Schadet Freihandel der US-Wirtschaft?

Im Handelskonflikt zwischen den USA und China ist eine neuerliche Eskalation vorerst abgewendet worden. Womöglich spricht sich US-Präsident Donald Trump aber schon bald für Sonderzölle auf europäische Autos aus.

Seit gut einem Jahr sind im Handelsstreit zwischen China und den USA die Fronten verhärtet. Während die Vereinigten Staaten mehrmals Strafzölle auf Waren aus China verhängten, reagierte die Volksrepublik jeweils umgehend mit Vergeltungszöllen. Eigenen Aussagen zufolge haben die beiden Wirtschaftsmächte jüngst zwar Verhandlungsfortschritte erzielt. Wann und worüber sie sich im Handelskonflikt aber letztlich einigen werden, ist nach wie vor ungewiss. Weiter im Raum steht auch die Frage, ob sich Washington schon bald für Sonderzölle auf Autoimporte aus der Europäischen Union (EU) aussprechen wird.

Mitte Februar hat das US-Handelsministerium seinen Prüfbericht über die Bedrohung der nationalen Sicherheit durch Autoimporte an Präsident Donald Trump übergeben. Das Weisse Haus wird nun auf Basis dieses Berichts evaluieren, ob künftig auf europäische Autos Sonderzölle von bis zu 25 Prozent erhoben werden sollen. Falls sich Washington dazu entscheiden sollte, dürfte dies nicht nur die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Washington und Brüssel vergiften, sondern auch das Wirtschaftswachstum belasten, zumal die EU bereits mit entsprechenden Gegenmassnahmen gedroht hat.

Autoindustrie im Fokus

Mit seiner protektionistischen Wirtschaftspolitik zielt Trump darauf ab, das US-Handelsdefizit abzubauen und neue Arbeitsplätze in den USA zu schaffen. Um sein Strafzoll-Programm zu rechtfertigen, verweist er dabei oft und gerne auf Amerikas bilaterale Handelsdefizite mit seinen Handelspartnern. Ähnlich argumentierte er auch bei den Neuverhandlungen zum Freihandelsabkommen Nafta (North American Free Trade Agreement), das er als schlechten Deal für die USA bezeichnet hatte. Die Nafta wurde 1994 ins Leben gerufen und bildet auf dem nordamerikanischen Kontinent eine Freihandelszone zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko.

Nach rund eineinhalbjährigen Verhandlungen einigte sich der Wirtschaftsverbund Ende November 2018 auf die Nachfolgevereinbarung U.S. Mexico Canada Agreement (USMCA). Überarbeitet wurden dabei auch die Bestimmungen zum Autohandel – nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die USA einen der grössten Automärkte weltweit haben. Zuvor hatte Trump wiederholt kritisiert, dass der Freihandel die Wettbewerbsfähigkeit der US-Autobauer beeinträchtigt habe. Mit solchen Aussagen trifft er den Nerv vieler Amerikaner, die sich mit Blick auf die EU fragen: «Warum sind die prozentualen Zölle für ein amerikanisches Auto in Europa höher als umgekehrt für einen Mercedes in den USA?» Die Einführzölle der EU auf US-Automobile betragen rund zehn Prozent, während die USA umgekehrt nur zwei Prozent Zoll auf Automobile aus der EU erheben.

Kaum verändert, aber höheres Defizit

Doch war der ursprüngliche Nafta-Deal tatsächlich so schlecht, wie Trump es mitunter behauptete? Dieser Frage ist die Federal Reserve Bank of St. Louis mit Blick auf die US-Autoindustrie nachgegangen. Sie ist eine der zwölf Regionalbanken im Zentralbanken-System der Vereinigten Staaten. Der Fed St. Louis zufolge verzeichneten die USA 1994 im Warenhandel mit Fahrzeugen ein reales Handelsdefizit von etwa 63 Milliarden Dollar– und dieser Fehlbetrag hat sich bis 2017 fast verdoppelt.

Trump erklärt das höhere Defizit oft damit, dass Arbeitsplätze in andere Länder verlagert worden sind. Wenn zum Beispiel ein Automobilwerk in den USA schliesst und in einem anderen Land eröffnet, so würde sich das Handelsdefizit mit diesem Land erhöhen, weil die USA dann Fahrzeuge importieren müssten, die früher im Binnenmarkt produziert wurden.

Zweifellos haben über die vergangenen Jahrzehnte Tausende von Amerikanern ihren Arbeitsplatz in der US-Autoindustrie verloren. Aber nach Ansicht vieler Ökonomen wären die Stellenverluste ohne Nafta wohl noch höher ausgefallen. Denn durch die Einführung von Liefer- und Produktionsketten in ganz Nordamerika konnten die US-Autobauer nicht nur einen bedeutenden Teil der Fahrzeugherstellung im eigenen Land halten, sondern sie wurden dank Kosteneinsparungen international wettbewerbsfähiger. Ohne die Möglichkeit, Niedriglohnjobs nach Mexiko auszulagern, hätte ihnen die asiatische Konkurrenz wahrscheinlich noch stärker zugesetzt.

Obwohl etliche US-Autobauer ihre Produktionsstätten teilweise ins Ausland verlagert haben, ist die Anzahl der in den USA montierten Fahrzeuge seit der Unterzeichnung des Nafta-Abkommens weitgehend unverändert geblieben. So wurden 2016 mit rund 12,1 Millionen gleich viele Fahrzeuge in den USA produziert wie 1994 (siehe Grafik). Dass sich die Produktionszahlen 2017 zurückgebildet haben, dürfte vor allem darauf zurückzuführen, dass sich die Hersteller der nachlassenden US-Nachfrage angepasst haben.

Wie viele Fahrzeuge werden in den USA hergestellt?

Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis, Haver Analytics

Nur die halbe Wahrheit

Auffallend an dieser Grafik ist jedoch, dass sich die Zusammensetzung der in den USA gefertigten Fahrzeuge über die Jahre erheblich verändert hat. So ist die Anzahl der in den USA produzierten Personenwagen (PKW) von 6,5 Millionen im Jahr 1994 bis 2018 auf 2,8 Millionen gesunken. Im Gegenzug erhöhte sich in diesem Zeitraum aber die Produktion leichter Nutzfahrzeuge von 5,2 auf 8,2 Millionen. Im Wesentlichen hat sich die amerikanische Fahrzeugproduktion seit Nafta von PKW auf Nutzfahrzeuge verschoben.

Zölle können Handelsströme zwar teilweise lenken und verändern. Doch letztlich exportieren Länder Waren, bei denen sie komparative Vorteile aufweisen, und importieren Güter, bei denen andere Staaten Wettbewerbsvorteile haben. Wenn Trump das steigende US-Handelsdefizit im Fahrzeughandel mit unfairen Zollvorteilen begründet, so entspricht dies nur der halben Wahrheit. Handelsabkommen bringen jeweils mit sich, dass gewisse Industrien zu den Verlierern zählen, andere Wirtschaftszweige aber davon profitieren. Obschon es in gewissen Branchen unweigerlich zu Stellenverlusten kommt, werden im Gegenzug dank solchen Vereinbarungen Arbeitsplätze in Industrien geschaffen, die Wettbewerbsvorteile geniessen. Mit Blick auf die USA sind es vor allem die High-Tech-Branche und der Dienstleistungssektor, die zu den Gewinnern gehören.

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