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Wie gefährlich ist Omikron für die Wirtschaft?

Die Wirtschaft erholt sich im Eiltempo. Christoph Sax, Chefökonom der Migros Bank, erklärt, ob das so weitergeht und ob Inflation und der starke Franken zum Problem werden.

(Das Interview erschien am 20.12.2021 im Migros-Magazin / Text: Benita Vogel)

Wenn eine dritte und vierte Welle kommt, leide die Wirtschaft, hiess es. Jetzt ist die Schweiz in der fünften – es läuft erstaunlich gut. Wieso?

Wir haben gelernt, mit der Pandemie umzugehen. Dank Impfung und einer wachsenden Anzahl an Genesenen konnten Lockdowns vermieden werden. Gleichzeitig haben viele Staaten, allen voran die USA, die Ausgaben hochgefahren, um die Wirtschaft anzukurbeln. Dies führte zu einem Konsumboom. Der weltweite Warenhandel liegt fünf Prozent über dem Niveau vor der Krise. 

Die Lage ist aber fragil. Eine heftige fünfte Welle und Omikron sorgen für Unsicherheit. Wie gefährlich ist das für die Wirtschaft?

Entscheidend ist, wie gut die Impfung gegen die Mutation wirkt. Virologen gehen davon aus, dass sie zumindest vor schweren Verläufen schützt. Das ist ermutigend. Falls Omikron wider Erwarten die «Impfung umgehen» kann, dauert es einige Monate, bis der neue Impfstoff da ist. Das hätte einen leichten Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Halbjahr zur Folge. Über das gesamte 2022 würde die Schweizer Wirtschaft dennoch moderat wachsen.

Die Preise steigen zum ersten Mal seit Jahren wieder. Die Inflationsrate der USA liegt bei mehr als sechs Prozent. Bereitet das Sorgen?

Zu Beginn der Pandemie sind die Preise von vielen Waren und Dienstleistungen stark gesunken, nun ziehen sie wieder an. Das treibt die Inflation an, aber nur kurzfristig. Etwas länger anhalten dürften die Auswirkungen der kräftig steigenden globalen Nachfrage. Viele Produzenten haben Lieferprobleme, insbesondere bei Rohstoffen, Transportkapazitäten und Halbleitern herrscht Knappheit. Das treibt die Preise in die Höhe. 

Dauert diese Knappheit länger? 

Dieser Effekt dürfte sich im Lauf des kommenden Jahres abschwächen. Die Nachfrage und mit ihr das Wirtschaftswachstum werden sich normalisieren. Zudem werden weltweit neue Kapazitäten geschaffen. Kurz: Die Inflation macht mir wenig Sorgen – auch wenn sie generell etwas höher bleiben wird als vor der Pandemie.

Das heisst, die Notenbanken müssen die Geldschleusen nicht schliessen, um die Inflation zu drosseln?

In den USA schon. Die US-Notenbank wird die Leitzinsen in den kommenden zwei Jahren schrittweise erhöhen. Dies auch, weil das Land mit Konjunkturprogrammen eine bereits gut laufende Wirtschaft ankurbelt. Der Inflationsdruck wird in den USA hartnäckiger bleiben als in Europa. In der Eurozone sinkt die Teuerung rascher, Leitzinserhöhungen sind weniger dringlich. 

Kann man in der Schweiz auf ein Ende der Negativzinsen hoffen?

Nach dem Motto, wenn nicht jetzt, wann dann? Leider nein: Die Zinsen bleiben in den kommenden zwei Jahren ziemlich sicher negativ. In der Schweiz liegt die Inflationsrate lediglich bei 1,5 Prozent. Der Anstieg der Treibstoffpreise schlägt sich im hiesigen Warenkorb weniger nieder als anderswo. Der starke Franken dämpft die Inflation ebenfalls. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) wird den Leitzins erst anheben, nachdem die Europäische Zentralbank ihren erhöht hat – und diese will an der Negativzinspolitik festhalten. 

