen, bis er sich vor Alter 50 aus der Erwerbstätigkeit zurückzieht. Das grösste Risiko der FIRE-Idee sieht er denn auch weniger beim Anlegen als vielmehr beim übermässigen Sparen (siehe Interview).

Die Risikoabsicherung nicht vergessen

Ein weiteres Risiko, das The Poor Swiss erwähnt, ist die Absicherung der Familie im Todesfall: «Da ich derzeit der Einzige in meiner Familie bin, der Geld verdient, möchte ich, dass meine Familie geschützt ist, falls mir etwas zustösst.» Für diese Situation hat er eine kleine Lebensversicherung abgeschlossen. Denn wenn man früh aus dem Erwerbsleben ausscheidet, gibt es im Todesfall aus der 1. und 2. Säule lediglich minimale Renten für die Hinterbliebenen, also für die Partnerin oder den Partner sowie für die Kinder.

Auch selber erhält man bei Krankheit, Unfall oder Invalidität nur geringe Leistungen. «Wer als 20- oder 30-Jähriger in den FIRE-Prozess einsteigt, steht mitten im Leben und ist oftmals wenig dafür sensibilisiert, dass die Gesundheit irgendwann nachlässt und die Gesundheitskosten stark steigen», erklärt Jeannette Schaller, Leiterin Finanzplanung der Migros Bank. «Was geschieht bei Unfall, schwerer Krankheit oder Invalidität? Spätestens in einem derartigen ‹worst case› wird die Vier-Prozent-Regel nicht mehr funktionieren und das Vermögen schneller aufgezehrt sein als vorgesehen.»

In solchen Fällen zeigt sich für Jeannette Schaller der enorme Vorteil des Schweizer Vorsorgesystems, selbst wenn sich dieses arg in Schieflage befindet und dringender Reformbedarf besteht. «In Notlagen profitiert der Einzelne vom Solidaritätsprinzip des Vorsorgesystems. Das heisst, die Gemeinschaft der Versicherten finanziert mit ihren Risikoprämien Krankheit, Unfall, Invalidität und Todesfälle in ihrem Kreis.»

Selbstverantwortung und Solidarität kombinieren

Umgekehrt können Solidaritäten auch überstrapaziert werden und dadurch jegliche Selbstverantwortung verkümmern lassen. «Was mir an der FIRE-Idee sehr gut gefällt, ist das eigenverantwortliche Denken und Handeln im Hinblick auf die Altersvorsorge.», urteilt Jeannette Schaller. «Anzustreben ist meines Erachtens eine ausgewogene Mischung zwischen diesen beiden Modellen: eigenverantwortliches Sparen für die eigene Vorsorge und gleichzeitig Leisten von Beiträgen in ein Vorsorgesystem, das solidarisch die schweren Risikofälle unserer Gesellschaft abdeckt.»

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5 Kommentare zu In Rente mit 40 – geht das?

  1. Danke für den Beitrag.
    Ich habe vor kurzem nach 18 Jahren im Unternehmen eine betriebsbedingte Kündigung (mit grosszügiger Abfindung) erhalten. Ich bin nun 53 und werde mich der „FIRE-Bewegung“ anschliessen. Die verschiedenen Links helfen mir, um die notwendigen Annahmen und Berechnungen zu validieren.

  2. Gratulation, dies ist mein liebster Artikel, der je von der Migros Bank publiziert wurde! Auch ich möchte mich weit vor dem regulären Pensionsalter zur beruflichen Ruhe setzen und das Leben so frei gestalten, wie es meinem Mann und mir gerade passt. Karitative Einsätze, Reisen, neue Hobbies entdecken, hoffentlich Enkel bespassen… Ich freue mich schon sehr! Mein Ziel ist es, im Ausland (z.B. in Irland, wo die Häuser vergleichsweise günstig sind), 2 – 3 Häuser zu kaufen und zu vermieten und die Hypothek auf unserem Schweizer Haus raschmöglichst abzutragen. Die gesetzliche Vorsorge (AHV, PK) soll nur ein Zustupf und nicht die Haupteinnahmequelle sein! Ich freue mich sehr darauf, dieses Ziel zu erreichen! Und falls es nicht ganz klappen sollte, war es wenigstens schön, darauf hinzuarbeiten. Oder zumindest, davon zu träumen! ;o)

  3. Viele Junge träumen vom Paradies lange vor Erreichen des 60sten. Als langjähriger Pensionierter muss ich feststellen, dass insbesondere ein Eigenheim heutzutage eine ideale Lösung ist und man die Tiefstzinsen für langfristige Hypotheken nutzen sollte, immer aber mit dem Ziel, nach ca. 50 die Hypotheken zu amortisieren, bis auf kleinste Nenner, d.h. z.B. variable Hypo. Hinzu kommen die drei Säulen als sichere Werte im Alter. Mietefrei, kann man dann diesen Posten in den Unterhalt stecken (teils wertvermehrend).

  4. Interessanter Ansatz. Sollte von den Finanzinstituten und auch seriösen Medien mit den verschiedenen Szenarien vermehrt pupliziert weden. Für eine Langzeitwirkung in Berufsschulen, FH und Uni’s, Dokumentaionen auch via Apps zur Verfügung stellen. Eine Möglichkeit die Unabhängigkeit von AHV & 2. Säule zu erhöhen.

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