Schweizer Wirtschaft: Was folgt auf die Blütezeit?

Mit einem realen BIP-Wachstum von 2,7 Prozent erreicht die Schweizer Wirtschaft  2018 den höchsten Wachstumswert seit 2010. Im kommenden Jahr wird sich das Wachstumstempo aber abschwächen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Migros Bank in Zusammenarbeit mit dem Basler Wirtschaftsforschungsinstitut BAK Economics.

Das starke Wachstum der Schweizer Wirtschaft im laufenden Jahr beruht auf einer Kombination von mehreren Treibern: Zum einen ist die Binnenkonjunktur intakt, da der private Konsum anzieht und Unternehmen kräftig in Ausrüstungsgüter investieren. Zum anderen stimuliert die immer noch robuste globale Dynamik die ausländische Nachfrage nach Schweizer Gütern. Die Frankenabwertung auf einen Kurs gegenüber dem Euro von 1.16 im Jahresdurchschnitt 2018 verleiht dabei zusätzlichen Schub (2017 lag der EUR/CHF-Durchschnittskurs noch bei 1.11). Der Boom spiegelt sich auch im Arbeitsmarkt. Die Unternehmen erhöhen die Anzahl der Beschäftigten (in Vollzeitäquivalenten) um 1,9 Prozent, was ebenfalls einen Rekordwert seit der Krise darstellt.

Der konjunkturelle Höhepunkt wird allerdings dieses Jahr erreicht. 2019 ist mit einer Normalisierung zu rechnen. Das reale BIP dürfte dann noch um 1,6 Prozent und die Beschäftigung um 1 Prozent wachsen. Die Normalisierung ist in erster Linie auf eine Abschwächung der globalen Konjunktur zurückzuführen.

Europas Wachstumstempo verliert an Dynamik

In Europa setzte diese Wachstumsverlangsamung im Zuge von politischen Unsicherheiten (z.B. in Italien und dem Vereinigten Königreich), Kapazitätsengpässen (z.B. in Deutschland) und dem höheren Ölpreis bereits 2018 ein. In den USA, deren Konjunktur durch die Steuerreform dieses Jahr nochmals Antrieb erhalten hat, dürfte die Abschwächung 2019 erfolgen. Denn der US-Konjunkturzyklus ist weit fortgeschritten, und eine weitere Straffung der Geldpolitik ist absehbar. Hinzu kommt, dass 2019 auch mit schwächeren Wachstumsimpulsen aus den Emerging Markets zu rechnen ist.

Mittelfristig (2020 bis 2024) dürfte das reale BIP durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr zulegen. Damit geht ein Beschäftigungsaufbau von 0,5 Prozent pro Jahr einher.

Produzierendes Gewerbe auf der Überholspur

Der diesjährige Boom der Schweizer Wirtschaft war im zweiten Sektor besonders ausgeprägt. An der Spitze des Trends standen im Zuge dynamischer Exporte die chemisch-pharmazeutische Industrie sowie die Uhrenbranche. Letztere profitierte von neuen Online-Vertriebskanälen und der wiedererstarkten Nachfrage aus dem amerikanischen und dem asiatischen Raum. Auch die MEM-Industrie expandierte stark.

Es konnten aber nicht alle Branchen des produzierenden Gewerbes mit dem hohen Wachstumstempo mithalten: Die Konsumgüterindustrie wuchs lediglich im Schweizer Durchschnitt, das Baugewerbe lag sogar darunter. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch diese Branchen im laufenden Jahr über ihrem mittelfristigen historischen Trend wachsen.

Die Normalisierung des Konjunkturverlaufs werden 2019 alle Branchen des sekundären Sektors zu spüren bekommen. Trotzdem werden sie mit Ausnahme der Konsumgüterindustrie und des Baugewerbes im nationalen Vergleich immer noch überdurchschnittlich expandieren.

Dienstleister mit solidem Wachstum

Auch wenn der tertiäre Sektor 2018 nicht mit der Dynamik des sekundären mithalten konnte, ist seine Wachstumsperformance solide. Angetrieben vom Megatrend Digitalisierung, überzeugte vor allem die Branche Information und Kommunikation. Die Entwicklung im Finanzsektor war durchmischt: Die Banken entwickelten sich trotz Einführung des automatischen Informationsaustauschs positiv, während die Versicherer im Lebensversicherungsbereich vom niedrigen Zinsniveau gebremst wurden. Obschon auf tieferem Niveau, wuchsen auch das Gastgewerbe und das Immobilienwesen über dem mittelfristigen Wachstumspfad der vergangenen Jahre. Der Handel hingegen verlor an Dynamik, weil vom Rohstoffhandel weniger Impulse kamen.

Auch die Dienstleister erreichten 2018 den Höhepunkt der Konjunktur. Abgesehen von der Branche Information und Kommunikation werden sie 2019 nicht mehr ganz an die Performance des laufenden Jahres anknüpfen können.

Branchen im Überblick 2019: Wachstum der Bruttowertschöpfung und Beschäftigung
Quelle: Migros Bank

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