Trotz der Bemühungen der Zentralbank stagniert das Wirtschaftswachstum in Japan. Hingegen sind die Kapitalmarktzinsen stark angestiegen, was den fiskalpolitischen Handlungsspielraum der Regierung zunehmend unter Druck setzt.
Neben der Schweizerischen Nationalbank und der US-Notenbank Federal Reserve Mitte März traf auch die Bank of Japan (BoJ) einen Zinsentscheid. Der Umfang des Interesses der Öffentlichkeit an ihren Entscheidungen kann sehr unterschiedlich sein: Im vergangenen August, als die BoJ den Leitzins auf 0,25 Prozent erhöhte, trug die Zinserhöhung zu Turbulenzen an den globalen Aktienmärkten bei, und ihre Aktion stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Mittlerweile nahm die BoJ im Januar eine weitere Zinserhöhung von 25 Basispunkte vor, und am 19. März pausierte sie, ohne grosses Aufsehen zu bekommen. Der Fokus der Markteilnehmende liegt eindeutig anderswo.
Die BoJ ist noch nicht fertig
Die japanische Notenbank war jahrelang beschäftigt mit der Bekämpfung der zu tiefen Inflation durch eine weltweit einzigartige Geldpolitik, die zeitgleich einen Negativzins sowie die Kontrolle der Zinskurve durch exorbitante Ankäufe von Staatsanleihen vorsah. Japan konnte sich nicht der globalen Inflationswelle nach der Pandemie und dem russischen Angriff auf die Ukraine entziehen und erlebte dadurch einen Preisauftrieb, der den Höchststand Anfang 2023 mit einer Inflationsrate von 4,3 Prozent erreichte. Danach gab die Teuerung allmählich bis Mitte 2024 nach, und sie stabilisierte sich zwischen 2 und 3 Prozent. In dieser Zeitspanne blieb die BoJ Zuschauerin und nahm keine Zinserhöhung vor. Dies im Gegensatz zu vielen anderen Zentralbanken und zu dem, was die Wirtschaftstheorie während einer Inflationsphase empfiehlt. Nach einem langen und aus Sicht des Wirtschaftswachstums ergebnisschwachen Kampf gegen die Deflation wollten die japanischen Währungshüter die unübliche Inflationsphase ausnutzen, um langfristig die Wirtschaft zu stimulieren. Dieser Impuls muss vom realen Lohnwachstum ausgehen, das die privaten Konsumausgaben und Investitionen fördert und zu einem langfristig höheren Wirtschaftswachstum führt.
Als die BoJ im vergangenen Jahr mit der Zuwachsrate der Löhne zufrieden war, gab sie die unkonventionelle Geldpolitik auf und erhöhte den Leitzins auf aktuell 0,50 Prozent. Dennoch erlebte Japan ab vergangenem Herbst eine Wiederbelebung des inflationären Drucks. Treiber der Entwicklung waren zum einen die Nahrungsmittelpreise, ein wichtiger Ausgabeposten im Budget der Haushalte, sowie zum anderen die Importpreise, die aufgrund des schwachen Yens deutlich zugelegt haben. Zurzeit beurteilt die BoJ diese Preissteigerung als «temporär», deutet aber gleichzeitig weitere Zinserhöhungen an. Das angestrebt neutrale Zinsniveau wird bei 1 Prozent verortet.

Die Ergebnissen sind noch nicht sichtbar – und das Gespenst der Zölle ist da
Die Absichten sind gut, aber vorerst bleibt das Wirtschaftswachstum schwach. 2024 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um lediglich 0,1 Prozent, eine deutliche Bremsung nach der Zunahme um 1,5 Prozent im Vorjahr. Im Gegensatz zu den Hoffnungen der Zentralbank trat die private Konsumnachfrage an Ort, und die Investitionen legten nur geringfügig zu. Besonders hoch und wachstumsstützend waren die staatlichen Konsumausgaben, die das höchste Niveau des letzten Jahrzehnts erreichten. Das stellt allerdings keine Überraschung dar, da Japan die weltweite höchste Verschuldungsquote aufweist.
Als offene Volkswirtschaft ist der Aussenhandel von grosser Bedeutung, und dieser wird die Wachstumsaussichten für die Zukunft eintrüben, da die USA zu den wichtigsten Handelspartnern zählen. 2024 exportierte das Land der aufgehenden Sonne Waren in Höhe von 141 Milliarden Dollar in die USA – gut 20 Prozent der gesamten Ausführen – und importierte für 84 Milliarden Dollar. So ergibt sich ein Handelsdefizit von 57 Milliarden Dollar, das das US-Handelsministerium überprüfen wird. Es ist damit zu rechnen, dass auch Japan von den am 2. April 2025 angekündigten umfassenden Strafzöllen betroffen sein wird. Bereits am 26. März 2025 teilte US-Präsident Donald Trump die Einführung von 25-prozentigen Zöllen auf die Autoimporte mit. Das ist ein harter Schlag für Japan, da Fahrzeuge fast 30 Prozent der Ausführen in den USA ausmachen und die Autoindustrie zu den wichtigsten Industriezweige der japanischen Wirtschaft gehört. Nach den ersten Schätzungen japanischer Wirtschaftsinstitute können die US-Zöllen einen BIP-Rückgang zwischen 0,2 und 0,4 Prozent verursachen.
Die amerikanischen Zölle und die allmähliche, von den Zinserhöhungen gestützte Aufwertung des Yens (von einem sehr tiefen Niveau) könnte die Pläne der BoJ durchkreuzen. Das tiefe Wirtschaftswachstum könnte die Notenbank dazu zwingen, das Zinsniveau nicht weiter zu straffen, um die Gefahr einer Rezession zu vermeiden. Auf der anderen Seite bleibt die Inflation erhöht, und der Yen müsste stark an Wert gewinnen, um den Preisauftrieb bei den Importpreisen entgegenzuwirken. So droht Japans Wirtschaft, sich vorübergehend von einer unerwünschten Lage (tiefe Wachstum und Inflation) in eine andere zu bewegen (tiefe Wachstum und Inflation über dem Ziel der BoJ).
Kapitalmarktzinsen auf den Höchststanden
Die sehr hohe japanische Staatsverschuldung ist ein weiteres weltweites Unikum, da die BoJ mehr als die Hälfte der ausstehenden Verschuldung besitzt. Mitte März betrug die Rendite auf Verfall der 10-jährigen Staatsanleihen knapp 1,6 Prozent: das ist doppelt so hoch als noch ein Jahr zuvor. Das steigende Zinsumfeld wird die Regierung unter Druck setzen, da bereits heute der Schuldendienst einer der grössten Ausgabeposten des Staatshaushalt darstellt. Bereits zwischen den Fiskaljahren 2023 und 2025 nahmen die Zinszahlungen um 40 Prozent zu und die Regierung rechnet mit einem weiteren Anstieg um 50 Prozent bis zum Jahr 2028. So wird die Fähigkeit des japanischen Staates, die Wirtschaft durch fiskalpolitischen Massnahmen anzukurbeln, deutlich eingeschränkt, es sein denn, Japan greift auf eine Monetarisierung der Schulden zurück. So würde die Staatsverschuldung direkt von der Zentralbank finanziert, mit dem Risiko eines völligen Vertrauensverlust der internationalen Investoren. Eine alternde Bevölkerung, Handelseinschränkungen und zunehmenden Sorgen um die Staatsverschuldungen. Viele Herausforderungen stehen Japanern und Japanerinnen zuvor. Für die Erhaltung seines Wohlstands muss das einst im technologischen Bereich führende Land den Innovationsgeist und die Resilienz wiederfinden.
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