Die US-Wirtschaft auf dem Prüfstand

Rezession oder moderate Abschwächung? Wohin entwickelt sich die US-Wirtschaft? In fünf Charts bilden wir die amerikanische Volkswirtschaft ab und bringen etwas Licht ins Dunkel.

Wie schnell die Stimmung umschlagen kann. Im Jahresendviertel 2018 rutschte Wall Street im Schnellzugtempo von einem Tief zum nächsten, während sich der Ausblick für die US-Wirtschaft verdunkelte. Etliche Investoren stellten die Zinspolitik der US-Notenbank und deren Bilanzverkürzung in Frage, zumal sie eine Rezession in den Vereinigten Staaten zu antizipieren begannen. Im noch jungen Anlegerjahr 2019 steigen die US-Börsen allerdings wieder. Zudem scheinen sich die Konjunktursorgen der Investoren teilweise verflüchtigt zu haben, zumindest vorübergehend.

In der Summe mehr Konjunkturrisiken

Zum Stimmungsumschwung beigetragen hat vor allem US-Notenbankchef Jerome Powell. Er signalisierte unlängst, dass das Fed auf die Risikobedenken des Marktes achtet und die geldpolitische Haltung zu ändern bereit ist, falls dies notwendig werden sollte. Dass die US-Zentralbank ihren bisherigen Kurs wechselte und vorerst davon absieht, die Zinsen weiter anzuheben, sorgt für Erleichterung an den Finanzmärkten. Zwar wächst die US-Wirtschaft im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften weiter robust (siehe Grafik 1). Aber die Anzeichen für eine Konjunkturabkühlung haben sich zuletzt gemehrt, nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern ganz allgemein in der Weltwirtschaft.  Insbesondere Chinas Wachstumsschwäche setzt dem Investorenvertrauen zu. Mit einem BIP-Anstieg von 6,6 Prozent im Gesamtjahr expandierte das Reich der Mitte letztes Jahr so langsam wie seit 1990 nicht mehr. Politische Unwägbarkeiten wie der Brexit und Italiens Budgetstreit mit der EU, aber auch der US-Handelsstreit mit China sorgen derweil für Planungsunsicherheit bei den Wirtschaftskapitänen.

Robustes US-Wirtschaftswachstum

In der US-Industrie jedoch hat sich die Stimmung trotz dieser Unwägbarkeiten im Januar überraschend aufgehellt (siehe Grafik 2). Dem Einkaufsmanager-Index von Markit zufolge präsentierte sich das verarbeitende US-Gewerbe vor allem dank einer robusten Binnennachfrage in guter Verfassung. Der Dienstleistungssektor jedoch, der rund 80 Prozent der US-Wirtschaft ausmacht, scheint derweil einen Gang zurückzuschalten. Im Januar fiel das entsprechende Barometer auf den tiefsten Stand seit vier Monaten. Insbesondere in den Auslandmärkten blieb die Nachfrage nach US-Waren verhalten. Die Einkaufsmangerindizes gelten als Frühindikatoren für die wirtschaftliche Aktivität. Ein Indexstand über 50 deutet auf eine weiterhin wachsende Wirtschaft hin. Beide Indizes haben sich, wenn auch nur moderat, seit Mitte 2018 zurückgebildet.

Servicebereich verliert an Dynamik

Gefallen ist zuletzt auch das Konsumentenvertrauen. So sank beispielsweise der Michigan Consumer Sentiment Index mit 91,2 im Januar auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren (siehe Grafik 3). Dieser Index ist ein Indikator für das Kaufverhalten der Amerikaner. Das rückläufige Konsumentenvertrauen erstaunt indes nicht weiter. Zum einen hat die heftige Börsenkorrektur im Jahresendviertel 2018 negativ auf die Stimmung der Verbraucher durchgeschlagen. Zum anderen hat der «Government Shutdown» den Optimismus der Konsumenten belastet.

