Wie nachhaltig ist Online-Shopping?

Heimlieferung per Lastwagen, viel Verpackungsmaterial, je nach Warengruppe Unmengen an Retouren – angesichts dessen haben Interneteinkäufe bei vielen ein miserables Nachhaltigkeitsimage. Doch Berechnungen zeigen: Die CO2-Bilanz von Online-Shopping ist oft besser, als wenn man selber zum Einkaufen fährt.

Die Hälfte der Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten tut es einmal pro Monat, 19 Prozent einmal pro Woche und 3 Prozent sogar täglich – die Rede ist vom Online-Shopping. Das geht aus einer Befragung von 12 000 Personen im Rahmen des «E-Commerce-Stimmungsbarometers 2018» hervor.
Als wichtigste Gründe für die Beliebtheit von Interneteinkäufen nennen die Befragten die Unabhängigkeit von Öffnungszeiten sowie die Heimlieferung. Letztere sorgt regelmässig für ein schlechtes Öko-Image von Online-Shopping. Doch Einkaufen per Internet ist in der Regel nachhaltiger, als viele glauben. Das zeigt eine Untersuchung des Lehrstuhls für Logistikmanagement an der Universität St. Gallen*. Die Studie vergleicht für verschiedene Warenkörbe die CO2-Emissionen beim Kauf im Internet und in einer physischen Filiale. Es handelt sich um die erste Analyse zu diesem Thema mit Schweiz-spezifischen Daten.

Landesspezifische Besonderheiten berücksichtigen

Nachhaltigkeitsvergleiche von Online- und stationärem Handel gibt es bereits für diverse ausländische Märkte. Doch aufgrund nationaler Unterschiede bei geografischen Distanzen, bei Einkaufs- und Mobilitätsverhalten usw. lassen sich ausländische Studien nicht 1:1 auf die Schweiz übertragen. Die gezielte Autofahrt für den Kauf im stationären Detailhandelsgeschäft verursacht z.B. in Grossbritannien 24-mal mehr CO2-Emission als eine Online-Bestellung; in Deutschland sind es 15- bis 18-mal mehr.
Nun ist es in der Praxis so, dass man pro Einkaufsfahrt in der Regel nicht nur ein einzelnes Produkt kauft, sondern mehrere; ebenso wird pro Online-Lieferung meist mehr als ein Objekt bestellt. Zudem gilt es zu berücksichtigen, dass im Alltag viele Einkaufsfahrten auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unternommen werden, insbesondere wenn man in einem urbanen Umfeld wohnt.

Interneteinkäufe verursachen oft weniger CO2

All dem trägt die Universität St. Gallen in ihrer Untersuchung mit Schweiz-spezifischen Daten Rechnung. So berücksichtigt sie z.B. bei gezielten Einkaufsfahrten den typischen helvetischen Verkehrsmix (Anteil des motorisierten Individualverkehrs von 56 Prozent in der Kernstadt bzw. von 85 Prozent auf dem Land), und sie verwendet bei der Paketzustellung die Schweizer Praxisdaten zu durchschnittlich gefahrenen Kilometern, pro Tour ausgelieferten Paketen, erfolglosen Zustellungsversuchen, Retouren usw. Das Fazit der St. Galler Autoren: «Auf der letzten Meile», also vom lokalen Lager bis zur Lieferadresse, verursacht Online-Shopping oft weniger CO2-Ausstoss, als wenn der Kunde die entsprechenden Waren selber in der Filiale des stationären Handels einkaufen geht. Aus der Fülle von Beispielen seien nur zwei erwähnt:

  • Nehmen wir einen Konsumenten, der auf dem Land wohnt. Die Auslieferung einer typischen Online-Bestellung von Gütern des täglichen Bedarfs ist mit 204 Gramm CO2 verbunden. Geht er diesen Warenkorb selber einkaufen, verursacht er bei gezielten Einkaufsfahrten 767 Gramm; unternimmt er z.B. 60 Prozent kombinierte Fahrten, verringert er den Ausstoss auf 307 Gramm.
  • Wohnt der Konsument in der Stadt, sind die CO2-Werte durchs Band tiefer aufgrund der geringeren Distanzen, und zwar sowohl zum lokalen Lager des Online-Shops als auch zur stationären Filiale. So verursacht die Auslieferung des online bestellten obigen Warenkorbs in der Kernstadt nur rund 150 Gramm CO2. Bei gezielten Einkaufsfahrten sind es 256 Gramm, bei kombinierten Fahrten gar bloss 103 Gramm.

