Weshalb an Obligationen festhalten?

Die Renditen von Staatsanleihen in Ländern wie Deutschland, Grossbritannien oder der Schweiz notieren weiterhin nahe historischer Tiefststände. Viele Anleger fragen sich daher womöglich, weshalb sie an festverzinslichen Anlagen festhalten sollen. Trotz Tiefzinsumfeld spielen qualitativ hochwertige Obligationen in einem gut diversifizierten Portfolio nach wie vor eine wichtige Rolle.

Ob Aktien, Obligationen, Rohstoffe oder Gold – im vergangenen Jahr haben sich alle klassischen Anlagebereiche enttäuschend entwickelt. Dass Aktien und Anleihen im selben Anlagejahr Verluste erleiden, kommt historisch indes selten vor (vgl. Tabelle):  seit 1990 nur in den Anlagejahren 2001 und 2018. Obligationen erstklassiger Schuldner haben in diesen beiden Jahren Aktien aber jeweils klar übertrumpft.

Welche Anlageklasse jeweils am besten bzw. schlechtesten performte

(Jahresperformance in Prozent)

Anleihen bieten Investoren Schutz in Zeiten von Marktstress und offerieren einen Diversifikationsvorteil

Der Bullenmarkt in Anleihen erstreckt sich mittlerweile über mehr als 30 Jahre. Das letzte Hochzinsumfeld reicht in die Siebzigerjahre zurück. Damals trieben der Ölpreisschock und die daraus resultierenden Inflationsängste die Renditen von Staatsanleihen global in schwindelerregende Höhen. Seit Anfang der Achtzigerjahre jedoch sind sie weltweit kräftig gesunken. In einem Umfeld fallender Zinsen haussieren die Kurse älterer Anleihen mit höherer Verzinsung, weil Anleger mehr zu bezahlen bereit sind, um sich deren attraktivere Verzinsung zu sichern.  Vor diesem Hintergrund sollten sich Anleger zunächst vergegenwärtigen, dass sich mit Blick nach vorne die historische Performance von Obligationen im gegenwärtigen Tiefzinsumfeld kaum wiederholen lässt. Die Renditen befinden sich an einem Tiefpunkt, substanzielle Kursgewinne sind bei Anleihen vorerst nicht mehr zu erwarten. Obligationen einwandfreier Schuldner sind und bleiben dennoch ein wichtiger Baustein in einem gut diversifizierten Portfolio.

Anleihen bieten Investoren beispielsweise Schutz in Zeiten von Marktstress und offerieren einen Diversifikationsvorteil, da sie in der kurzen Frist kaum oder nicht mit Aktien korrelieren. In der Regel tendieren Anleihen und Aktien in entgegengesetzte Richtung. Daher dienen Bonds in unruhigen Börsenzeiten als Puffer gegen die Volatilität des Aktienanteils in einem Portfolio.
Dieser Vorteil lässt sich auch gut am Anlagejahr 2018 ablesen. Ein voll in Aktien investierter Anleger erlitt letztes Jahr einen Verlust von 10,4 Prozent (in US-Dollar, gemessen am MSCI Weltindex).  Hätte der Investor sein Kapital indes je hälftig in Aktien und Bonds (gemessen am FTSE World Government Bond Index) angelegt, so wäre der Verlust in US-Dollar auf 5,6 Prozent geschmolzen [(–10.4*0.5) +(–0.8*0.5)]. Diese Performance ist zwar auch nicht berauschend. Sie ist aber weitaus besser, als einen prozentual zweistelligen Verlust einzufahren. Denn um einen Kurseinbruch wettzumachen, braucht es stets grössere prozentuale Gewinne als die zuvor erlittenen Verluste.

Obligationen weisen den zuverlässigsten Cashflow auf

Anleihen bieten in der Regel zwar geringere Renditen als risikoreichere Anlageklassen wie Aktien. Wer aber nur auf die Rendite fokussiert, übersieht einen der wichtigsten Vorzüge, den Obligationen gewähren: Reduzierung des Portfoliorisikos. Wie unsere Tabelle untermauert, ist die Bandbreite der Jahresperformance bei Aktien enorm, da diese Anlagekategorie traditionell sehr schwankungsreich ist. Beim MSCI Weltindex reicht die Schwankungsbandbreite von -42,1 bis +30,8 Prozent in einem Anlagejahr. Staatsanleihen können zwar auch Kursverluste erleiden, aber üblicherweise bei weiten nicht so starke wie Aktien. In unserem Beispiel beträgt die Variationsbreite –6,9 bis +19,5 Prozent. Obligationen offerieren somit risikoscheuen Anlegern eine gewisse Stabilität, um die Volatilität von Aktien teilweise auszugleichen.

Während viele Anlagen einen Einkommensstrom generieren, weisen Obligationen den zuverlässigsten Cashflow auf, zumal die Rendite von Anleihen mit einem gewissen Mass an Sicherheit einhergeht. Ein gut diversifiziertes Obligationenportefeuille kann langfristig eine angemessene Rendite mit einer geringeren Volatilität als Aktien und einem höheren Ertrag als Geldmarktfonds oder Sparkonten bieten. Nicht zuletzt können Obligationen auch als Geldquelle genutzt werden, um bei einem allfälligen Börsencrash Aktien auf einem günstigeren Einstiegsniveau zu erwerben bzw. durch Rebalancing das Portfolio wieder ins Lot zu bringen.

Die Schweiz ist ein Sonderfall

Aus Schweizer Sicht gestaltet sich die Situation momentan etwas schwieriger. Aufgrund der Negativzinsen der Schweizerischen Nationalbank weisen die meisten Staatsanleihen eine negative Rendite auf. Wenn man diese Anleihen bis zum Verfall hält, erzielt man mit Sicherheit einen Verlust. Mit anderen Worten: Man bezahlt bei dieser sichersten Klasse von Franken-Obligationen zurzeit eine Gebühr für die Absicherung des Portfolios. Schweizer Anleger sind folglich gezwungen, auf Unternehmensanleihen oder auf Fremdwährungsanleihen auszuweichen. Beide Anlageklassen weisen ein höheres Risiko auf, werden dafür aber auch besser verzinst. Für risikoscheue Investoren kann es folglich opportun sein, im aktuellen Umfeld zumindest einen Teil der Obligationenquote durch Cash zu ersetzen.

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