Fallende Ölpreise: Ein weiteres Rezessionssignal?

Zinsstraffung und Inflation sowie Lieferkettenstörungen und geopolitische Unwägbarkeiten sorgen für anhaltende Konjunkturängste. Diese erhalten durch die fallenden Ölpreise weiter Auftrieb.

Nein, leicht hat es nicht, wer auf der Suche nach ermutigenden Konjunktursignalen ist. Die Notenbanken finden sich in einem eigentlichen Zinsstraffungsrennen, die Inflation hält sich hartnäckig auf einem Mehrdekadenhoch, die Produzentenpreise schiessen durch die Decke, die Lieferkettenstörungen wollen sich einfach nicht auflösen, das BIP-Modell des Atlanta-Fed sieht die USA wahrscheinlich bereits im laufenden Quartal in eine technische Rezession abgleiten, in der Eurozone verdüstern sich sowohl die Unternehmens- als auch die Konsumentenstimmung (siehe unten), und die EZB versucht sich bei der gleichzeitigen Bekämpfung von Inflation und steigenden Risikoprämien in der sprichwörtlichen Quadratur des Kreises.

Ja, die Suche nach positiv stimmenden Konjunkturdaten gestaltet sich wahrlich nicht einfach. Stattdessen stolpert man über stärker werdende Rezessionsängste, die sich an den unterschiedlichen Fronten zu manifestieren beginnen. Sind da wenigstens die zuletzt fallenden Ölpreise ein Hoffnungsschimmer? Schliesslich haben die Notierungen für Rohöl seit dem 8. Juni bereits um knapp 10 Prozent (Brent) bzw. um mehr als 13 Prozent (WTI) nachgegeben. Eine dringend herbeigesehnte Erleichterung für die unter den hohen Energiepreisen ächzenden Unternehmen und Konsument*innen.

Der Inflationsdruck lindert sich etwas

Um die gute Nachricht vorweg zu nehmen: Die sinkenden Ölpreise können tatsächlich als positive Entwicklung gesehen werden. So lindert sich damit der Inflationsdruck, was sich bei der nächsten Veröffentlichung in den Gesamtraten der Teuerungsdaten spiegeln wird. Gleichzeitig entlasten die tieferen Ölpreise die Konsument*innen und senken die Produktionskosten für die Unternehmen. Der Margendruck für die Firmen fällt damit nicht mehr ganz so prekär aus, während die Konsument*innen nach dem Halt an der Tankstelle wieder etwas mehr verfügbares Einkommen übrighaben.

Die schlechte Nachricht: Fallende Energiepreise sind vielfach Vorboten einer deutlichen Konjunkturabkühlung oder sogar eines rezessiven Umfeldes. Demgemäss antizipieren die Finanzmärkte den Konjunkturabschwung und nehmen den damit einhergehenden Nachfragerückgang in den Preisen vorweg. Insofern passt die Ölpreisentwicklung in das Bild der eingetrübten übrigen Konjunkturdaten. Die Sorge, dass die Notenbanken – allen voran die amerikanische Fed – bei ihrem Kampf gegen die galoppierende Inflation den Wirtschaftsmotor abwürgt, hat in dieser Leseart nun auch den Ölmarkt erfasst.

Dies erklärt auch, warum die Preise für amerikanisches WTI-Öl deutlich stärker nachgegeben haben als die Notierungen für Öl der europäischen Sorte Brent: Einerseits geht die Fed bei der Zinsnormalisierung deutlich aggressiver vor als die EZB. Andererseits beeinflusst die hohe Abhängigkeit von russischem Öl die Preisbildung bei den europäischen Ölsorten. Angesichts der bereits eingeschränkten Lieferung russischen Gases nach Europa wächst die Sorge, dass Moskau auch die Ölversorgung als politische Waffe einsetzen wird. Eine mögliche Angebotsverknappung wirkt daher als preislicher Gegenspieler zu den aufkeimenden Rezessionsängsten.

Wachstumsbaisse lässt sich nicht vermeiden

Kehren wir zurück zu unserer Suche nach hoffnungsvoll stimmenden Konjunkturindikatoren. Wurde mit den fallenden Ölpreisen ein solcher gefunden, weil damit die Hemmung des Privatkonsums gelindert wird, der einen elementaren Wachstumspfeiler darstellt? Die entscheidenden Grössen bei der Beantwortung dieser Gretchenfrage liegt in der Entwicklung der eingangs erwähnten Herausforderungen für die Konjunktur, insbesondere bei den Auswirkungen der Zinsnormalisierung. Selbst wenn der Fed der Drahtseilakt der wirtschaftsverträglichen Inflationsbekämpfung gelingen sollte, wird spätestens die Anhebung des Leitzinses über das neutrale Niveau – das im Falle der USA bei 2,5 bis 2,75 Prozent liegen dürfte – mindestens zu einer starken Wachstumsverlangsamung der amerikanischen Wirtschaft führen. Da die USA nach wie vor Taktgeber der globalen Konjunktur sind, wird dies in den anderen Wirtschaftsregionen die sich abzeichnende Konjunkturabkühlung weiter verstärken. Insofern sind die fallenden Ölpreise zwar nicht zwangsläufig ein Rezessionssignal, aber zumindest Vorboten deutlicher Wachstumsbaissen. Die Suche nach optimistisch stimmenden Konjunkturindikatoren ist weiterhin nicht von Erfolg gekrönt.

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