Was sagt der Dot-Plot-Chart aus?

Welchen geldpolitischen Fahrplan hat die US-Notenbank? Die Zinserwartungen der Fed-Verantwortlichen lassen sich am sogenannten Dot-Plot-Chart ablesen. Welche Rückschlüsse können Anleger daraus ziehen?

Wäre es nicht wunderbar, wenn Anleger ein Hilfsmittel hätten, das Anhaltspunkte über die zukünftige Richtung der US-Leitzinsen vermittelt? Die Geldpolitik der US-Zentralbank ist für die globalen Finanzmärkte von immenser Bedeutung – und was die Fed-Verantwortlichen denken oder kommunizieren, verfolgen Investoren jeweils mit immensem Interesse. Gewissermassen gibt es ein solches Hilfsinstrument – und daher ist der sogenannte Dot-Plot-Chart über die Jahre zu einer der am meisten beachteten Fed-Pressemitteilungen geworden. Was genau sagt dieser Chart aber aus – und wie gross ist seine Aussagekraft?

Der Offenmarktausschuss legt den US-Leitzins fest

Die Federal Funds Rate ist der US-Leitzins und damit der bedeutendste Zinssatz der Finanzwelt. Wenn Anlageexperten oder Medien einen Zinsschritt der US-Notenbank kommentieren, dann sprechen sie von diesem Zinssatz. Diesen Zinssatz verlangen Geschäftsbanken, wenn sie Zentralbankguthaben über Nacht an andere Geschäftsbanken ausleihen. Die Federal Funds Rate ist auch für US-Konsumenten ein wichtiger Indikator, gilt sie doch als Referenzwert für viele andere Zinssätze, beispielsweise bei Hypotheken, Bankkrediten oder Kreditkarten. Daher ist die Federal Funds Rate eines der wichtigen geldpolitischen Instrumente der US-Notenbank zur Steuerung des Wirtschaftswachstums.

Festgelegt wird dieser Zinssatz vom Offenmarktausschuss des Fed, dem Federal Open Market Committee (FOMC). Das aus zwölf Mitgliedern bestehende Gremium mit US-Notenbankchef Jerome Powell an der Spitze ist für die geldpolitischen Entscheidungen des Landes verantwortlich und setzt den Leitzins fest. Der Offenmarktausschuss tagt jeweils acht Mal im Jahr, im Bedarfsfall auch mehr. Vierteljährlich gibt das Fed im Anschluss an die FOMC-Sitzung seine Prognosen zur Konjunktur- und Zinsentwicklung im sogenannten Summary of Economic Projections (SEP) bekannt. Dabei wird auch der Dot-Plot-Chart veröffentlicht.

Die Zinserwartungen der US-Notenbanker

Quelle: Bloomberg (28.10.2019)

Wie liest man das Punktdiagramm?

Vereinfacht ausgedrückt ist der Dot-Plot-Chart ein Punktdiagramm, das die Zinsprognose jedes einzelnen Fed-Verantwortlichen darstellt, sollte sich die US-Wirtschaft wie erwartet entwickeln. Bis zu 19 geldpolitische Entscheidungsträger – die sieben Gouverneure des Fed-Boards und die Präsidenten der zwölf Distriktnotenbanken – können einen Punkt beitragen, also von US-Notenbankchef Jerome Powell bis zu James Bullard, dem Präsidenten der Fed-Bank in St. Louis. Die Punkte stellen das erwartete Niveau der Federal Funds Rate am Ende der nächsten drei Kalenderjahre und über einen längeren Zeitraum dar. Wer welche Vorhersage abgegeben hat, lässt sich aus dem Diagramm jedoch nicht ablesen. Diese Information wird der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht.

In unserem Beispiel sehen acht US-Zentralbanker die Federal Funds Rate Ende 2020 bei 1,625 Prozent stehen, zwei bei 1,875 Prozent, sechs bei 2,125 Prozent und einer bei 2,375 Prozent (zwei Sitze sind derzeit vakant). Anleger konzentrieren sich vor allem auf den Medianwert (in unserem Beispiel die Punkte, die mit der hellgrünen Linie verbunden sind). Der Median ist der Wert in der Mitte einer Datengruppe. Das heisst, er teilt eine Datengruppe in zwei Hälften. Die Daten der einen Hälfte sind grösser als der Median, die andere Hälfte der Daten ist kleiner. Anders ausgedrückt: Bei 17 Datenpunkten entspricht der Median dem neuntgrössten Wert. Gegenüber einem Durchschnittswert bietet der Median den Vorteil, dass er robuster gegen Ausreisser und damit auch vielfach aussagekräftiger ist als das arithmetische Mittel.

