Gut gerüstet in die Gewinnsaison

Die Berichtssaison der Unternehmensgewinne für das erste Halbjahr steht an. Der Gewinnreigen wird in der Finanz- und der Medienwelt erneut für reichlich Gesprächsstoff sorgen. An der Börse sind die Unternehmensgewinne das Salz in der Suppe. Sie sind die Triebfeder für höhere Aktienkurse und die Basis für die Dividendenausschüttung eines Unternehmens. Aber wie misst man den Gewinn? Und was gilt es zu beachten?

Die Antwort darauf erscheint problemlos. Alle Verkäufe des Unternehmens addieren und davon die Kosten abziehen, die mit diesen Verkäufen verbunden sind, und da haben wir den Gewinn. Richtig? Mitunter ist die Antwort doch nicht so einfach, weil Unternehmen aufgrund verschiedener Rechnungslegungsvorschriften und -standards in der Gewinn- und Verlustrechnung (Erfolgsrechnung) eine Vielzahl unterschiedlicher Zahlen ausweisen. Jede dieser Finanzkennzahlen erzählt eine etwas andere Version von der Aktivität eines Unternehmens im Bilanzierungszeitraum. Nachfolgend führen wir Sie durch eine vereinfachte Erfolgsrechnung.

Bruttogewinn

Ganz oben in der Erfolgsrechnung steht der Umsatz eines Unternehmens. Er ist die wohl wichtigste Zahl, sozusagen das Lebenselixier jedes Unternehmens. Kein Umsatz, kein echter oder nachhaltiger Gewinn! Um die Gesundheit und das Wachstumspotenzial eines Unternehmens zu beurteilen, schauen Sie sich an, wie sich der Umsatz im Zeitverlauf entwickelt. Sie wollen hier steigende Absatzzahlen sehen. Mit Blick auf die Gewinnentwicklung eines Unternehmens ist es wichtig zu wissen, woher das Gewinnwachstum stammt. Ist es bloss Effizienzmassnahmen zuzuschreiben, ist Vorsicht geboten. Denn die Rentabilität lässt sich nicht ewig verbessern. Idealerweise erwirtschaftet ein Unternehmen ein hohes organisches Wachstum, indem das Gewinnwachstum massgeblich durch Umsatzsteigerungen getrieben wird.

Um vom Umsatz zum Bruttogewinn zu gelangen, werden die direkten Kosten für die Verkäufe abgezogen. Je nach Branchenzugehörigkeit des Unternehmens variieren diese Kosten. Es können beispielsweise Kosten für Rohstoffe oder für den Kauf eines Produkts bei einem Grosshändler sein. Beträgt der Umsatz 600 Millionen Franken und die «Kosten der verkauften Waren» 400 Millionen Franken, dann beträgt der Bruttogewinn 200 Millionen Franken. Daraus errechnet sich eine Bruttomarge von rund 33 Prozent (200 geteilt durch 600 in Prozent). Es lässt sich auch als «Aufschlag», als prozentualer Anteil des Bruttogewinns an den Umsatzkosten, ausdrücken. In unserem Beispiel: 50 Prozent (200 dividiert durch 400 in Prozent). Bildet sich eine dieser Kennzahlen zurück, kann dies bedeuten, dass das Unternehmen seine Verkaufspreise gesenkt hat und/oder die Lieferantenkosten gestiegen sind. Hier kündigen sich womöglich Probleme an. Im Idealfall wünschen Sie sich höhere Umsätze, einen steigenden Bruttogewinn und einen Margenzuwachs.

Steigt zum Beispiel der Umsatz, aber die Marge sinkt, kann das bedeuten, dass das Unternehmen zu Lasten der Profitabilität zusätzliche Verkäufe generiert. Das ist oft ein Zeichen für einen branchenweiten Preiskampf beziehungsweise dafür, dass der Wettbewerbsvorteil eines Unternehmens womöglich erodiert. Es kann aber auch bedeuten, dass ein Unternehmen durch Preisnachlässe seinen Marktanteil zu erhöhen versucht, indem es Kunden an sich bindet.

Operativer Gewinn

Im nächsten Schritt kommen die Zwischentotale der Erfolgsrechnung, die die operative Performance des Unternehmens betreffen: EBIT, EBITA und EBITDA. Im Betriebsgewinn bzw. im Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT; Earnings before interest and taxes) werden die indirekten Kosten, die sogenannten Overheads, und alle planmässigen und ausserplanmäßigen Abschreibungen auf das Anlagevermögen berücksichtigt. Die Overhead-Kosten sind die operativen Kosten des Unternehmens, die in der Regel nicht direkt vom Umsatzniveau abhängen, beispielsweise Ausgaben für die Administration, das Marketing, Forschung & Entwicklung sowie Mieten.

