Was sind ADR?

Die American Depositary Receipts (ADR) von chinesischen Unternehmen sind jüngst an den US-Aktienmärkten unter die Räder geraten. Viele Schweizer Privatanleger kennen den Begriff ADR allerdings nicht. Was verbirgt sich hinter diesem Akronym?

In New York kotierte China-Titel sind vor kurzem durch teilweise kräftige Kursrückschläge aufgefallen. Betroffen waren unter anderen die American Depositary Receipts (ADR) der B2B-Internetplattform Alibaba und des Suchmaschinenbetreibers Baidu. Seit geraumer Zeit leiden diese Titel zwar unter dem Handelsstreit zwischen den USA und China. Grund für die jüngsten Kursverluste war indes ein Artikel der Nachrichtenagentur Bloomberg, wonach das Weisse Haus erwäge, US-Portfolioströme nach China einzuschränken.

Den Meldungen zufolge soll die Regierung unter anderem eine Einschränkung des Handels mit ADR in Betracht ziehen. Die Trump-Administration dementierte diese Absichten zwar umgehend. Viele Anleger reagierten dennoch verunsichert. ADR sind in der Finanzwelt weit verbreitet, weil sie den Handel mit Aktien vereinfachen und ausländischen Unternehmen den Zugang zum US-Aktienmarkt ermöglichen.

Einfache Variante zum Erwerb ausländischer Titel

Anleger, die ihr Portfolio mit ausländischen Aktien bereichern wollen, haben mehrere Investitionsmöglichkeiten. Sie können beispielsweise in einen entsprechenden Anlage- oder Indexfonds investieren. Für die meisten Privatanleger ist dies der einfachste Weg, zumal eine solche Anlage auch eine gute Diversifikation mit sich bringt.

Was aber, wenn der Anleger sich in einem ausländischen Einzeltitel engagieren will? Eine Variante wäre, die Aktie an der jeweiligen Heimatbörse des Unternehmens zu kaufen. Je nach Broker oder Bank haben Anleger mitunter aber keinen direkten Zugang zu diesen Auslandsmärkten – oder solche Transaktionen sind teilweise mit hohen Gebühren behaftet. Auch die Einrichtung eines Wertschriftenkontos im Ausland ist vielfach schwierig und komplex.

Was unterscheidet ADR von ADS?

American Depositary Receipts beseitigen diese Probleme und ermöglichen es Investoren, sich auf einfache und bequeme Weise direkt in ausländischen Unternehmen zu engagieren. Denn ADR sind an den US-Aktienmärkten wie «normale» Aktien handelbar. ADR sind aber keine Aktien, sondern Hinterlegungsscheine, die von US-Banken herausgegeben werden. Sie verbriefen das Eigentum an Aktien von Nicht-US-Unternehmen. Da die ADR in US-Dollar notiert sind und auch die Dividenden in US-Dollar ausgeschüttet werden, ähneln diese Hinterlegungsscheine im Grunde genommen jedoch den üblichen US-Aktien.

Ein Käufer von ADR besitzt technisch gesehen die ausländische Aktie nicht direkt. Stattdessen werden die Aktien der ausländischen Gesellschaft von einer US-Depotbank zu den im ADR-Zertifikat festgelegten Bedingungen gehalten. Ein ADR kann beispielsweise eine, mehrere oder auch nur einen Bruchteil einer ausländischen Aktie repräsentieren. Das sogenannte ADR-Ratio hängt unter anderem davon ab, welcher Preis den ADR «attraktiv» erscheinen lässt.
Eine American Depositary Share (ADS) hingegen ist die eigentliche zugrundeliegende Aktie, die der ADR repräsentiert. Mit anderen Worten: Die ADS ist die tatsächlich zum Handel verfügbare Aktie, während der ADR das Eigentum an einem oder mehreren ADS verkörpert. Daher werden die Begriffe ADR und ADS oft als Synonyme verwendet. Das europäische Pendant zu den ADR heisst übrigens Global Depository Receipts (GDR).

In verschiedene Klassen und Ebenen unterteilt

ADR unterteilen sich in zwei Hauptkategorien: in sogenannte «Sponsored ADR» und in «Unsponsered ADR». Ein nicht gesponserter ADR wird ohne Beteiligung des ausländischen Unternehmens von einer US-Bank aufgelegt und ausserbörslich über den Over-The-Counter-Markt (OTC) gehandelt. Beim gesponserten ADR hingegen geht die Initiative vom ausländischen Unternehmen aus. Mit Hilfe der Depotbank begibt es ADR am US-Aktienmarkt und trägt die Kosten für dieses ADR-Programm grösstenteils selbst.

ADR werden zudem in drei Ebenen unterteilt, je nachdem, inwieweit das ausländische Unternehmen die Auflagen der US-Wertschriftenaufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission (SEC) erfüllt und Zugang zu den US-Aktienmärkten hat.

  • Ein Level I ADR bedeutet, dass ein Unternehmen die SEC-Vorschriften und Berichtspflichten nicht erfüllt und nur im OTC-Markt, also an keiner US-Börse, gehandelt wird. Das bedeutet, das Unternehmen muss beispielsweise keine Quartals- oder Jahresberichte vorlegen, die den GAAP-Rechnungslegungsvorschriften entsprechen.
  • Ein Level II ADR hingegen ist bei der SEC registriert, erfüllt alle Vorschriften und ist an der New York Stock Exchange oder an der Nasdaq notiert.
  • Ein Level III ADR erfüllt alle SEC-Anforderungen, wird an einer US-Börse gehandelt und das Unternehmen darf in den USA durch ADR-Emissionen Kapital aufnehmen.

Weitere nützliche Informationen dazu finden Sie auf dieser SEC-Webseite.

ADR werden von vielen ausländischen Unternehmen genutzt, sei es um an den US-Aktienmärkten Kapital aufzunehmen oder durch eine Börsennotiz in New York den Bekanntheitsgrad und die Publizität zu steigern. Faktisch werden an den US-Aktienmärkten die Titel ausländischer Unternehmen überwiegend als ADR gehandelt. Auch Schweizer Werte mit Börsenpräsenz in New York sind meistens ADR.

Vor allem Titel aus schwer zugänglichen Aktienmärkten, beispielsweise aus den Schwellenmärkten, werden als ADR gehandelt. Einen guten Überblick über das ADR-Universum, das gut 3000 Hinterlegungsscheine umfasst, bieten die entsprechenden Webseiten der Bank of New York Mellon und der US-Grossbank J.P. Morgan. Die beiden Finanzinstitute gehören zusammen mit Deutsche Bank und Citigroup zu den führenden US-Depotbanken, die ADR ausgeben.

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