Ein Euro ist seit Wochen nur noch um die Fr. 1.05 wert. Ein derart teurer Franken sorgte früher für einen Aufschrei in der Exportindustrie. Heute scheint das kein Problem zu sein. Was ist passiert? 

Weil die Teuerung in der Eurozone seit Jahren höher liegt als in der Schweiz, stiegen die Kosten der Firmen im Euroland stärker als die der Schweizer Unternehmen. Dies wiederum steigert die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Firmen gegenüber ihrer Eurokonkurrenz. Gleichzeitig haben die hiesigen Unternehmen in der Krise einen guten Job gemacht. Sie hatten die Kosten im Griff oder sie gar senken können. Jetzt können sie in einer gestärkten Position vom globalen Aufschwung profitieren. 

Die Pandemienotmassnahmen wie die Kurzarbeitsentschädigung laufen im März aus. Drohen dann Massenentlassungen?

Nein, die Kurzarbeit wird heute viel weniger oft in Anspruch genommen. Die Differenz zwischen Arbeitslosenquote mit und ohne Kurzarbeit lag im Frühling 2020 zeitweise bei rund 17 Prozentpunkten. Heute beträgt der Unterschied höchstens noch einen halben Prozentpunkt. Je nach Pandemieentwicklung kann das zwar wieder zunehmen, die Arbeitslosigkeit in der Schweiz dürfte im kommenden Jahr aber nicht massiv steigen.

Die Börsenkurse sind in schwindelerregende Höhen gestiegen. Taucher gab es zwar, aber nur kurzzeitig. Wie lange geht das so weiter?

Die Unternehmen verzeichnen hohe Wachstumsraten bei Umsatz und Gewinn. Diese sorgen für eine gute Stimmung an den Börsen. Trotz der gestiegenen Produktionskosten konnten viele Firmen die Margen halten. Omikron und die hohe Inflation sorgen aber für Nervosität. Das Auf und Ab kommt deshalb in kürzeren Abständen. 

Was bedeutet das für das Börsenjahr 2022?

Die Unternehmensumsätze und -gewinne dürften sich weiterhin positiv entwickeln. Wir rechnen mit einem Wachstum der Weltwirtschaft von rund 4,5 Prozent. Der Aufwärtstrend an den Börsen dürfte also anhalten.

Was raten Sie Kleinanlegern in dieser Situation?

Die Zinsen bleiben tief. Es lohnt sich also, beispielsweise auf Fondssparpläne umzusteigen. Wichtig ist es, das Geld wie bei einer Schichttorte in Tranchen zu investieren statt alles auf einmal. Mit dem Schichttortenprinzip ist man besser gegen allfällige Korrekturen gewappnet.

Wieso nicht in Kryptowährungen investieren? Dort winken Traumrenditen …

… und Riesenverluste. Wer Kryptowährungen kauft, muss hohe Kursschwankungen in Kauf nehmen. Kryptowährungen wie Bitcoin sind en vogue, auch weil sie nicht an Staaten und an die Politik der Notenbanken gebunden sind. Die Investoren erlangen so ein Stück Unabhängigkeit. Inzwischen nutzen auch viele institutionelle Investoren Kryptowährungen als Anlageklasse. Für die meisten übrigen Investoren sind Kryptowährungen aber primär Spekulationsvehikel. 

Eine Immobilie als Anlage wäre sehr lukrativ, bloss können sich immer weniger Leute Wohneigentum leisten.

Die Pandemie hat die Nachfrage und damit die Preise weiter in die Höhe getrieben. Es gibt aber nach wie vor grosse Unterschiede, was die Regionen und die Segmente betrifft. Einfamilienhäuser sind sehr gesucht. Solange sich an der Zinsfront nichts ändert, wird es am Immobilienmarkt nächstes Jahr kaum Überraschungen geben. 

Das Jahr 2021 war auch ein Jahr der Klimakatastrophen. Deren Schäden sind selten ein Thema. Wieso nicht?

