Was der Brexit für die Geldanlage bedeutet

«Die Migros Bank favorisiert im momentanen wirtschaftlichen und geldpolitischen Umfeld weiterhin Aktienanlagen.» Markus Wattinger, Leiter Asset Management, erklärt in seinem Update zur Anlagepolitik, wie sich der Brexit auf die Märkte auswirkt.

Brexit: Der Schock zur Jahresmitte

Nach dem überaus schwachen Start ins Jahr 2016 konnten sich die globalen Aktienmärkte unter dem Eindruck einer Stabilisierung des Ölpreises und einem schwächeren US-Dollar bis Mitte Jahr wieder erholen  und einen ansehnlichen Teil der in den ersten Wochen des Jahres erlittenen Verluste wettmachen.

Dann kam der Brexit und mit ihm ein selten gesehener Einbruch an den globalen Finanzmärkten: Der FTSE 100 büsste zur Eröffnung über 7% ein, das Pfund verlor gegenüber dem US-Dollar auf einen Schlag zwischenzeitlich mehr als 11% an Wert und der Schweizer Franken wertete sich kurz nach Bekanntwerden des Abstimmungsresultats gegenüber dem Euro von über 1.10 auf gut 1.065 auf. Die Schockwellen des historischen Ereignisses breiteten sich weltweit aus und führten zu einem massiven Anstieg der Risikoaversion und zu einer Flucht der Anleger in vermeintlich sichere Häfen. Der Yen war zwischenzeitlich äusserst gesucht, die Renditen der als sicher geltenden Staatsanleihen der USA oder Deutschlands sanken markant und die Anleger mieden Risikopapiere jeglicher Couleur. Staatsanleihen der europäischen Peripherieländer wurden ebenso verkauft wie Aktien. Weltweit eröffneten die Aktienmärkte mit Verlusten von bis zu zehn Prozent.

Kurz gesagt: Die negative Reaktion der Finanzmärkte auf das Brexit-Votum war wie erwartet heftig und führte zu einer massiven Eintrübung des Sentiments an den internationalen Finanzmärkten.

Bis zum Handelsschluss legte sich dann jedoch die Panik etwas und die meisten Indizes schlossen merklich fester, als sie am Morgen eröffneten.

Unsicherheit prägt die Zukunft

Der Austritt Grossbritanniens aus der EU bringt in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht für das Königreich – aber auch für die EU – viel Unsicherheit mit sich. Derzeit ist völlig offen, wie das künftige Verhältnis Grossbritanniens zur Europäischen Union ausgestaltet sein wird. Entsprechend ist es zum jetzigen Zeitpunkt in erster Linie diese Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft, welche bei den Anlegern für Verunsicherung und an den Märkten für entsprechende Verluste sorgt. Vorerst wird sich aber nur wenig ändern. In den nächsten Monaten werden die Austrittsverhandlungen starten, die sich gut zwei Jahre hinziehen dürften. Gleichzeitig werden beide Parteien an einer raschen Neugestaltung der Handelbeziehungen interessiert sein, um den kurzfristig sicherlich zu erwartenden wirtschaftlichen Schaden für beide Seiten möglichst gering zu halten.

Der Austritt Grossbritanniens aus der EU ist ein historisches Ereignis und stellt die Union in ihren Grundfesten in Frage. Das Projekt Europa deshalb als gescheitert zu erklären, halten wir jedoch für übertrieben. Der direkte wirtschaftliche Schaden für Europa bleibt überschaubar; separatistische Tendenzen innerhalb der Union könnten durchaus Auftrieb erhalten, trotzdem erachten wir die Gefahr von potenziellen Nachahmern derzeit als überschaubar. Europa bleibt auch ohne Grossbritannien eine wirtschaftliche Grossmacht und dürfte den Austritt der Briten verkraften. Und auf die globalen Konjunkturerwartungen hat der Brexit wohl nur einen beschränkten Einfluss, dafür ist die britische Wirtschaft schlicht zu klein.

Die Finanzmärkte dürften sich wieder beruhigen

Die massiv negative initiale Reaktion der Märkte auf das Austrittsvotum des britischen Volkes sollte auch vor dem Hintergrund der in den Tagen vor der Abstimmung zunehmenden Zuversicht bezüglich eines Brexit-Neins gesehen werden. In erster Linie aber belastet die plötzliche Zunahme der Unsicherheit das Marktsentiment und sorgt für einen deutlichen Anstieg der Risikoprämien an den Aktienmärkten.

