Der asiatische Riese schwächelt

Die chinesische Wirtschaft schwächt sich ab. Dank geld- und fiskalpolitischem Stimulus dürfte das reale BIP-Wachstum im laufenden Jahr über 6 Prozent bleiben. Eine harte Landung Chinas halten wir für unwahrscheinlich.

Chinas Wirtschaftswachstum lässt nach. Das chinesische Statistikamt meldete jüngst einen Rückgang der realen Bruttoinlandprodukts auf 6,2 Prozent im zweiten Jahresviertel, verglichen mit 6,4 Prozent im Vorquartal. Wenn der asiatische Wirtschaftsriese schwächelt, hat dies unmittelbare Konsequenzen für die Weltkonjunktur. In fünf Charts bilden wir ab, wie es gegenwärtig um das Reich der Mitte steht.

Schwächere Handelsdaten

Jahresveränderung Exporte und Importe

Quelle: Thomson Reuters Datastream

Im Zuge des Handelskonflikts mit den USA hat sich in China das Wachstum der Exporte und Importe abgeschwächt. Darunter leidet die Profitabilität vieler einheimischer Unternehmen. Gemäss einer Analyse des amerikanischen Indexanbieters S&P Global drückt die schwächere Exportnachfrage bereits deutlich auf die Gewinnmargen. S&P Global erwartet, dass die sinkende Profitabilität negativ auf die Bonität vieler chinesischen Unternehmen durchschlägt und somit das Ausfallsrisiko chinesischer Kreditoren steigen wird. Die hohe Unternehmensverschuldung – gemäss der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beträgt sie etwa 160 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung – verschärft diese Problematik.

Stimulierende Massnahmen

Geldpolitische Lockerung angekündigt

Mindestreservesatz für kleine Geschäftsbanken

Quelle: Bloomberg

Um den konjunkturellen Abschwung abzufedern, hat die chinesische Zentralbank (PBOC) geldpolitische Lockerungsmassnahmen angekündigt. Die PBOC sieht unter anderem eine Reduktion des Mindestreservesatzes für kleinere Geschäftsbanken von 11,5 auf 8 Prozent vor, um die Kreditvergabe an Kleinunternehmen anzukurbeln. Damit dürften bis Jahresende bei Geschäftsbanken bis zu 280 Milliarden Renminbi (etwa 40 Milliarden US-Dollar) Liquidität frei werden. Seit Anfang 2018 wurde der Mindestreservesatz insgesamt bereits fünf Mal gesenkt – damals lag er noch bei 15 Prozent. Überdies greift die chinesische Regierung der Wirtschaft mit fiskalpolitischen Massnahmen unter die Arme, indem sie Unternehmenssteuern senkt und Infrastrukturprojekte finanziert.

Afrikanische Schweinepest treibt Inflation in die Höhe

Jahresteuerung

Quelle: Thomson Reuters Datastream

Trotz der nachlassenden Wirtschaftsdynamik hat die Teuerung seit Anfang Jahr stark zugenommen. Grund dafür ist die Afrikanische Schweinepest, die vielerorts in China und anderen asiatischen Ländern ausgebrochen ist. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sind allein in der Volksrepublik seit August 2018 etwa 1,2 Millionen Schweine verendet. Der kräftige Preisanstieg für Schweinefleisch hat zu einem Inflationsschub geführt. Die Krankheit, die für Menschen zwar ungefährlich, aber für Schweine tödlich ist, dürfte die Inflation in der zweiten Jahreshälfte weiter anheizen.

Bevölkerung profitiert von steigendem Einkommen

Ungebrochenes Wachstum der Kaufkraft

Wachstum des realen verfügbaren Einkommens gegenüber dem Vorjahr

Quelle: Thomson Reuters Datastream

Gebrauchsgüter wie Autos werden jedes Jahr für Millionen von Menschen in China erschwinglicher. Das verfügbare Einkommen entwickelt sich nach wie vor dynamisch. Teuerungsbereinigt wächst es seit einigen Jahren um knapp 7 Prozent pro Jahr. Das bedeutet, chinesische Haushalte können theoretisch jedes Jahr knapp 7 Prozent mehr für Konsumgüter ausgeben.

Automobilverkäufe gehen zurück

Umsatzwachstum im Jahresvergleich

Quelle: Bloomberg

Obschon die Kaufkraft vieler Chinesen jährlich zunimmt, haben sich die Umsätze in verschiedenen Gebrauchsgütermärkten zuletzt deutlich abgeschwächt. Im Automobilsektor beispielsweise bilden sich die Umsätze seit mehr als einem Jahr zurück. Drei Faktoren scheinen dafür verantwortlich zu sein. Erstens trübt der Handelsstreit mit den USA das Konsumklima ein. Zweitens lassen neue Abgasnormen im chinesischen Automobilsektor und Aussichten auf staatliche Förderungsprogramme für Neukäufe die Autokäufer zögern. Drittens wird ein gesellschaftlicher Wandel spürbar. Eine Studie des Beratungsunternehmens McKinsey aus dem Jahr 2016 kommt zum Schluss, dass Autobesitz in China in den letzten Jahren stark an Statussymbolcharakter eingebüsst hat.

Folgen des Handelskonflikts überschaubar

Die Folgen des Handelskonflikts mit den USA sind für China bislang überschaubar. Peking kann der Wirtschaft weiterhin stimulierend unter die Arme greifen – etwa über eine höhere Liquiditätsversorgung und einen Fiskalstimulus. Der Volksrepublik dürfte es somit gelingen, das BIP-Wachstum 2019 über 6 Prozent zu halten. Für Chinas Handelspartner heisst dies aber: Die Industrienachfrageaus der Volksrepublik dürfte gehemmt bleiben. Eine harte Landung der chinesischen Volkswirtschaft erwarten wir allerdings nicht.

Dies gilt jedoch nur für den Fall, dass die USA in den kommenden Monaten keine zusätzlichen Strafzölle auf chinesische Produkte erheben werden. Wir erachten es nach wie vor als wahrscheinlicher, dass sich die beiden Parteien diplomatisch annähern werden. Das Risiko einer weiteren Eskalation ist jedoch nicht zu unterschätzen. Dies hätte spürbare Konsequenzen für die Weltwirtschaft. Der industrielle Abschwung würde sich fortsetzen.

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