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Die Bankbranche ist im Umbruch – die Banklehre auch

Die Transformation der Bankbranche erfordert neuartige Kompetenzen der Mitarbeitenden. Das hat auch Folgen für die Lehrlingsausbildung. «Die KV-Reform ist dringlich und zielführend, um den kaufmännischen Beruf zukunftsfähig zu machen», erklärt Manuel Kunzelmann, CEO der Migros Bank und gleichzeitig Präsident von CYP, dem Kompetenzzentrum für bankfachliche Ausbildung.

Viele junge Menschen haben nach den Sommerferien einen neuen Lebensabschnitt begonnen und eine Lehre gestartet. Bei der Migros Bank waren es 22 Auszubildende, die neu ins Unternehmen eintraten. Worauf freuten sie sich am meisten? Danach befragt, nannte die überwiegende Mehrzahl den Kundenkontakt.  

Berufsstart in einem sich rasch ändernden Berufsumfeld

«Die Begeisterung der jungen Menschen für den Kundenkontakt bildet eine gute Startvoraussetzung für die Banklehre. Diese vermittelt die erforderlichen Kompetenzen, um aus dem Kontakt eine erfolgreiche Kundenbeziehung zu machen», erklärt Manuel Kunzelmann. Der CEO und die Geschäftsleitung der Migros Bank sind sich einig: Das duale Bildungssystem, also die Lehrlingsausbildung mit Lehr- und Schulbetrieb, bewährt sich auch in einer sich rasch verändernden Bankbranche. 

Das Umfeld, in dem die Lernenden heute starten, illustriert Kunzelmann am Beispiel der Migros Bank: «Unternehmensweit haben wir agile Arbeits- und Organisationsformen eingeführt, die eine bereichsübergreifende und kundenzentrierte Zusammenarbeit erfordern. Gleichzeitig bauen wir die Direktvertriebskanäle mit neuen digitalen Kundenschnittstellen massiv aus, was neben State-of-the-art-Bankfachwissen neuartige, zusätzliche Kompetenzen erfordert. Zudem ergänzen wir unsere Finanzlösungen in einer Ökosystem-Logik mit zusätzlichen Angeboten ausserhalb des Bankings, was die Beratungskompetenzen ebenfalls erweitert.»

Ab 2023 neu aufgestellte KV-Lehre 

Nicht nur die Migros Bank, weite Teile der Branche befinden sich in einer Transformation mit Agilität, Digitalisierung, branchenübergreifenden Ökosystemen usw. Wie kann die KV-Lehre die jungen Menschen optimal darauf vorbereiten? Das ist das zentrale Thema der 2017 gestarteten KV-Reform. Ihr Inkrafttreten wurde von 2022 auf 2023 verschoben; letzte wichtige Entscheidungen fallen diesen Herbst. Man hat sich bewusst Zeit genommen, um dieses wichtige Reformprojekt sorgfältig zu erarbeiten und breit abzustützen.

«Ziel der Reform ist, dass das schulische Lernen im Rahmen der Berufsausbildung immer in einem berufsrelevanten Kontext steht», erklärt Kunzelmann. Er wurde im April 2021 zum Präsidenten des Vereins CYP gewählt, der als Kompetenzzentrum für bankfachliche Ausbildung eine wichtige Rolle in der KV-Lehre spielt (siehe Textbox am Ende des Artikels). Mit der Doppelfunktion als Bank-CEO und CYP-Präsident steht Kunzelmann für die enge Verbindung zwischen Lehr- und Schulbetrieb – diese wird die KV-Lehre künftig noch stärker prägen. Im Rahmen der KV-Reform werden nämlich fünf sogenannte Handlungskompetenzbereiche aufgebaut, die konsequent auf die Bedürfnisse im Arbeitsmarkt ausgerichtet sind.

