«Die Schweizer Wirtschaft steht solide da»

Die Mietpreise stabil, die Zinsen leicht steigend, die Altersvorsorge aber eine Baustelle: Der Chefökonom der Migros Bank, Christoph Sax, wagt einen Blick in die Zukunft.

(Das Interview erschien am 31.12.2018 im Migros Magazin / Text: Kian Ramezani)

Wie haben Ihre Kollegen in der Migros Bank auf die Abschaffung der Boni reagiert?

Ziemlich gelassen, obwohl der Schritt für die meisten überraschend kam. Weil gleichzeitig die Fixlöhne angehoben werden, fand ja keine Leistungskürzung statt. Hohe Boni schaffen Fehlanreize und können für die langfristige Entwicklung des Unternehmens schädlich sein, wenn sich die Mitarbeiter zu sehr auf die Erreichung ihrer persönlichen Leistungsziele fokussieren.

Apropos Gelassenheit: Handelsstreit, Brexit, «Gilets Jaunes» – 2018 fehlte es nicht an Dramen und Krisen. Täuscht der Eindruck, oder lässt das die Märkte zunehmend kalt?

Lange sah es danach aus. Die Stimmung ist in den letzten Wochen jedoch gekippt, obwohl sich die Weltwirtschaft nach wie vor robust entwickelt. Der Handelsstreit zwischen den USA und China belastet die Märkte zunehmend.

Kommt es nächstes Jahr zum lange erwarteten Börsencrash?

Ein wenig Luft ist ja schon draussen, und darum glauben wir nicht an den grossen Crash 2019. Die Konjunkturrisiken sind aber gestiegen. Sollte es etwa zu weiteren Eskalationen im Handelskonflikt zwischen den USA und China kommen, sind erneute Rücksetzer nicht auszuschliessen.

Man erwartet, dass die Zentralbanken ihre lockere Geldpolitik beenden und die Zinsen erhöhen werden…

Das ist richtig, wobei US-Notenbankchef Jerome Powell durchblicken liess, dass er nicht mehr viele Erhöhungen für nötig hält. Unser Zinszyklus hinkt jenem der USA ohnehin weit hinterher. Zudem müssen die Leitzinsen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) tiefer sein als in der Eurozone, sonst wird der Franken zu stark. Die SNB muss also mit einer Leitzinserhöhung auf die Europäische Zentralbank warten. Und die hat klar signalisiert, frühestens im Herbst 2019 zu erhöhen.

Was heisst für Mieter?

Auch der Referenzzinssatz wird aus oben genannten Gründen stabil bleiben, die Mieten in bestehenden Objekten werden sich nächstes Jahr deshalb nicht gross ändern. In neuen Objekten an dezentraler Lage hingegen werden sie sinken, weil dort zu viel gebaut worden ist und die Leerstände weiter zunehmen.

Und was bedeutet es für die Hauseigentümer?

Festhypotheken mit langer Laufzeit werden 2019 etwas teurer, aber nicht viel. Auch Libor-Hypotheken bleiben sehr attraktiv. Die Nachfrage nach Wohneigentum wird dadurch stabil bleiben, und das Preisniveau ebenso. Ich sehe in diesem Segment am wenigsten Risiken. Die Banken sind heute sehr vorsichtig bei der Vergabe von Hypotheken und rechnen mit einer Tragbarkeit von 4,5 bis 5 Prozent. Wer sich einen solchen Zinssatz nicht leisten kann, erhält keine Finanzierung.

Sind Zinsen von bis zu 8 Prozent wie Ende der 1980er-Jahre noch vorstellbar?

Das ist die grosse Frage. Die globalen Schulden notieren auf Rekordstand, und diese Schulden können nie zurückgezahlt werden. Das globale Schuldenwachstum der letzten zehn Jahre war exorbitant. Sollte es wieder zu einem solchen Zinsniveau kommen, wird es richtig ungemütlich: Es würde zu einer globalen Finanzkrise führen. Ich halte Zinsen von acht Prozent allerdings für kein realistisches Szenario, weil die Globalisierung inflationshemmend wirkt. Die Zinsen werden aber steigen, und das müssen sie auch.

Warum?

Um Fehlanreize im Finanzsystem zu beseitigen. Das Tiefzinsumfeld fördert Fehlinvestitionen und die Blasenbildung bei Aktien. Ausserdem belastet es die Vorsorgewerke, weil die tiefen Zinsen die Anlageerträge schmälern. Das zweite Problem ist demografischer Art: Die Gesellschaft altert, wir leben immer länger und die bestehenden Renten sind langfristig nicht finanzierbar. Kommende Generationen müssen mit Kürzungen rechnen. Umso wichtiger wird die private Vorsorge über die dritte Säule.

Bislang galt: Staatliche und berufliche Vorsorge zusammen reichen.

Dieses Prinzip ist gefährdet. Bei der AHV wird uns die geplante Reform vier Jahre zusätzlich Luft geben, mehr aber nicht. Auch bei der beruflichen Vorsorge gibt es Handlungsbedarf. Es wird darauf hinauslaufen, die Beiträge zu erhöhen, vermutlich sowohl bei den Arbeitnehmern als auch bei den Arbeitgebern. Man muss heute mehr zur Seite legen, über welche Kanäle auch immer.

Sie sprechen die alternde Bevölkerung an. Damit verbunden ist auch ein chronisch unterfinanziertes Gesundheitswesen.

Ein sehr schwieriges Dossier, an dem sich mancher Bundesrat die Zähne ausgebissen hat. Der Reformstau ist hoch. Das System enthält kaum Sparanreize. Wir geben immer mehr vom Lohn für die Gesundheit aus – ein Trend, der seit 20 Jahren anhält.

Was passiert, wenn wir nichts tun?

Privathaushalte werden stärker belastet, aber auch die Staatsausgaben: Höhere Beiträge an Spitäler, Prämienverbilligungen und Finanzierung von Langzeitpflege. Vor allem im letzten Punkt beginnt die demografische Entwicklung zu wirken.

Neben all den Herausforderungen gibt es auch Lichtblicke in der Schweizer Volkswirtschaft?

Auf alle Fälle. Wir haben zum Beispiel den Frankenschock gut verdaut und an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Die Schweizer Wirtschaft steht solide da, auch wenn sich das Umfeld verschlechtert. Das Problem ist aber, dass wir seit der Finanzkrise mehrheitlich in die Breite gewachsen sind. Die Wirtschaftsleistung hat zwar zugenommen, aber hauptsächlich, weil wir mehr Arbeitnehmer haben. Das ist vor allem auf die Zuwanderung zurückzuführen. Pro Kopf gerechnet hat sich da nicht so viel getan.

Und woran liegt das?

Viele Branchen in der Schweiz werden indirekt oder direkt vom Staat geschützt. In diesen überregulierten Sektoren verzeichnen wir kaum Produktivitätswachstum. Hier müssten wir mehr tun, liberalisieren. Die Industrie bildet eine Ausnahme, sie ist produktiver geworden.

Wie gut ist die Schweiz für die Digitalisierung aufgestellt?

Ich denke, wir sind nicht ganz so modern, wie wir meinen. Eine Kollegin in Schanghai, mit der ich mehrere Referate gemacht habe, sagt klar: China ist viel weiter. Ein Beispiel: In fast jeder Strassenküche kann man kontaktlos bezahlen. Ich finde, wir sollten uns auf die Chancen freuen, welche die Digitalisierung mit sich bringt.

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