Der Mythos vom chinesischen Wirtschaftswunder

Der Boom der chinesischen Wirtschaft stösst im Westen auf Bewunderung. Doch der Schein trügt. Bis jetzt hat das Land erst die schweren Fehler der kommunistischen Vergangenheit korrigiert. Und die längerfristige Zukunft wirkt wenig ermutigend.

Dieses Jahr wird die chinesische Wirtschaft voraussichtlich um 6,5 Prozent wachsen – im Vergleich zur schwachen Konjunktur im Westen eine phantastische Zahl. Damit nicht genug: Auch im nächsten Jahr soll das Wachstum 6,5 Prozent erreichen. Und in den Jahren 2018, 2019 und 2020 ebenfalls. So hat es die Kommunistische Partei in ihrem 13. Fünf-Jahres-Plan verkündet.

Dieses ehrgeizige Vorhaben könnte durchaus gelingen.

Und trotzdem beurteile ich den Zustand der chinesischen Wirtschaft skeptisch.

Weshalb? Ohne Zweifel ist der Aufschwung des Landes sehr erfreulich. Doch korrigiert er nur den verheerenden Niedergang unter Mao Zedongs jahrzehntelanger Herrschaft bis zu seinem Tod im Jahr 1976.

Die Grafik veranschaulicht, wie sich der Wohlstand der chinesischen Bevölkerung über die letzten hundert Jahre entwickelt hat. Als Vergleichsgrösse habe ich das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf der Schweiz gewählt, welches stets einem Wert von 100 Prozent entspricht. Interessant ist vor allem die gegenläufige Entwicklung zwischen Taiwan und dem kommunistischen Festland ab den Fünfzigerjahren. Den absoluten Tiefpunkt erlebte China um 1960 mit Maos «Grossem Sprung nach vorn», welcher eine riesige Hungersnot auslöste. Die Kulturrevolution zehn Jahre später brachte erneut grosses Elend.

Der Aufschwung in China kommt spät
Der Aufschwung in China kommt spät
Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf in Relation zur Schweiz (der Schweizer Wert entspricht 100 Prozent). Bei den gestrichelten Linien konnten zeitweise keine Daten erhoben werden. Um einen länderübergreifenden Vergleich zu ermöglichen, werden die Währungen gemäss Kaufkraftparität umgerechnet.
(Daten: Migros Bank / Maddison Project / OECD)

Bis Anfang der Achtzigerjahre lebten 84 Prozent der chinesischen Bevölkerung in absoluter Armut. Dank der wirtschaftlichen Öffnung ist dieser Anteil heute zum Glück auf etwa 6 Prozent gesunken. Trotzdem zeigt die Grafik, dass der durchschnittliche Wohlstand noch immer weit vom westlichen Niveau entfernt ist. Erst seit kurzem liegt das BIP pro Kopf höher als in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Die zweite Darstellung verdeutlicht, welch bedeutende Stellung die Wirtschaft Chinas noch vor 200 Jahren einnahm. Zwar hat der Anteil am weltweiten BIP inzwischen wieder zu Europa aufgeschlossen, allerdings mit einer dreimal so grossen Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen. Auch hier bestätigt sich: Der Boom seit 1980 beseitigt lediglich die langwierige Misere, welche das Land im letzten Jahrhundert erlebt hatte – insbesondere nach der Machtübernahme der Kommunisten.

Der lange Marsch zurück zu alter Grösse
Der lange Marsch zurück zu alter Grösse
Anteil am weltweiten BIP in Prozent (Daten: Maddison Project)

Woher kommt nun meine Skepsis in Bezug auf die längerfristige Entwicklung in China? Ein Grund ist arithmetischer Natur: Je grösser das BIP, desto schwieriger wird es, eine fixe Expansionsrate durchzuhalten. 2006 wuchs die Wirtschaft noch um 12 Prozent, was einer BIP-Zunahme von 800 Milliarden Dollar entsprach. Wenn das BIP in diesem Jahr nun um 6,5 Prozent steigt, so bedeutet das in absoluten Zahlen eine fast gleich grosse Zunahme von 700 Milliarden Dollar (was ungefähr der jährlichen Wirtschaftsleistung der Schweiz entspricht).

Vor allem aber basiert das chinesische Wirtschaftswunder auf einer einseitigen Ausrichtung auf die Investitionen. Der Ausbau der Infrastruktur war in der Vergangenheit zweifellos richtig. Doch ist der extrem hohe Anteil der Investitionen am BIP von aktuell 46 Prozent nicht nachhaltig.

