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Es stehen nicht alle Ampeln auf Grün

Die Lage der Schweizer Wirtschaft hat sich deutlich verbessert. „Es stehen aber nicht alle Ampeln auf Grün“, sagt Christoph Sax, Chefökonom der Migros Bank, im Interview mit der Nachrichtenagentur awp Finanznachrichten. Die jüngsten Aussenhandelsdaten deuten immerhin darauf hin, dass etwa die Exporte in die EU allmählich an Dynamik gewinnen. Die Abschwächung des Frankens erachtet er als dauerhaft. Trotzdem sieht er die Schweizerische Nationalbank in Sachen Geldpolitik – Stichwort „Niedrigzinsen“ – weiter im Seitenwagen der EZB.

Herr Sax, 2017 neigt sich dem Ende zu. Wie beurteilen Sie die Lage der Schweizer Wirtschaft?

Deutlich verbessert. Die krisengeplagten Sektoren haben die Talsohle durchschritten, in der EU zieht die Nachfrage an, und der Franken hat sich etwas abgewertet. Auch die Arbeitslosigkeit hat sich zurückgebildet. Es stehen aber nicht alle Ampeln auf Grün. In einigen Industriezweigen sind die Margen nach wie vor unter Druck. Zudem hat sich das Wachstum des Privatkonsums etwas abgeschwächt.

Spielt das internationale Umfeld mit?

Ja, das globale Umfeld bleibt freundlich. Die Weltwirtschaft dürfte 2018 sogar leicht stärker expandieren als dieses Jahr. Auch in Europa wird sich die Erholung fortsetzen. Wir erachten die Abschwächung des Frankens deshalb als dauerhaft. Dies wiederum dürfte die Investitionstätigkeit und den Aussenhandel begünstigen.

Zuletzt haben die harten Fakten, wie das Schweizer BIP, aber enttäuscht. Frühindikatoren wie PMI und KOF-Barometer zeichnen dagegen weiterhin ein gutes Stimmungsbild. Löst sich dieser Widerspruch also bald auf?

Ein hoher PMI-Wert impliziert lediglich, dass sich eine Mehrheit der Unternehmen im Expansionsmodus bewegen. Er sagt aber wenig darüber aus, auf welchem Niveau sie sich bewegen bzw. wie gut es ihnen momentan geht. Die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie etwa bestätigt, dass die Umsätze wieder zunehmen. Fast ein Viertel dieser Firmen hatte das Geschäftsjahr 2016 auf Stufe EBIT jedoch mit einem Verlust abgeschlossen.

Was schliessen Sie daraus?

Für viele dieser Unternehmen ging es in den letzten Monaten vermutlich erst mal darum, die Profitabilitätseinbussen der letzten Jahre, soweit möglich, wieder aufzuholen. Nicht zuletzt aufgrund der tiefen Vergleichsbasis beim Umsatz und bei der Wertschöpfung werden wir im kommenden Jahr aber ein höheres Wirtschaftswachstum in der Schweiz sehen. Der Widerspruch zwischen den Vorlaufindikatoren und den harten Fakten wird sich somit auflösen. Dies dürfte bereits in den BIP-Daten zur zweiten Jahreshälfte 2017 zum Ausdruck kommen.

Und dann zieht 2018 die Wirtschaft wieder stärker an?

Für das Gesamtjahr 2017 sehen wir aufgrund der schwachen ersten Jahreshälfte lediglich ein BIP-Wachstum von 0,9%. Für 2018 sind wir allerdings deutlich zuversichtlicher und erwarten einen BIP-Zuwachs von ca. 1,7%. Von einer starken zyklischen Erholung würde ich dennoch nicht sprechen. Dafür bleibt der Aufschwung in verschiedenen Teilen des Dienstleistungssektors – etwa dem Einzelhandel und dem Finanzsektor – zu verhalten. Zudem dürften die Bauinvestitionen nächstes Jahr etwas weniger stark expandieren.

Sie sagen, die Konjunktur zeige sich weniger dynamisch als in früheren Zyklen. Was sind die Hintergründe?

Die Industrie ist stark von der EU abhängig. In diesem Exportmarkt hat sich die Nachfrage nach Schweizer Produkten trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs nur zögerlich erholt. Die jüngsten Aussenhandelsdaten deuten aber darauf hin, dass die Exporte in die EU allmählich an Dynamik gewinnen. Ein weiterer Grund für den verhaltenen Aufschwung ist die seit zehn Jahren stagnierende Produktivität. Die Schweizer Wirtschaft ist in den letzten Jahren erheblich „in die Breite“ gewachsen.

Das heisst?

Dass ein wesentlicher Teil des BIP-Wachstums auf dem Bevölkerungswachstum basierte. Pro Kopf gerechnet hat das BIP seit 2008 nur leicht zugenommen. Mit der Abschwächung der Zuwanderung und dem Frankenschock ist diese Problematik wieder stärker zu Tage getreten.

Sie sprachen die Exporte an. Welche Rolle sehen Sie diesen Sektor in den kommenden Jahren spielen?

Wie erwähnt gehen wir davon aus, dass die Entspannung währungsseitig anhält. Die Exporte werden in der Folge moderat zunehmen. Der Aussenhandel wird wieder eine stärkere Stütze des Wirtschaftswachstums.

Das Wachstum der Exporte wurde lange vor allem von der Pharmaindustrie getragen. Kann diese Bewegung an Breite gewinnen?

Ja, denn die Rahmenbedingungen haben sich verbessert.

Wie schätzen Sie den Zustand der wichtigsten Handelspartner ein?