Rein wirtschaftlich gesehen sind die Schäden von Klimakatasrophen nach wie vor überschaubar. 2020 summierten sie sich auf 210 Mrd. USD Dollar. Das sind lediglich 0,2 Prozent des globalen BIP. Rund die Hälfte der Schäden fielen in den USA an. 2021 dürften die Kosten ähnlich hoch ausgefallen sein. Es gibt aber zusätzliche Schäden, die niemand misst oder die sich nicht quantifizieren lassen.

Die Klimaveränderung hat aber Auswirkungen auf das künftige Wirtschaftswachstum.

Was die Veränderung der Vegetation, das Abschmelzen der Gletscher, die Erosion von Böden durch Starkregen, das Auftauen von Permafrost oder künftige Migrationsbewegungen kosten, lässt sich nur schwer quantifizieren. Die Swiss RE hat die erwarteten Auswirkungen des Klimawandels auf das globale BIP bis 2050 im Vergleich zu einer Welt ohne Klimawandel geschätzt. Der Rückersicherer kommt zum Schluss, dass das BIP ohne jegliche Massnahmen um 18% geschmälert wird. Mit einigen Gegenmassnahmen (Anstieg Erderwärmung auf 2,6°C beschränken) resultiert ein BIP-Verlust von 14%. Werden die Ziele des Pariser Abkommens (Anstieg geringer als 2°C) erreicht, sind es noch vier Prozent.  

Das ist enorm. Und trotzdem finden die Staaten keine Kompromisse.

Ja, und die Verschlechterung der Lebensqualität ist darin noch gar nicht erfasst. Es braucht eine Koalition der Willigen– und zwar dringend. Hier muss der Westen vorangehen und die Co2-Emissionen bis 2030 halbieren und bis 2040 bei Netto-Null sein. Nur so erreichen wir die weltweiten Klimaziele des Pariser-Abkommens. Die grossen Schwellenländer sind nicht bereit mitzuziehen. 

Was stimmt Sie optimistisch, dass wir das erreichen?

Der technologische Fortschritt ist rasant, hier ist viel möglich. Zudem steigt der soziale und politische Druck auf die Unternehmen. In der Schweiz beispielsweise müssen grössere Unternehmen, wie auch die Migros Bank, voraussichtlich ab 2024 für das Geschäftsjahr 2023 Klimaberichterstattung betreiben. Sie müssen unter anderem offenlegen, welche Auswirkungen ihre Geschäftstätigkeit auf das Klima bzw. die Umwelt hat. Schliesslich sind die Preise für europäische CO2-Emissionszertifikate innert Jahresfrist um 159% gestiegen, was ein wichtiges Preissignal für den Markt ist.

 Was macht die Migros Bank für mehr Nachhaltigkeit?

Im Anlagebereich ist die nachhaltige Ausrichtung unserer Produktpalette – von Aktienfonds, über Strategiefonds bis zu Vermögensverwaltungsmandaten – weit fortgeschritten. Ausserdem haben wir uns zur Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens im Rahmen der Science Based Target Initiative (SBTI) verpflichtet. Als bedeutende Hypothekarbank wollen wir in diesem Rahmen u.a. den CO2-Fussabdruck der Hypotheken bis 2030 um über die Hälfte senken. Die Migros Bank hat mit dem Gebäudetechnik-Spezialisten Helion zudem eine neue, schweizweite Finanzierungslösung lanciert, um nachhaltige Gebäudesanierungen zu fördern.  

Unsere Anlagelösungen für Ihr Vermögen

Egal, ob Sie Ihre Anlagegeschäfte eigenständig tätigen, eine fundierte Anlageberatung wünschen oder die Verwaltung Ihres Vermögens an uns delegieren möchten: Die Migros Bank bietet Ihnen das geeignete Angebot zu fairen Konditionen und unterstützt Sie beim Erreichen Ihrer Anlageziele.

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