Nationalbank verbilligt den Sommerurlaub

Die Schweizerische Nationalbank straffte überraschend den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte. Damit verleiht sie dem Franken zusätzliche Stärke, was für Schweizer*innen die Sommerferien in Europa günstiger macht. Schweizer Reisende brauchen sich somit nicht vor der überschiessenden Eurozone-Inflation zu fürchten.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) drehte die Zinsschraube überraschend um 50 Basispunkte an. Sie startete damit die Zinsnormalisierung noch vor der Europäischen Zentralbank (EZB), die im Juli nach rund elf Jahren eine erste Zinserhöhung (+25 Basispunkte) vornehmen wird..

Angesichts des nahenden Sommerurlaubs freuen sich wohl manche Schweizer Ferienhungrige über die bereits heute erfolgte Zinserhöhung. Denn ein solcher Schritt – vor allem, da er im Vorfeld an den Finanzmärkten nicht antizipiert worden ist – verschafft dem Franken gegenüber dem Euro zusätzlichen Auftrieb. Weil Reiseziele in der Eurozone auch hierzulande zu den beliebtesten Feriendestinationen zählen, können sich Schweizer Reisen am Feriendomizil mehr pro Franken leisten können. Nicht ganz unwichtig, angesichts der galoppierenden Inflation im Währungsraum.

Deutschland: Der Gaumenschmaus ist teurer geworden

Schauen wir beispielsweise nach Deutschland, das vor der Pandemie das Hauptreiseland von Herrn und Frau Schweizer darstellte. 2019 verbrachten sie in unserem nördlichen Nachbarn rund 2,5 Millionen Übernachtungen. Doch diese gehen mittlerweile bereits mehr ins Geld und dürften noch teurer werden. Verglichen mit dem Juli – dem traditionellen Sommerferienmonat – vor der Corona-Pandemie, sind die Übernachtungen in deutschen Hotels und Gasthöfen bereits um knapp 7 Prozent teurer geworden.

Dies mag nach einem überschaubaren Preisanstieg anmuten, doch bekanntlich besteht ein Urlaub nicht nur aus Schlafen, sondern auch aus Verpflegung. Und da macht sich die Inflation in der Ferienbrieftasche so richtig bemerkbar. Ein gemütliches Abendessen in einem Restaurant? Dieses kostet in Deutschland durchschnittlich über 10 Prozent mehr als im Juli 2019 – wobei entscheidend ist, was denn genau auf dem Teller landet. Während Meeresfrüchte aus dem Tiefkühler leicht billiger geworden sind (-1,3 Prozent), schlägt ein frisches Matjes an der Ostsee so richtig zu Buche: Seit dem Vorkrisen-Sommer sind die deutschen Preise für frische Fischfilets um über 17 Prozent angestiegen. Teurer wird es wohl nur noch bei einem herzhaften bayrischen Schweinebraten – Schweinefleisch ist im gleichen Zeitraum um 28 Prozent teurer geworden. Wenigstens lässt sich die Rechnung noch einigermassen unbedenklich hinunterspülen. Denn das Bier in Deutschland hat bislang «lediglich» rund 3 Prozent aufgeschlagen.

Die italienische Pizzeria bleibt erschwinglich

Kleiner dürfte der Preisschock für jene ausfallen, die es in den Süden zieht. In Italien, das 2019 über 2,3 Millionen Übernachtungen von Schweizer Gästen verbuchte, liegt die Inflationsrate deutlich tiefer als in Deutschland. Dies zeigt sich auch im Tourismus- und Gastronomiesektor. Gegenüber dem Vorkrisen-Sommer sind die Preise für eine Hotelübernachtung bislang um rund 5 Prozent angestiegen. Und auch ein typisches Nachtessen in einer Pizzeria ist um 6 Prozent teurer geworden. Interessant ist, dass die Pizzen generell – von Margherita, über Quattro Stagioni bis zu Prosciutto e Funghi – um etwas mehr als 8 Prozent aufgeschlagen haben, während der durchschnittliche Preis für Pastaprodukte 20 Prozent in die Höhe geschnellt ist. Bei Früchten und Gemüse liegt die Preissteigerung teilweise sogar über 30 Prozent.

Savoir vivre nur mit moderaten Inflationsauswirkungen

Eine leichte und gesunde Verpflegung ist in Italien somit deutlich teurer geworden. Wie sieht es damit in Frankreich aus, dem drittbegehrtesten Reiseland der Schweizer Touristen? Generell sind bei unserem westlichen Nachbarn die Preise für Früchte und Gemüse seit Juli 2019 um rund 11 bzw. 13 Prozent gestiegen. Doch Hand aufs Herz: Denken wir bei der Redewendung «Wie Gott in Frankreich» tatsächlich an Äpfel oder Blattsalate? Eher nicht. Werfen wir daher einen Blick auf die Getränkekarte. Wein ist in Frankreich um 5 Prozent teurer geworden, Spirituosen und Liköre um rund 2 Prozent. Wohl nicht zuletzt aus diesem Grund verzeichnet auch der Restaurant-Besuch insgesamt nur einen relativ moderaten Preisaufschlag von 5,5 Prozent, wobei aber auch in Frankreich Fisch (+15,6 Prozent) und Meeresfrüchte (+12,6 Prozent) deutlich stärker zu Buche schlagen als im Sommer vor der Pandemie.

Starker Franken entlastet das Urlaubsbudget

Müssen wir also den Gürtel bereits heute enger schnallen, um Inflation am Ferienort abzufedern? Nein! Tatsächlich werden die Lebenskosten für Schweizer Reisende kaum merklich höher ausfallen als vor der Pandemie. Denn im Vergleich zum Juli 2019 notiert der Euro zum Franken um rund 8,5 Prozent tiefer, was die jeweiligen Preissteigerungen teilweise sogar überkompensiert (siehe Tabelle). Der starke Franken gleicht den Inflationsschock in den europäischen Feriendestinationen somit aus. Kommt hinzu, dass mit Blick auf das absolute Preisniveau die Kosten für Unterkunft und Verpflegung an vielen Orten in Deutschland, Italien oder Frankreich grundsätzlich schon tiefer als in der Schweiz sind – die Hochpreisinsel lässt grüssen. Damit steigert der heutige SNB-Entscheid die Vorfreude auf den baldigen Urlaub noch einmal etwas mehr.

Sommerferien: Frankenkurs mindert Inflationssorgen

 In Euro:  In CHF:  
DeutschlandFrankreichItalienDeutschlandFrankreichItalien
Übernachtungen in Hotels, Gasthöfen und Ähnlichem6,7%-2,0%3,9%-2,3%-10,2%-4,8%
Speisen und Getränke in Restaurant, Cafe, Bar u.Ä.9,4%5,4%6,5%0,2%-3,5%-2,4%

Anmerkung:
Teuerung: Veränderung zwischen Indexstand Juli 2019 und letztem verfügbaren Indexstand
Währungsveränderung: EUR/CHF per 6. Juli 2019 und per 15. Juni 2022
Quellen: INSEE, Destatis, ISTAT, Migros Bank

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