Nach wie vor sehr gut ist die Nachfrage aus Asien und den USA. Auch in der Eurozone gibt es Lichtblicke, wobei die stärksten Impulse im kommenden Jahr von Deutschland ausgehen dürften. In vielen anderen Mitgliedstaaten der Währungsunion verbessert sich die Situation zwar ebenfalls, die Erholung erfolgt jedoch auf einem bescheideneren Niveau.

2017 war oft von den politischen Risiken in Europa die Rede. Alles in allem scheint es glimpflich ausgegangen zu sein. Oder stehen Ihrer Ansicht nach weitere Belastungsfaktoren im Raum?

Die Probleme der Währungsunion sind nicht überwunden. Dank der guten Konjunktur und den Stützungsmassnahmen der EZB sind sie jedoch in den Hintergrund getreten. Dieses positive Umfeld dürfte noch mindestens zwei Jahre anhalten. Die Risiken werden beim nächsten Abschwung aber wieder ans Tageslicht kommen.

In welcher Form?

Einige Euroländer sind stark verschuldet und international zu wenig wettbewerbsfähig. Bei der nächsten Vertrauenskrise wird es erneut zu Kapitalabflüssen aus dem Süden in den Norden kommen. Weitere Risiken sehe ich vor allem in China. Hier erwarten wir eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums. Wir gehen jedoch davon aus, dass die Regierung die hohen Risiken im Finanzsektor unter Kontrolle halten kann.

Wie werden sich in der Schweiz neben den Exporten die Investitionen und der Konsum entwickeln? Werden diese beiden Komponenten auch zum Wachstum beitragen?

Die Verbesserung der Profitabilität in den krisengeplagten Branchen und die Erholung der Nachfrage werden die Investitionstätigkeit begünstigen. Angesichts der anhaltend hohen politischen Risiken im Umfeld des globalen Handels erwarten wir insgesamt aber nur einen moderaten Anstieg der Investitionstätigkeit. Der Privatkonsum wird weiterhin eine wichtige Wachstumsstütze darstellen. Die Impulse sind allerdings nicht ganz so stark wie noch vor einigen Jahren, was vor allem dem Rückgang der Nettozuwanderung zuzuschreiben ist.

Sie erachten die Abwertung des Frankens als dauerhaft. Welche Tendenz erwarten Sie für nächstes Jahr?

Wir prognostizieren, dass der Euro-Franken-Kurs sein aktuelles Niveau halten kann und sich in der zweiten Jahreshälfte 2018 gegen 1,19 abschwächt. Der Schweizer Franken ist als sicherer Hafen in Europa weniger gefragt. Zudem wird das absehbare Ende der EZB-Wertpapierkäufe den Euro stützen. Das QE-Programm der EZB hatte einen schwächenden Effekt auf den Aussenwert des Euros. Dieser lässt nun wieder nach.

Die Inflation ist wieder im positiven Bereich. In Kombination mit dem schwächeren Franken: Kann die SNB schon bald auf einen restriktiveren Kurs umschwenken?

Dies hängt in erster Linie von der Entwicklung des EURCHF-Kurses und von der Inflation ab. Wenn wir beim EURCHF-Kurs in absehbarer Zeit die 1,20 überschreiten oder die Teuerung deutlich das Ziel von 2% überschiesst, ist es durchaus denkbar, dass die SNB den ersten Zinsschritt bereits im kommenden Jahr vornimmt. Dies entspricht jedoch nicht unserem Hauptszenario. Wir sehen den EURCHF vorerst auf einem Seitwärtskurs. Ausserdem wird der Inflationsdruck gering bleiben. Die SNB dürfte daher die Zinsdifferenz zur Eurozone unverändert belassen und den Leitzins somit erst nach der EZB, das heisst nicht vor Anfang 2019, anheben.

Apropos Notenbanken: Janet Yellen wird an der Fed-Spitze durch Jerome Powell abgelöst. Wie beurteilen Sie den Schritt und welche Konsequenzen wird er haben?

Die Geldpolitik der US-Notenbank wird sich nicht grundlegend ändern. Powell hatte sich bislang kaum exponiert und Yellens Kurs stets unterstützt. Als Republikaner wird er sich womöglich tendenziell stärker für weitere Zinsschritte aussprechen. Den grössten Unterschied gegenüber Yellen sehen wir im Bereich der Finanzmarktregulierung. Hier ist Powell – wie auch der in den Gouverneursrat berufene Randal Quarles – deutlich näher am Kurs des Weissen Hauses. Trumps Bemühungen zur Deregulierung des Finanzsektors dürften im Fed künftig auf mehr Zustimmung treffen.

Interview: Rolf Arpagaus (awp Finanznachrichten)

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1 Kommentar zu Es stehen nicht alle Ampeln auf Grün

  1. Was unter den Bürgern immer wieder missverstanden wird, aber wichtig zu wissen ist: der Zinssatz von Festhypotheken richtet sich nach den Renditen der Eidgenossen bzw. dem Kapitalmarkt. Diese sind praktisch 0%. Somit ist der Zins der Festhypothek praktisch nur die Marge für die Bank. Der Libor-Zinssatz richtet sich nach der Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank bzw. dem Libor-Zinssatz, der aktuell bei minus 0.75% steht. Die SNB ist in der heutigen Währungslage von der EZB-Geldpolitik abhängig. Nur wenn die EZB die Zinsen erhöht, hat die SNB die Möglichkeit, den Libor-Zinssatz zu erhöhen. Der beste Indikator für sie ist die Entwicklung des EURCHF-Kurses. Solange der EURCHF unter 1.2000 steht, gibt es keine Chance einer Zinserhöhung der SNB. Ich spreche bezüglich der aktuellen EURCHF-Erholung nur von einem Schönwetterfenster, mehr nicht. Beste Grüsse, Rollo

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