Das Betriebsergebnis zeigt an, ob ein Unternehmen ausser den operativen Kosten auch den Werteverzehr des Anlagevermögens (Abschreibungen) ausgleichen kann. Gelingt dies einem Unternehmen nicht, wird es auf Dauer nicht überleben. Eine hohe EBIT-Marge bedeutet, dass das Unternehmen profitabel wirtschaftet, bevor dessen Finanzierungskosten berücksichtigt werden. Die operative Marge errechnet sich, indem das Betriebsergebnis ins Verhältnis zum Unternehmensumsatz gesetzt wird.

Wie besorgt sollten Sie sein, wenn die Betriebsmarge sinkt? Die Antwort darauf ist nicht immer einfach. Die Börsenreaktion auf einen Margenrückgang kann von Branche zu Branche sehr unterschiedlich sein. Angenommen, ein Luxusgüterunternehmen und ein Einzelhändler weisen einen Margenrückgang von jeweils zwei Prozentpunkte aus. Dem Luxusgüter-Hersteller, der üblicherweise eine ausgesprochen hohe Marge aufweist, wird der Rückgang eher verziehen als dem Detailhändler, da dieser als Mengenverkäufer in der Regel ohnehin schon eine dünne Marge hat. Die Antwort hängt unter anderem davon ab, inwiefern die Abschreibungen einmalige Wertanpassungen enthalten.

Viele Unternehmen stellen daher gerne die Gewinnzahlen EBITA und EBITDA in den Vordergrund. EBITA stellt das EBIT-Ergebnis vor Abzug der Amortisation und Wertberichtigungen immaterieller Aktiven dar. EBITDA rechnet zusätzlich die Abschreibungen und Wertberichtigungen von Sachanlagen auf. Wird beim EBITDA ein Plus verzeichnet, wird quasi eine Gewinnschwelle aus dem operativen Geschäft bestätigt. Allerdings lässt sich damit noch keine fundierte Aussage über die Nachhaltig- oder Leistungsfähigkeit eines Unternehmens treffen, da die zur Erhaltung des Anlagevermögens notwendigen Investitionen noch nicht berücksichtigt wurden.

Wenn der CEO eines dieser Resultate ins Rampenlicht stellt, ist aus Anlegersicht eine gewisse Skepsis nie schlecht. Denn die Rechnungslegungen erlauben einen gewissen Spielraum. Über welchen Zeitraum wird die Abnutzung von Sachanlagen abgeschrieben? Fünf oder zehn Jahre beispielsweise? Auch über Abschreibungen des sogenannten Goodwills kann man sich streiten und zweierlei Meinung sein, da sich dieser auf ganze Unternehmensteile oder Gesellschaften bezieht und Annahmen über das Zukunftspotenzial einer Akquisition trifft.

Sondereffekte

Ganz allgemein sollten Sie hellhörig werden, wenn ein Unternehmen auf einmalige Sondereffekte hinweist. Solche Sondereffekte können ein Unternehmensergebnis bzw. eine Marge im Jahresvergleich sehr verzerrt ausfallen lassen – im guten wie im schlechten Sinne. Ein Unternehmen kann beispielsweise einen ausserordentlichen Gewinn erzielen, indem es einen Unternehmensteil an einen Konkurrenten verkauft. Ein Gewinn, der im nächsten Geschäftsjahr nicht mehr anfallen wird. Handkehrum lassen sich zum Beispiel auch Reorganisationskosten als aussergewöhnlicher Sonderaufwand verbuchen. Insbesondere US-Unternehmen stellen gerne um Sondereffekte bereinigte Gewinnzahlen in den Vordergrund. Damit lässt sich die operative Performance hervorheben. Schmerzhafte Abschreiber und Reorganisationskosen, die manchmal über mehrere Quartale das Ergebnis belasten, lassen sich so kaschieren. Hier heisst es wachsam bleiben. Denn bei einigen Unternehmen lesen sich die Reorganisationen und Restrukturierungen eher wie die unendliche Geschichte denn als aussergewöhnliches bzw. einmaliges Sonderereignis.

Nettogewinn

Nach Abzug der Finanzierungskosten und Steuern kommt man zum Gewinn nach Steuern, zum «Nettogewinn» bzw. zum Reingewinn. Dies ist die Kennzahl, aus dem ein Unternehmen seine Dividende zahlt. Es ist auch die Zahl, die in den Gewinn pro Aktie am Fusse der Gewinn- und Verlustrechnung einfliesst. Beim Ergebnis je Aktie wird der Nettogewinn durch die Anzahl der ausgegebenen Aktien dividiert. Falls Sie eine Dividendenaktie kaufen wollen, dann überprüfen Sie immer die Ausschüttungsquote. Sie entspricht dem Anteil am Jahresgewinn, der als Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet wird. Angenommen, der Unternehmensgewinn beträgt 200 Millionen Franken und die jährliche Dividendensumme 50 Millionen, so beträgt die Ausschüttungsquote 25%. Als Faustregel gilt: Je tiefer die Ausschüttungsquote ist, desto mehr Spielraum bleibt für Dividendenwachstum.

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