Gaskrise: Es droht ein kalter Winter

Je mehr Wladimir Putin die Gaslieferungen als Druckmittel einsetzt und je näher die kalte Jahreszeit rückt, desto deutlicher wird Europas Abhängigkeit von Gas als Rohstoff und Energieträger. Das gilt auch für die Schweiz.

Die Erleichterung währte nur kurz. Kaum floss wieder russisches Gas über Nord Stream 1 nach Europa, drehte Moskau den Gashahn bereits wieder nahezu vollständig zu. Die kurzzeitig aufgeflammten Hoffnungen, dass die drohende Energieversorgungskrise doch noch abgewendet werden könne, mussten damit einen herben Dämpfer hinnehmen, wenn sie denn nicht ganz zu Grabe getragen müssen. Wladimir Putin ist ganz offensichtlich gewillt, die Gaslieferung als Machtmittel einzusetzen und sich mit den Europäern ein energiepolitisches Katz- und Mausspiel zu liefern.

Ohne Gas geht nichts

Wer dabei Katze und wer Maus ist, liegt angesichts der teilweise hohen bis sehr hohen Abhängigkeit von russischem Gas auf der Hand. Das wird insbesondere bei Betrachtung wichtiger Branchenzweige der grössten europäischen Volkswirtschaft deutlich. Eine Gasmangellage würde nicht nur die deutsche Chemie- und Stahlindustrie ins Mark treffen, wo ohne russisches Gas so gut wie gar nichts mehr geht. Auch andere Branchen, wie beispielsweise die Getränkeindustrie, ist stark exponiert: Aus Russland oder dem russischen Umland stammt rund ein Viertel des eingesetzten Gases. Diese spielt sowohl bei der Produktion als auch bei den Lieferanten von Vorprodukten wie Glas, Kartonagen oder Dosen eine entscheidende Rolle.

Ein weiteres Beispiel ist die Textilindustrie, bei welcher der russische Gasanteil bei rund 22 Prozent liegt. Von einem Engpass oder gar einem kompletten Wegfall russischen Gases ist nicht nur die Produktion klassischer Kleidung betroffen, sondern auch die Herstellung von Airbags, Sitzbezügen, Feuerwehrschläuchen oder funktionaler Textilien.

Die Liste exponierter Branchen liesse sich fast beliebig erweitern: Von der Tabakindustrie, über Druckereien bis hin zur Pharmabranche – russisches Gas ist vielerorts nicht wegzudenken, wobei nicht nur ein möglicherweise vollständiges Ausbleiben der Lieferungen die entsprechenden Unternehmen in Schwierigkeiten bringt. Bereits die bewusst herbeigeführte Gas-Verknappung und die damit einhergehenden Preissteigerungen treiben viele Firmen an den Rand der operativen Geschäftsfähigkeit. Vergegenwärtigt man sich die Gaspreis-Entwicklung (siehe Grafik), vermag dieser Befund alles andere als zu überraschen.

Defensive Unternehmen sind besonders betroffen

In Europa verleiht Russlands Gastaktik den Sorgen vor einem Abgleiten in eine Rezession zusätzliche und umfangreiche Nahrung. So prekär sind die Auswirkungen in der Schweiz – zumindest im Moment – noch nicht. Denn im Gegensatz zu vielen europäischen Staaten, insbesondere Deutschland, ist Gas hierzulande für die Energiezeugung irrelevant. Allerdings ist auch in der Schweiz die gewichtige Chemie-, Pharma- und Lifescience-Branche dringend auf Gas angewiesen. Jene Unternehmen also, die gerade in konjunkturell schwierigen Zeiten für den Rückhalt und die relative Stabilität der Schweizer Wirtschaft sorgen.

Kommt hinzu, dass rund ein Viertel der Schweizer Haushalte mit Gas als primären Energieträger beheizt werden. Sollten die Gaslieferungen aus Europa wegfallen, weil schlicht zu wenig Gas vorhanden ist, droht nicht nur der hiesigen Wirtschaft, sondern auch den Schweizer Stuben ein kalter Winter.

TTF-Gaspreis*, in Euro pro MW/h
*Als Benchmark für die europäischen Gaspreise dient der Frontmonats-Preis für Gas mit Lieferung zum virtuellen niederländischen Handelsplatz «Title Transfer Facility». Dieser wird üblicherweise mit TTF abgekürzt.

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