Small plant growing on concrete wall

Der Aufschwung bleibt fragil

Die globale Wirtschaft scheint die Talsohle durchschritten zu haben. Der Aufschwung bringt Erleichterung, die Erholung von der Corona-Krise dürfte aber harziger ausfallen, als viele hoffen.

Die Aktienmärkte kümmert das erstaunlich wenig. Sie geben sich nach wie vor optimistisch und haben im dritten Quartal neue Rekordstände erklommen. Man kann sich schwerlich des Eindrucks erwehren, dass sich die Aktienmärkte von der realwirtschaftlichen Entwicklung entkoppelt haben. Und zu einem gewissen Grad ist es tatsächlich so: Der wichtigste Treibstoff für die Aktienmärkte ist die Liquiditätswelle, welche die Zentralbanken als Antwort auf die Corona-Krise losgetreten haben. Zum anderen sind die überraschend starken Unternehmensergebnisse genauso für das Kursfeuerwerk verantwortlich, wie die teils durchaus berechtigten Hoffnungen auf medizinische Fortschritte bei der Bekämpfung von Covid-19.

Die Zugpferde der Rally, die grossen Technologiefirmen, profitieren beträchtlich vom Strukturwandel, der durch die Krise beschleunigt wird. Ihr Siegeszug überdeckt aber vielfach die Tatsache, dass viele von der Krise schwer getroffene Unternehmen an der Börse noch immer weit unter ihrem Jahreshöchst notieren. Insofern gilt die These der von der Realwirtschaft entkoppelten Aktienmärkte nur bedingt.

Wirtschaftliche Erholung wird Zeit brauchen

Die weit verbreitete Hoffnung auf eine V-förmige Erholung der Wirtschaft teilen wir nicht. Insbesondere dürfte sich der private Konsum angesichts der in weiten Teilen der Welt sprunghaft gestiegenen Arbeitslosigkeit – die den Zenit vielerorts noch nicht erreicht hat – nur relativ langsam wieder auf das Vorkrisenniveau erholen. Die staatlichen Hilfsprogramme können den Schaden lindern, gänzlich verhindern können sie ihn nicht. 

Solange das Virus nicht vollständig unter Kontrolle ist, trübt die Angst vor einer Ansteckung nach wie vor auch die Konsumlust. Anhaltende und in gewissen Regionen gar erneut verschärfte Schutzmassnahmen behindern weiterhin die Reisefreiheit und belasten den Privatkonsum.

Nicht zu unterschätzen sind auch die negativen Auswirkungen der noch immer gestörten Lieferketten auf die Wachstumsdynamik der Wirtschaft. Der sich immer mehr zum offenen Technologiekrieg wandelnde Handelskonflikt behindert nach wie vor die Handelsströme, bremst die Investitionstätigkeit und erschwert die wirtschaftliche Erholung.

Angesichts dieser angebots- wie nachfrageseitigen Herausforderungen dürfte die Rückkehr auf das Vorkrisenniveau für die globale Wirtschaft relativ mühevoll werden. Ein wirksamer Impfstoff würde viele Probleme lösen und dafür sorgen, dass die Schutzmassnahmen vollständig aufgehoben werden könnten. Es dürfte aber bis mindestens Mitte 2021 dauern, bis ein eventueller Impfstoff breiten Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden kann. 

Tiefe Zinsen sollen die Erholung unterstützen

Die Zentralbanken sind sich dieser Tatsache bewusst. Um die wirtschaftliche Entwicklung zu unterstützen, werden sie die Geldpolitik auf Jahre hinaus expansiv ausrichten und bei Bedarf auch vermehrt zu unkonventionellen Lockerungsmassnahmen greifen. Der langanhaltende Zinsimpuls soll die Wirtschaft anschieben, die Situation am Arbeitsmarkt verbessern und auch die Konsumlust befeuern. Die US-Notenbank hat zudem klargemacht, dass sie durchaus bereit ist, die Inflation temporär überschiessen zu lassen, um ihre Ziele zu erreichen. Es ist zu erwarten, dass andere grosse Zentralbanken dem Fed ihr in der einen oder anderen Form folgen werden.

Zieht die Fiskalpolitik mit?

Die vergangenen Jahre haben allerdings gezeigt, dass eine expansive Geldpolitik alleine nicht ausreicht, um die wirtschaftliche Dynamik anzutreiben und die Inflation nachhaltig auf ein höheres Niveau zu hieven. Deshalb erklingt nicht erst seit der Corona-Rezession immer wieder der Ruf nach mehr Unterstützung durch eine expansiver ausgestaltete Fiskalpolitik. Ob dieser Ruf angesichts der Herausforderungen für die Weltwirtschaft mehr Gehör finden wird, ist entscheidend für den Verlauf der wirtschaftlichen Erholung.

Nach dem entschiedenen Handeln im Frühling tut sich die Politik seither relativ schwer mit weiteren fiskalischen Unterstützungsmassnahmen. In den USA beispielsweise haben sich die beiden grossen Parteien noch immer nicht auf den Umfang eines neuen Hilfspakets für die Wirtschaft geeinigt.

Anlagenotstand verschärft sich

Nachdem in den vergangenen Jahren fälschlicherweise wiederholt das nahende Ende der Tiefzinsphase angekündigt wurde, ist nun klar: Das Tiefzinsumfeld wird uns über die nächsten Jahre erhalten bleiben. Für die Anlegerinnen und Anleger bedeutet das in erster Linie eine weitere Verschärfung des Anlagenotstandes. Wer eine angemessene Rendite auf seinem Kapital erwirtschaften möchte, kommt nicht darum herum, vermehrt höhere Risiken einzugehen. Anders ausgedrückt: An Aktien führt in den kommenden Jahren kaum ein Weg vorbei. In der Konsequenz nimmt die Wichtigkeit einer angemessenen Risikokontrolle zu. Die breite Diversifikation des Portfolios über alle Ebenen der Allokation hinweg wird zur unverzichtbaren Erfordernis.

Die Migros Bank bleibt vorsichtig optimistisch

Angesichts des nach wie vor relativ fragilen Aufschwungs und der teils stolz bewerteten Aktienmärkte bleibt unsere Allokation weiterhin eher defensiv ausgerichtet. Das leichte Untergewicht bei den Aktien trägt unserer Einschätzung Rechnung, dass schon viel Positives in den aktuellen Kursen eingepreist und das Korrekturrisiko nach wie vor nicht zu unterschätzen ist.

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