Nüchtern betrachtet  wird sich in der nahen Zukunft am Verhältnis zwischen Grossbritannien und der EU nicht viel ändern.

Sicherlich werden – neben den wichtigen Einschränkungen im Warenhandel und dem Marktzugang für britische Firmen – verschiedene Faktoren das britische Wirtschaftswachstum negativ beeinflussen. In erster Linie sind hier wohl der Rückgang bei den Investitionen wie auch die zu erwartende Eintrübung des Geschäftsklimas zu nennen. Das übt Druck auf das Pfund aus, welches auch mittelfristig relativ schwach bleiben dürfte. Die britischen Aktienmärkte – insbesondere britische Blue Chips – dürften jedoch längerfristig durchaus auch von dieser anhaltenden Pfund-Schwäche profitieren. Die Vorteile einer schwachen Währung sollten die erwähnten Nachteile und Unsicherheiten punkto Handel und Marktzugang mindestens bis zu einem gewissen Grad längerfristig auszugleichen vermögen.

Ähnliches lässt sich – in abgeschwächter Form – über den Euro und die europäischen Aktienmärkte sagen. Kommt hinzu, dass der britische EU-Austritt wohl die Notenbanken dazu veranlassen wird, die Geldpolitik tendenziell länger als bisher erwartet locker zu halten, was Risikopapieren wie Aktien wiederum Auftrieb verleihen sollte.

Summa summarum sehen wir also durchaus berechtigten Druck auf die Aktienmärkte, wir glauben aber, dass es auch unterstützende Faktoren gibt. Die Unsicherheit dürfte aber in den kommenden Tagen Bestand haben und die Volatilität entsprechend auf erhöhtem Niveau bleiben. In der langen Sicht glauben wir aber nicht, dass der Brexit das Potenzial hat, die Aktienmärkte deutlich negativ zu beeinflussen.

Aktien weiter Übergewichten

Entsprechend ändert auch der Austritt Grossbritanniens aus der EU nichts an der Ausrichtung unserer Taktischen Asset Allocation. Die Migros Bank favorisiert im momentanen wirtschaftlichen und geldpolitischen Umfeld weiterhin Aktienanlagen. Eine moderat expandierende globale Wirtschaft wie auch das anhaltende Tiefzinsumfeld begünstigen die Anlageklasse und sorgen trotz der teils nicht mehr günstigen Bewertung gewisser Märkte für ihre anhaltende Attraktivität. Insbesondere im direkten Vergleich zu Obligationen führt weiterhin kein Weg an den Beteiligungspapieren vorbei: Hohe Risikoprämien und teils äusserst attraktive Dividendenrenditen machen Aktien immer noch zur ersten Wahl.

Auch nach dem Austrittsvotum Grossbritanniens attestieren wir den europäischen Aktienmärkten weiterhin Aufholpotenzial. Die anhaltend extrem lockere Geldpolitik der EZB sorgt hier genauso für Support, wie die überraschend robuste und breit abgestützte Konjunkturentwicklung. Zudem sind Europas Aktienmärkte mit Blick auf die relativen P/E-Bewertungen deutlich günstiger bewertet als beispielsweise die teureren US-Aktien.

Obligationen bleiben unattraktiv

In Anbetracht der weltweit anhaltend nur moderaten Inflationsentwicklung und dem damit einhergehenden historisch tiefen Zinsniveau sehen wir derzeit keine Veranlassung, unsere Untergewichtung bei den Obligationen zurückzunehmen. Insbesondere das CHF-Segment wird weiterhin von negativen Verfallrenditen geprägt, sodass der Anleger auf der Jagd nach Rendite zwangsläufig Risiken eingehen muss, für die er nicht genügend entschädigt wird. Wir halten entsprechend an unserer Untergewichtung bei den Obligationen fest – insbesondere im CHF-Segment.

Schweizer Franken unter Aufwertungsdruck

Spätestens seit dem Brexit-Ja des britischen Volkes steht der Schweizer Franken als klassische Fluchtwährung wieder im Mittelpunkt des Interesses und unter erhöhtem Aufwertungsdruck. Direkt im Anschluss an die Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses wertete sich unsere Währung markant auf, bevor die Intervention der SNB für eine Beruhigung der Situation sorgte. Wir sind der Überzeugung, dass die Schweizerische Nationalbank alle Hebel in Bewegung setzen wird, um eine langanhaltende deutliche Aufwertung des Frankens zu verhindern. Dabei wird sie sich zuerst auf das Instrument der direkten Eingriffe am Devisenmarkt konzentrieren.

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