Das zweite Beispiel zeigt, dass der stationäre Handel dann besser abschneidet als der Online-Handel, wenn der Einkaufsweg sehr kurz ist – maximal zwei bis fünf Kilometer, wie das in Kernstädten typisch ist. Ebenfalls zugunsten des stationären Handels wirkt, wenn der Einkaufsweg konsequent mit CO2-armen Verkehrsmitteln zurückgelegt wird.
Und nicht zuletzt fällt der Vergleich auch dann zugunsten des stationären Handels aus, wenn es um die rasche Verfügbarkeit der Ware geht. Diese kann in der Filiale nach dem Kauf direkt mitgenommen werden, im Online-Shop muss dagegen eine Express-Zustellung gewählt werden. Letztere macht tendenziell mehr Fahrten notwendig, was zulasten der Nachhaltigkeit geht. Doch der Trend zu immer kürzeren Lieferfristen sei unaufhaltsam, so die Überzeugung von Thomas Lang, Gründer und CEO des Beratungsunternehmens Carpathia. Im Interview mit netzwoche.ch erklärt er: «Man wird sich daran gewöhnen, dass man etwas spätestens nach 24 Stunden in den Händen halten kann.» Oft werde es auf Same-Day-Delivery oder im urbanen Umfeld gar auf ein Lieferversprechen innerhalb von ein bis zwei Stunden hinauslaufen.

Nachhaltigkeitstipps fürs Online-Shopping

  • Wenn Sie bei Internet-Einkäufen Wert auf Nachhaltigkeit legen, sollten Sie von Express-Lieferungen absehen.
  • Nutzen Sie die Möglichkeit, Ihre Online-Käufe an Abholstationen zu beziehen, statt sie sich nach Hause liefern zu lassen. Ein Beispiel ist das Netzwerke von PickMup der Migros-Gruppe. Solche Konzepte hätten das Potenzial, CO2 einzusparen, schreiben die St. Galler Autoren in ihrer Studie.
  • Bündeln Sie wenn immer möglich mehrere Käufe in ein und derselben Bestellung.
  • Vermeiden Sie Retouren durch vorgängige sorgfältige Auswahl. Seien Sie z.B. besonders aufmerksam beim Kauf von Textilien: 40 bis 50 Prozent der online bestellten Waren werden zurückgeschickt, heisst es beim Verband Schweizer Versandhändler (VSV). Solche Güter mit hohen Rücksendequoten sollten Sie tendenziell eher im stationären Handel kaufen, wo Sie die Ware sehen und in verschiedenen Grössen anprobieren können.
  • Wählen Sie Online-Shops, die einen bewussten und sparsamen Umgang mit Verpackungsmaterial pflegen, denn Interneteinkäufe verursachen enorme Mengen an transportbedingtem (Einweg-)Verpackungsmaterial. Dessen Energiebilanz fliesst zwar nicht in die erwähnte Studie der Universität St. Gallen ein. Aber Zusatzberechnungen der Autoren zeigen, dass die Berücksichtigung der Verpackung die transportbedingte CO2-Emission «auf der letzten Meile» um 35 bis 47 Prozent erhöhen kann. Soweit sich das Verpackungsmaterial nicht vermeiden lässt, sollten Sie es als Konsumentin und Konsument sachgerecht entsorgen.
  • Verzichten Sie auf Papierrechnungen bei Ihren Online-Einkäufen (siehe Textbox).

*Stephanie Schreiner, Thorsten Klaas-Wissing, Wolfgang Stölzle: Die «Letzte Meile» im Schweizer Detailhandel. Cuvillier Verlag, Göttingen, 2017.

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