Wie geht es in Grossbritannien weiter?

Schon bald wird ein neuer Premier Grossbritanniens gegenwärtige Regierungschefin Theresa May ablösen. Die Probleme im Vereinigten Königreich sind damit aber nicht gelöst. Die Unwägbarkeiten rund um den Brexit-Prozess bleiben so gross wie zuvor.

Seit Grossbritannien für den Austritt aus der Europäischen Union (EU) gestimmt hat, sind gut drei Jahre verstrichen. In den Nachverhandlungen mit Brüssel sind jedoch kaum Fortschritte erzielt worden, und in der Brexit-Frage bleibt gegenwärtig fast alles so ungewiss wie im Juni 2016. Theresa May wird zwar schon bald als Premierministerin Grossbritanniens zurücktreten. Aber die Ergebnisse der Europawahlen haben verdeutlicht: Das britische Volk ist in Sachen Brexit tief gespalten. Während die Brexit-Partei die Wahlen zum Europäischen Parlament mit 32 Prozent der Stimmen gewann, vereinten die Anti-Brexit-Parteien rund 40 Prozent der Stimmen auf sich. Die beiden grösseren Parteien des Landes, Labour und die regierenden Tories, wurden von den Wählern für ihre unklare Haltung zum Brexit abgestraft.

Mays Rücktritt könnte sich dennoch als Wendepunkt erweisen. Unter ihrer Führung war der Brexit-Prozess seit einiger Zeit in einer Sackgasse festgefahren. Ein neuer Premier wird wohl frische Impulse in die politische Debatte einbringen. Dies könnte helfen, den gegenwärtigen Stillstand zu überwinden. Allerdings wird es auch für den neuen Regierungschef schwierig, einen Brexit, in welcher Form auch immer, umzusetzen.

Mehrere Szenarien

Ende Oktober läuft die von der EU gewährte Verlängerung für den Brexit-Termin aus. Wie sich der Brexit-Prozess bis zur Deadline am 31. Oktober entwickeln wird, ist schwer abschätzbar. Es gibt weiterhin mehrere Szenarien: eine Verlängerung der Brexit-Frist, eine Parlamentswahl oder ein zweites Referendum, in dem ein No-Deal respektive ein Verbleib in der EU gefordert wird. Auch die schrittweise Einführung eines Brexits, wie von May angestrebt und verhandelt, ist nicht vom Tisch. Die Chancen für einen geordneten Rückzug Ende Oktober haben sich angesichts der Wahlerfolge der Brexit-Befürworter aber verringert.

Das britische Pfund hat den Brexit-Schock bis heute nicht verdaut

Quelle: Bloomberg

Sollte ein Hardliner das Regierungsamt übernehmen, steigt die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexits. Allein die Aussicht darauf hat das britische Pfund in den letzten Wochen abstürzen lassen. Allerdings würde dies nicht bedeuten, dass der Handel zum Stillstand kommt. Kurz vor Ablauf der ursprünglichen Frist für den EU-Austritt hatten beide Seiten signalisiert, dass sie notfalls temporäre Übergangsregelungen gewähren könnten, damit der Waren- und Dienstleistungsverkehr bei einem harten Brexit nicht zum Erliegen kommt. Hardliner wie Boris Johnson spekulieren darauf, dass die EU angesichts des drohenden wirtschaftlichen Schadens doch noch in Nachverhandlungen einwilligt oder zumindest die Grenzen am 31. Oktober nicht dichtmacht.

In einer seiner ersten Amtshandlungen wird ein neuer Regierungschef wahrscheinlich die Verhandlungen über das Austrittsabkommen mit der EU erneut aufnehmen – mit Fokus auf den Backstop, der eine harte innerirische Grenze verhindern soll. In dieser Hinsicht kann es sich Brüssel kaum leisten, gegenüber einem Befürworter eines No-Deal-Brexits grosse Konzessionen einzugestehen. Handkehrum haben die EU wie Grossbritannien Interesse an stabilen Wirtschaftsbeziehungen. Daher könnte der Brexit-Termin im Interesse beider Parteien abermals verschoben werden, und zwar auf 2020.

