«Die Rezessionsängste sind übertrieben»

Die US-Notenbank will von weiteren Zinsschritten im laufenden Jahr absehen, die Europäische Zentralbank hat eine Zinserhöhung abermals vertagt. Die schwächelnde Weltwirtschaft beunruhigt dennoch viele Anleger. Unser Chefökonom Christoph Sax erklärt im Interview, worauf Investoren jetzt achten müssen.

Herr Sax, letztes Jahr dominierte an den Märkten noch die Angst vor höheren Zinsen. Doch die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihren Zinsentscheid vor kurzem erneut vertagt, die US-Notenbank will von weiteren Zinserhöhungen in diesem Jahr absehen. Was bedeutet dies für die Märkte?

Die Kehrtwende der Notenbanken ist eine wichtige Stütze für die Aktienmärkte. Es ist kein Zufall, dass die Börsen zur Erholungsrally ansetzten, als die US-Notenbank ihren Ausblick revidierte. In der Eurozone und in der Schweiz ist die Zinswende einmal mehr vertagt worden. Daher werden sich für Franken-Obligationen vorerst keine grossen Kursverluste abzeichnen. Allerdings werden Anleihen bester Bonität weiterhin negative Renditen aufweisen.

Die US-Wirtschaft verliert an Schwung. Hat die US-Notenbank die Zinszügel bereits zu stark angezogen?

Nein, angesichts des robusten Wirtschaftswachstums der letzten Jahre war die kontinuierliche Erhöhung des Leitzinses angebracht. Die Lage am Arbeitsmarkt ist allerdings nicht ganz so rosig, wie es die offizielle Arbeitslosenquote vorgibt. Die Partizipationsrate notiert deutlich unter ihrem Vorkrisenniveau. Ausserdem müssen sich nach wie vor viele Arbeitnehmer mit einem Teilzeitjob begnügen, obwohl sie gerne Vollzeit arbeiten möchten.

Fällt die US-Wirtschaft nächstes Jahr in eine Rezession?

Nein. Die Rezessionsängste sind übertrieben. Der Konjunkturzyklus ist in den USA zwar schon einiges weiter fortgeschritten als in Europa – das Wachstum wird sich abschwächen und womöglich muss die US-Notenbank ihren Leitzins schon bald senken. Aber: Die US-Regierung stützt die Wirtschaft mit einer stark expansiven Fiskalpolitik. Das Budgetdefizit betrug im Fiskaljahr 2018 knapp 800 Milliarden Dollar bzw. 3,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Für 2019 ist sogar ein Fehlbetrag von rund 900 Milliarden. Dollar bzw. 4,2 Prozent des BIP veranschlagt. Die Fiskalspritze wird die Konjunktur stützen, sodass eine Rezession vermieden werden kann. Wir erwarten, dass die US-Wirtschaft dieses Jahr rund 2 Prozent expandieren wird. Im kommenden Jahr dürfte das Wachstum etwas schwächer ausfallen.

Gilt dies auch für Europa?

In der Eurozone ist die Fiskaldisziplin grösser. Insbesondere in Deutschland ist der Staat deutlich sparsamer. Der Abschwung fällt deshalb stärker aus. Ausserdem ist die Binnennachfrage in vielen Mitgliedstaaten der Währungsunion nicht gleichermassen robust wie in den USA. Daher könnte die Wirtschaft in der Eurozone für ein oder zwei Quartale stagnieren oder sogar leicht schrumpfen. Für die zweite Jahreshälfte bin ich allerdings nicht so pessimistisch gestimmt. Dannzumal sollte etwas mehr Klarheit punkto Brexit herrschen. Womöglich haben die USA und China bis Herbst auch eine Einigung im Handelsstreit erzielt. Ausserdem gehe ich davon aus, dass die Automobilindustrie allmählich wieder expandieren wird.

Wie stark belastet der Handelsstreit zwischen den USA und China die Weltwirtschaft?

Er hemmt vor allem den Geschäftsgang in der Industrie. Rund um den Globus hat sich die Nachfrage nach Ausrüstungsgütern und Zwischenfabrikaten abgeschwächt, weil der Handelsstreit die Planbarkeit von Investitionen beeinträchtigt. Der Konjunkturabschwung ist aber auch eine Folge verschiedener lokaler Hemmnisse. In China hat die Wirtschaftsdynamik nachgelassen, weil die Regierung das Schuldenwachstum eingedämmt hat. Dies bremst auch die globale Rohstoffnachfrage. In Europa belasten nach wie vor die Probleme der Automobilhersteller und der Brexit.

Worauf müssen Anleger betreffend künftiger Geldpolitik achten?

Die Weichen sind für die nächsten Monate gestellt: Weder von der US-Notenbank, noch von der EZB oder der Schweizerischen Nationalbank (SNB) sind bis Ende Jahr Zinsschritte zu erwarten. Ab Herbst muss man sich jedoch Gedanken machen, wie es 2020 weitergehen könnte. Eine weitere Leitzinserhöhung durch die US-Notenbank ist noch nicht gänzlich vom Tisch. Hier gilt es vor allem die Inflation im Auge zu behalten. In der Eurozone stellt sich die Frage, ob die Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte wieder genügend Tritt fasst, sodass die EZB nächstes Jahr doch noch einen Zinsschritt wagen kann.

Kommen wir zu den Währungen. Hat der Dollar seinen Zenit überschritten? Wird der Euro weiter schwächeln?

Solange die anderen grossen Notenbanken – insbesondere die EZB und die Bank of Japan – ihre Geldpolitik nicht straffen, wird der Dollar kaum markant an Wert verlieren. Aufgrund des höheren Zinsniveaus bleibt er auch nach dem Marschhalt des Fed als Anlagewährung attraktiv. Wir erwarten eine Seitwärtstendenz des Dollars gegenüber dem Euro und dem Schweizer Franken.

Wie positioniert sich die Migros Bank in diesem Umfeld?

Unsere Taktische Asset Allocation bleibt defensiv ausgerichtet. Bei den Aktien wurde mit der kräftigen Kurserholung zu Jahresbeginn schon viel Positives vorweggenommen. Ausserdem bleiben die Konjunkturrisiken vorerst hoch. Wir haben Aktien deshalb leicht untergewichtet. Bei den Franken-Obligationen halten wir an unserem starken Untergewicht fest, weil deren Rendite-Risiko-Profil im Umfeld der Negativzinsen unattraktiv ist. Noch immer handelt ein Grossteil der qualitativ hochwertigen Franken-Obligationen mit negativer Verfallsrendite. Im Gegenzug halten wir weiterhin einen erhöhten Cash-Bestand in Schweizer Franken. Zur Stärkung der defensiven Qualitäten des Portfolios setzen wir unter anderem auf Gold und Immobilien.

Welche Anlageregion favorisieren Sie?

Wir sind global ausgewogen investiert. Zurzeit gewichten wir europäische Aktien allerdings etwas stärker als US-Aktien, weil wir der Ansicht sind, dass insbesondere deutsche Aktien zu sehr abgestraft wurden.

Wie wird es mit dem Brexit weitergehen?

Auf politischer Ebene ist alles möglich, von einem zweiten Referendum über eine enge Anbindung an den EU-Binnenmarkt bis zu einem harten Brexit. Was die wirtschaftliche Ebene anbelangt, so denke ich, dass die Folgen für Europa auch im Falle eines vertragslosen EU-Austritts Grossbritanniens einigermassen überschaubar bleiben. Es steht zu viel auf dem Spiel: Die beiden Seiten können Notvereinbarungen treffen, um einen geordneten Waren- und Dienstleistungshandel sicherzustellen.

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