Derweil erreicht der Konsum nur einen Anteil von knapp 40 Prozent, während in den westlichen Ländern ein Wert zwischen 60 und 70 Prozent üblich ist.

Dieses Ungleichgewicht zwischen Investitionen und Konsum müsste die chinesische Führung schon längstens korrigieren. Doch schreckt sie davor zurück, weil eine solche Anpassung das BIP-Wachstum vorübergehend bremsen würde – womit sich der Fünf-Jahres-Plan nicht mehr einhalten liesse.

Dadurch sind gigantische Überkapazitäten entstanden. Diese Investitionsblase manifestiert sich zum Beispiel in der Stahlbranche. Bereits produziert China die Hälfte des weltweiten Stahls von 1500 Millionen Tonnen pro Jahr (vgl. Grafik). Doch der Ausstoss übersteigt die globale Nachfrage mittlerweile um 350 Millionen Tonnen – das entspricht der Produktion von Europa und den USA zusammen. Die gleiche Fehlentwicklung geschieht in vielen weiteren Sektoren wie Kohle, Aluminium, Basischemie, Schiffbau oder Zement.

China überschwemmt die Welt mit Stahl
China überschwemmt die Welt mit Stahl
Stahlproduktion in Milliarden Tonnen pro Jahr (Daten: World Steel Association)

Treiber dieses ungesunden Wachstums sind die 150‘000 staatseigenen Betriebe in China. Zwar schreiben viele von ihnen Verluste, trotzdem werden sie künstlich am Leben erhalten; die Zahl dieser staatlichen «Zombie-Unternehmen» wird auf 30‘000 geschätzt. Der Preis dafür ist allerdings hoch: Um den Bankrott zu verhindern, müssen die Kredite immer weiter aufgestockt werden. Seit 2007 ist die gesamte Verschuldung des Landes von 160 auf 240 Prozent des BIP gestiegen (vgl. dazu auch «Welche Schuldner nun zittern müssen»).

Die kommunistische Führung steht vor einem Dilemma: Lässt sie ein schwächeres BIP-Wachstum zu, dann verlieren Millionen Arbeiter in den Staatsbetrieben ihre Stelle. Die Folge sind soziale Unruhen. Kurbelt sie die Wirtschaft dagegen an, so werden die Ungleichgewichte noch extremer. Bislang setzt sie auf Letzteres: Als Reaktion auf die sich anbahnende konjunkturelle Verlangsamung sind die Investitionen im ersten Quartal 2016 abermals um 19 Prozent gestiegen (im Vergleich zum Vorjahresquartal). Die Zementproduktion legte um 24 Prozent zu und die Stahlindustrie erhöhte den Ausstoss im März um 13 Prozent. Ausserdem sind die Preise auf dem bereits überhitzten Immobilienmarkt weiter gestiegen.

Die Not der chinesischen Wirtschaft lässt sich mit einem Fahrrad vergleichen. Eine stabile Ökonomie wie in der Schweiz kann auch einen vorübergehenden Stillstand problemlos verkraften. In China hingegen sind die wirtschaftlichen Strukturen dermassen fragil, dass die Balance nur mit Unterstützung der Fahrtgeschwindigkeit gehalten werden kann.

Fällt das Wachstumstempo jedoch unter eine kritische Schwelle, droht die Wirtschaft wie ein Fahrrad zu kippen.

Wann genau dieser Punkt erreicht ist, lässt sich nur schwer abschätzen. Fest steht allerdings: Je resoluter das Land den strukturellen Wandel von den Staatsbetrieben zu den privaten Unternehmen anpackt, desto standhafter kann es eine Stagnationsphase überstehen. Doch würde dies wohl bedeuten, dass die Kommunistische Partei einen Teil ihres Machtmonopols abtreten müsste.

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1 Kommentar zu Der Mythos vom chinesischen Wirtschaftswunder

  1. Dieser Beitrag hat mir sehr gut gefallen. Er bringt – ganz im Gegensatz zu den Elaboraten der meisten Volkswirtschafts-Professoren oder anderen angeblichen Sachverständigen die Situation relativ kurz und leicht verständlich auf den Punkt. Dabei handelt es sich um einen Sachverhalt welcher auch für den Westen – also für uns – von grösster Bedeutung werden könnte.

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