Kräftig zurückgefallen

Wie sehr der Brexit die britische Volkswirtschaft belastet, zeigt sich an der Entwicklung des Bruttoinlandprodukts (BIP). Auf den ersten Blick hat sich Grossbritanniens Wirtschaft in den vergangenen Jahren zwar besser gehalten als ursprünglich erwartet. Im ersten Quartal 2019 beschleunigte sich der BIP-Zuwachs gegenüber dem Vorquartal sogar auf 0,5 Prozent, und die Wirtschaftsleistung expandierte damit kräftiger als prognostiziert. Aber das Wachstum hat seit dem Brexit-Votum kräftig nachgelassen. In den Jahren unmittelbar vor der Volksabstimmung gehörte das Land unter den G7-Staaten noch zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Die Aussichten für 2019 und 2020 deuten derweil auf ein weiterhin schwaches Wachstum hin.

Wirtschaftswachstum bleibt schwach

1)Konsensprognose | Quelle: Bloomberg

Vom Exportboom, den man sich auf der Insel aufgrund der starken Abwertung des Pfunds erhofft hatte, ist kaum etwas zu spüren. Im ersten Jahresviertel 2019 sind die Gesamtausfuhren um magere 1,5 Prozent im Jahresvergleich gestiegen. Im vergangenen Jahr stellten sich beim Export vorübergehend sogar negative Wachstumsraten ein. Dies deutet unter anderem darauf hin, dass ausländische Exportpartner wegen der handelspolitischen Unsicherheiten ihre Lieferketten teilweise umgeleitet haben.

Trotz Pfundschwäche kei Exportboom

Quelle: Bloomberg

Markant zugenommen haben in den ersten drei Monaten dagegen die Einfuhren. Auf Jahresbasis fielen sie 10,2 Prozent höher aus. Im Vorfeld der März-Deadline für den Brexit scheinen britische Industrieunternehmen ihre Lagerbestände kräftig aufgestockt zu haben, um allfällige Störungen in der Versorgungskette auffangen zu können. Dies lassen auch Umfragedaten zum Einkaufsmanagerindex (PMI) für das verarbeitende Gewerbe vermuten: Im März war der PMI-Wert auf ein 13-Monatshoch geklettert.

Wie stark das Ausmass der vorgezogenen Käufe durch britische Industrieunternehmen war, lässt sich nicht klar beantworten. Höhere Lagerbestände könnten sich indes als Bumerang für die Wirtschaft erweisen. Sie können sich künftig belastend auf die Produktion und die Rentabilität der Unternehmen auswirken, da das Inventar erst abgearbeitet werden muss.

Rückläufige Investitionstätigkeit

Quelle: Bloomberg

Die Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Brexit belasten zudem die Unternehmensinvestitionen. Sie entwickeln sich rückläufig. Zusammen mit den hohen Lagerbeständen hemmt die schrumpfende Investitionstätigkeit nicht nur das Wirtschaftswachstum, sondern beeinträchtigt auch das Wachstumspotenzial des Landes. Dabei sollten die in Grossbritannien niedrige Arbeitslosigkeit und die vergleichsweise hohe Kapazitätsauslastung eigentlich dazu führen, dass Unternehmen mehr investieren. Aber der unsichere Ausblick hält sie offenbar davon ab.

Verhalten zuversichtlich

Die Wachstumsprognosen für Grossbritannien bleiben derzeit also mit vielen Unwägbarkeiten behaftet. Dies ist aber nur teilweise dem Brexit zuzuschreiben. Ganz allgemein hat sich das Weltwirtschaftswachstum zurückgebildet, und der Handelsstreit zwischen China und den USA trübt die Konjunkturperspektiven weltweit ein. Sollte sich die Weltkonjunktur weiter abkühlen, wird das auch auf die britische Volkswirtschaft negativ durchschlagen.

Die Migros Bank bleibt verhalten zuversichtlich, sowohl für die Weltwirtschaft wie für Grossbritannien: Sie erwartet für das Vereinigte Königreich ein moderates Wachstum von 1,3 Prozent im laufenden Jahr. Diese Prognose geht davon aus, dass die Europäische Union und das Vereinigte Königreich letztlich eine Einigung erzielen werden, um an einem dauerhaften Handelsabkommen zu arbeiten. Damit wird die Planungsunsicherheit bei den Unternehmen dies- wie jenseits des Ärmelkanals nachlassen. Dies dürfte dazu führen, dass sich die Wirtschaft leicht beleben wird.

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