Im Einklang mit dem Berufsbildungsgesetz verlagert die KV-Reform den Ausbildungsfokus weg von der klassischen Orientierung an Unterrichtsfächern hin zu berufsrelevanten Handlungskompetenzen. Dadurch fallen keine Fachinhalte weg, vielmehr werden diese neu strukturiert. «Bisherige Fächer wie Deutsch, Englisch, Französisch, Informatik, Wirtschaft oder Rechnungswesen werden im Rahmen der Handlungskompetenzbereiche miteinander verknüpft und mit konsequentem Bezug zum Berufsalltag vermittelt und bilden so das weiterhin solide Fundament», erläutert Kunzelmann. In einem vernetzten Arbeitsfeld zu interagieren bedeutet beispielsweise Folgendes: 

  • eine konkrete Problemstellung oder Kundenanfrage gezielt analysieren,
  • eine Lösung entwickeln (wofür fundiertes Wirtschafts- und Finanzwissen erforderlich ist, und zwar nicht bloss auf theoretischer Ebene, sondern auch in Bezug auf dessen Anwendung),
  • diese Lösung anschliessend auf dem passenden Kommunikationskanal im Ökosystem der Bank kommunizieren (sprachlich abgestimmt auf die Zielgruppe und unter Berücksichtigung sämtlicher technologischer Möglichkeiten)
  • und somit letztlich eine Kundenbeziehung aufbauen.

Damit diese komplexe Anforderung erfolgreich trainiert und gelernt werden kann, benötigt es eine optimale Zusammenarbeit aller drei Lernorte Betrieb, Berufsfachschule und überbetriebliche Kurse. «Darüber hinaus will die KV-Reform die jungen Menschen noch verstärkt befähigen, selbstorganisiert zu handeln und lebenslang zu lernen. Das wird zur Schlüsseldisziplin in einer sich rasch verändernden Finanz- und Technologiewelt», ergänzt Kunzelmann.

Kunzelmann: «Den kaufmännischen Beruf zukunftsfähig machen»

«Die Ausbildung fokussierte früher auf das Auswendiglernen von Fakten. Die Anforderungen der Arbeitswelt von morgen sind jedoch komplexer geworden und bedürfen neuer Kompetenzen. Die konsequente Ausrichtung weg vom blossen Faktenwissen hin zum Können bedarf auch stets einer konkreten Handlung und Anwendung, weshalb CYP die KV-Reform unterstützt», erklärt CYP-COO Simon Stadler. «Darüber hinaus gewinnen die Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenzen neben der Fachkompetenz an Bedeutung. CYP nutzt daher bereits seit vier Jahren problemorientierte Fragestellungen und Praxissituationen im Unterricht, um auch die neuen Kompetenzen entsprechend ganzheitlich, situativ und vernetzt zu trainieren.» Die Lernortkooperation zwischen dem Betrieb, der Berufsfachschule und den überbetrieblichen Kursen wird durch die Reform gestärkt, und die Jugendlichen und ihre Tätigkeiten im Lehrbetrieb stehen im Mittelpunkt. «Mit der Reform ist und bleibt die KV-Lehre ein Paradebeispiel für eine praxisorientierte und zukunftsgerichtete Grundausbildung, auf der sich verschiedenartige Karrieremöglichkeiten aufbauen lassen», so CYP-CEO Thomas Fahrni. Auch die Berufsmaturität, die sich entweder während der Lehre oder im Anschluss daran absolvieren lässt, soll sichergestellt bleiben. Dazu fallen diesen Herbst die nötigen Entscheidungen.

«Die KV-Reform ist dringlich und zielführend, um den kaufmännischen Beruf zukunftsfähig zu machen», resümiert Manuel Kunzelmann. «Die kaufmännische Grundausbildung wird noch gezielter jene Kompetenzen vermitteln, die heute und morgen erforderlich sind.»

CYP und KV-Lehre

Die Ausbildung «EFZ Kaufmann/Kauffrau Bank» besteht aus einem praktischen Teil im Lehrbetrieb, einem schulischen Teil an der Berufsfachschule sowie überbetrieblichen Kursen (ÜK) wie beispielweise bei CYP. CYP wird als Verein von 30 Mitgliedsbanken und 117 Kundenbanken getragen. Auch die Teilnehmenden des Bildungsgangs «Bankeinstieg für Mittelschulabsolventen (BEM)» besuchen die bankfachliche Ausbildung bei CYP. Die Lernenden absolvieren im Rahmen der ÜK 30 Module während drei Jahren; beim «Bankeinstieg für Mittelschulabsolventen» sind es 14 Module. Aktuell absolvieren mehr als 3760 jugendliche Nachwuchstalente der Banken bei CYP eine Ausbildung an einem der 12 CYP-Standorte. Neben Nachwuchsausbildung führt CYP auch diverse Weiterbildungsangebote durch.

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