Clockwork

Vorkrisenniveau wird lange nicht erreicht

Der Wirtschaftseinbruch infolge der Corona-Pandemie ist in der Schweiz kleiner als im Ausland. Das Vorkrisenniveau des Bruttoinlandprodukts wird aber erst Ende 2021 wieder erreicht sein. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Economics im Auftrag der Migros Bank.

Die im ersten Quartal 2020 in der Schweiz und wichtigen Absatzmärkten ergriffenen Einschränkungen der Wirtschaftstätigkeit haben zu einem Doppelschlag geführt: Auf der Angebotsseite wurde die Produktions- und Dienstleistungstätigkeit gestört, auf der Nachfrageseite brachen der private Konsum und die Investitionen der Unternehmen ein. Im ökonomischen Lehrbuch entspricht dies einer gleichzeitigen Verschiebung der Angebots- und Nachfragekurven nach links, was zu einem besonders starken Einbruch der Wirtschaftsleistung führt und je nach Konstellation zu einer Inflation oder Deflation. Die Daten zeigen dabei, dass im bisherigen Jahresverlauf die deflationären Tendenzen (zumindest bei den Konsumentenpreisen) überwiegen.

Was heisst das in Zahlen? Obwohl der Lockdown in der Schweiz erst Mitte März in Kraft trat, brach das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) bereits im ersten Quartal 2020 um 2,0 Prozent gegenüber dem Vorquartal ein. Im zweiten Jahresviertel erfolgte ein noch stärkerer Rückgang um 7,3 Prozent, womit der Tiefpunkt erreicht wurde. Die Lockerungen der Schutzmassnahmen über den Sommer haben im dritten Quartal zu einer sehr starken, vorübergehend V-förmigen Erholung des BIP geführt (+7,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal). Damit wurden mehr als zwei Drittel des BIP-Verlustes wieder wettgemacht.

Die Schweiz hält sich vergleichsweise gut

Die Aussichten sind jedoch weniger günstig. Die im vierten Quartal wieder steigenden Fallzahlen führen dazu, dass die Erholung im Winterhalbjahr 2020/2021 ausgebremst wird. BAK Economics geht im Basisszenario für die Schweiz zwar nicht von einem erneuten, vollständigen Lockdown wie im Frühling 2020 aus, aber von zahlreichen punktuellen Pandemie-Massnahmen, die zusammen mit den ökonomischen Unsicherheiten für Konsumenten und Unternehmen viel «Sand in das Getriebe» der Wirtschaft streuen. BAK rechnet damit, dass die Schweizer Wirtschaft nach dem schwierigen Winter wieder Fahrt aufnimmt und mit der breiten Verfügbarkeit eines Impfstoffs – den wir für Mitte 2021 erwarten – auch nachhaltig sein wird, sodass Ende 2021 das Vorkrisenniveau des BIP wieder erreicht wird und sich die Aufholeffekte 2022 fortsetzen. Insgesamt prognostiziert BAK für 2020 einen Rückgang des Schweizer BIP von –3,3 Prozent. Damit kommt die Schweiz im Vergleich zum globalen Durchschnitt (–4,2 Prozent) und insbesondere zu den Nachbarländern (z.B. Italien –9,8 Prozent) verhältnismässig gut durch die Krise. Im Zuge von Aufholeffekten wird für 2021 und 2022 ein dynamisches Wachstum von 3,7 bzw. 3,6 Prozent erwartet. 

Die wirtschaftlichen Massnahmen des Bundes zum Schutz der Arbeitsplätze (Kredite und Kurzarbeit) wirken, können den Arbeitsmarkt von der Krise aber nicht vollständig abschirmen. Wir rechnen mit einem Beschäftigungsabbau von –0,4 Prozent im laufenden und –0,3 Prozent im nächsten Jahr, bevor 2022 eine spürbare Erholung eintritt (+1,2 Prozent). Bei der Arbeitslosenquote dürfte der Höhepunkt im Jahr 2021 mit 3,9 Prozent (2019: 2,3 Prozent) erreicht werden.

Verlierer und Gewinner der Krise

Stark beeinträchtigt werden vor allem Branchen, deren Geschäftsmodelle direkt von den Schutzmassnahmen und Verhaltensänderungen vorsichtigerer Konsumenten betroffen sind: das Gastgewerbe, die Kultur-, Unterhaltungs- und Freizeitbranche, der Personentransport sowie einige persönliche Dienstleistungen. In den Extremfällen bricht die Wirtschaftsleistung 2020 um mehr als 30 Prozent ein, so etwa in der Beherbergung und der Luftfahrt. 

Eine zweite Gruppe von Verlierern leidet ebenfalls überdurchschnittlich stark unter der Krise, aber weniger direkt wegen der Schutzmassnahmen, sondern mehr aufgrund ökonomischer Reaktionen der Konsumenten und Unternehmen. Sinkende Einkommen und Gewinne sowie die stark erhöhte Unsicherheit führen dazu, dass Konsumenten weniger langlebige Konsumgüter erwerben und Unternehmen weniger Investitionen tätigen. Dies spüren beispielsweise die Uhrenbranche und die MEM-Industrie stark. 

Die Konsumgüterindustrie, der Handel, der Bau, das Immobilienwesen sowie der Finanzsektor gehören zu den Wirtschaftszweigen, die 2020 Einbussen erleiden, die mehr oder weniger im Mittel aller Branchen liegen. Der Konsumgüterindustrie kommt dabei zugute, dass die Lebensmittelhersteller aufgrund der unelastischen Nachfrage nur leichte Einbussen erleiden. 

Daneben gibt es auch Branchen, die trotz oder gerade wegen der Krise wachsen. Die Pharmaindustrie profitiert nicht nur von der relativ konjunkturunabhängigen Nachfrage nach Medikamenten, sondern auch von neuen Produkten zur Pandemiebekämpfung (z.B. Corona-Tests). Auch die Information und Kommunikation gehört dazu. Dafür sind die IT-Dienstleistungen und Datenverarbeitung verantwortlich, die aufgrund des Corona-Digitalisierungsschubs 2020 zusätzlichen Rückenwind erhalten haben.

Branchen im Überblick: Prognosen 2020 für Wachstum der Bruttowertschöpfung und Beschäftigung

Graphic overview of Economic Sectors: Forecast Growth in Gross Value Added and Employment for 2020

Ähnliche Beiträge