Börsenkorrektur setzt dem Konsumentenvertrauen zu

Formschwacher Immobilienmarkt

Der Immobilienmarkt leidet weiterhin an einer Formschwäche, was wiederum das Wirtschaftswachstum hemmt. Ein Grund für die seit längerer Zeit enttäuschenden Häuserverkäufe ist der Zinsanstieg in den Vereinigten Staaten (siehe Grafik 4). Seit Dezember 2015 hat die US-Notenbank ihren Leitzins in neun Schritten erhöht. Dies hat dazu geführt, dass sich auch die Kosten für eine Hypothek verteuert haben. Die vorläufige Zinserhöhungspause des Fed könnte dem Immobilienmarkt zwar etwas Erleichterung verschaffen. Eingedenk der erhöhten Zinsen und der Bilanzverkleinerung der US-Notenbank (Liquiditätsverknappung und Abbau ihrer Bestände an verbrieften Hypotheken) zeichnet sich aber ab, dass der Immobilienmarkt seinen Zenit überschritten hat.

Häusermarkt deutlich unter Vorjahresniveau

Arbeitsmarkt weiter in Hochform

Am Arbeitsmarkt ist derweil noch keine Verlangsamung zu spüren. Im Januar verzeichnete die US-Wirtschaft erneut ein kräftiges Beschäftigungswachstum. So schufen die Arbeitgeber rund 304’000 neue Arbeitsstellen ¬– und damit fast doppelt so viele, wie am Markt erwartet worden waren. Dieser Indikator ist allerdings mit einer gewissen Vorsicht zu interpretieren. So musste das Arbeitsministerium die anfänglichen Dezember-Zahlen nachträglich um 90’000 auf 222’000 neue Arbeitsstellen scharf nach unten revidieren. Mit durchschnittlich 241’000 kreierten Jobs über die vergangenen drei Monate bleibt der Trend aber weiterhin eindrücklich. Die Arbeitslosenquote wiederum hat sich zuletzt dennoch leicht auf 4 Prozent erhöht (siehe Grafik 5). Dazu beigetragen hat unter anderem der mittlerweile beendete «Government Shutdown», da Staatsangestellte teilweise vorübergehend zwangsbeurlaubt wurden.

Arbeitslosenquote nahe am Rekordtief

Insgesamt dürfte sich der Aufbau neuer Arbeitsstellen im Laufe dieses Jahres verlangsamen. Das US-Wirtschaftswachstum lässt nach, und die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt erschwert es den Unternehmen, offene Stellen zu besetzen. Die Arbeitslosenquote sollte indes weiter nahe am Rekordtief verharren, während sich der Lohnanstieg womöglich verstärken wird. Vor diesem Hintergrund ist es auch zu früh, schon jetzt eine weitere geldpolitische Straffung durch das Fed für 2019 endgültig abzuschreiben.
In unserem Basisszenario gehen wir davon aus, dass sich das US-Wirtschafts-wachstum 2019 weiter verlangsamen wird, insbesondere in den zinssensitiven Wirtschaftsbereichen. Eine Rezession im laufenden Jahr erachten wir hingegen als wenig wahrscheinlich. Die US-Wirtschaft schwächt sich von einem hohen auf ein moderates Wachstumstempo ab und vermittelt einen insgesamt nach wie vor robusten Eindruck. Angesichts der nachlassenden Konjunkturdynamik sowie der tiefen Inflation und Arbeitslosigkeit in den USA dürfte das Fed vorerst aber in einer Warteposition verharren und die weitere wirtschaftliche Entwicklung an den Weltmärkten beobachten, ebenso die politischen Risikoherde. So lange sich der europäische und chinesische Wirtschaftsraum nicht über Erwarten stark abkühlen und auch externe Schocks ausbleiben, hat das Fed durchaus Spielraum, um im laufenden Jahr nochmals die Zinszügel anzuziehen.

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