Im aktuellen Dot-Plot-Chart beträgt der Median 1,875 Prozent für das Jahresende 2020. Daran lässt sich ablesen, dass die Fed-Verantwortlichen im September davon ausgegangen sind, dass der Leitzins Ende 2020 ungefähr dort steht, wo er aktuell liegt. Denn nach der Zinssenkung im September notierte der Leitzins der US-Notenbank in der Bandbreite von 1,75 bis 2 Prozent (Ende Oktober hat das Fed das Zielband für den Leitzins auf 1,50 bis 1,75 Prozent gesenkt). Auffallend ist jedoch, dass acht Fed-Verantwortliche bis Ende 2020 mindestens eine Zinssenkung erwarten, sieben andere Fed-Mitglieder jedoch höhere Zinsen sehen. Dies zeigt, dass im Fed-Gremium gegenwärtig Uneinigkeit über den weiteren Zinskurs herrscht. Wenn sich die Prognosepunkte bei der nächsten Sitzung verschieben, kann dies daher eine starke Botschaft an die Investoren aussenden, ob die US-Notenbank davon ausgeht, ihre Geldpolitik zu lockern oder zu straffen.

Ebenfalls erstaunlich ist, dass kein einziges Mitglied dieser Expertengruppe davon ausgeht, dass das Fed den Leitzins in den nächsten drei Jahren mehr als einmal senken wird. Diese Prognose steht in einem starken Kontrast zu den Erwartungen der Marktteilnehmer, die in ihren Zinstermingeschäften eine deutlich stärkere Lockerung der Geldpolitik einpreisen.

Was meinen die Marktakteure?

Der Dot-Plot-Chart ist auch ein Referenzwert, mit dem Unterschiede zwischen der offiziellen Sichtweise des Fed und dem Blickwinkel der Finanzmärkte aufgezeigt werden können. In unserem Beispiel zeigt die dunkelgrüne Linie anhand der Fed Funds Futures, wo die Terminmärkte den Leitzins in Zukunft sehen. So liegt der implizite Zinssatz der Federal Funds Futures mit Verfall Ende 2020 bei 1,28%. Dies bedeutet: Wenn jemand heute die Konditionen für eine Interbanken-Finanzierung mit Zentralbankguthaben festlegen möchte, die erst Ende 2020 stattfindet, so verrechnet die Gegenpartei für dieses zukünftige Geschäft einen Zins von 1,28%. Die Marktakteure sind demnach punkto US-Konjunkturentwicklung deutlich skeptischer als das Fed und erwarten weitere Zinssenkungen. Auch die Migros Bank geht davon aus, dass das Fed den Leitzins stärker senken muss, als der Dot-Plot-Chart anzeigt: Die Migros Bank rechnet auf Sicht der nächsten zwölf Monate mit zwei bis drei US-Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte.

Damit ist auch schon einiges über die Aussagekraft des Dot-Plot-Charts ausgesagt. Weder sind diese Zinsprognosen verpflichtend noch spiegeln sie eine offizielle Konsensprognose der US-Zentralbank. Es gibt also keinen Handlungszwang für das Fed: Es muss dem Dot-Plot-Chart nicht folgen. Jedes einzelne Fed-Mitglied kann seine Prognose auf ein anderes Wirtschaftsmodell oder eine andere Reihe von Annahmen stützen. Nicht zuletzt ist die US-Notenbank auch datenabhängig und muss ihre Geld- respektive Zinspolitik auf Grundlage der Konjunktur- und Inflationsentwicklung und von globalen Ereignissen anpassen. Im Falle eines kräftigen Wirtschaftsabschwungs oder eines starken Inflationsschubs beispielsweise werden die Fed-Mitglieder ihre Prognosen korrigieren und an die Gegebenheiten anpassen. Der nächste Dot-Plot-Chart wird am 11. Dezember veröffentlicht.

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