Nicht alle Bären sind gleich

Der Kurseinbruch an den weltweiten Aktienmärkten hat viele Investoren verunsichert. Für anhaltende Nervosität sorgt die sich abschwächende Weltwirtschaft. Das Börsenjahr 2019 hat denn auch begonnen, wie das alte geendet hat: äusserst volatil.

Gründe zur Verunsicherung gibt es an der Börse derzeit etliche. Ob in Japan, China, der Eurozone, Brasilien oder in den Vereinigten Staaten – das Wirtschaftswachstum schwächt sich ab, rund um den Erdball. Insbesondere Chinas Wachstumsschwäche beunruhigt die Anleger. Die heftige Korrektur der Ölpreise seit letztem Herbst mag zwar für Verbraucher eine gute Nachricht sein, für Ölexporteure wie Saudi-Arabien und Russland aber nicht. Sinkende Ölpreise wie zuletzt waren in der Vergangenheit oft Vorbote einer Rezession in den Industriestaaten.

Ein wesentlicher Grund für die Nachfrageschwäche ist der Handelsstreit und die damit verbundene Planungsunsicherheit für die Wirtschaftskapitäne. Höhere Zolltarife verheissen für die Weltwirtschaft nichts Gutes, und die Handelsstreitigkeiten zwischen Washington und Peking belasten die Stimmung der Anleger schon seit geraumer Zeit. In diesem Umfeld hat sich die US-Zinskurve stark abgeflacht. Die langfristigen Zinsen sind seit Herbst um rund einen halben Prozentpunkt gesunken. Die Rendite von zehnjährigen US-Staatsanleihen liegt lediglich noch 0.27 Prozentpunkte über jener von dreimonatigen T-Bills. Im Laufzeitenbereich zwischen ein und vier Jahren ist die Kurve gar leicht invers, also die Renditen am kurzen Ende sind höher als am langen. Eine inverse US-Zinskurve hat sich in der Vergangenheit als verlässlicher Frühindikator für Rezessionen erwiesen (vgl. Was signalisiert der US-Bondmarkt?). Während die Marktteilnehmer vor wenigen Wochen noch zwei bis drei Leitzinserhöhungen für 2019 erwartet hatten, gehen sie nun davon aus, dass das Fed keinen Zinsschritt mehr vornehmen wird. Für 2020 implizieren die Terminsätze eine erste Leitzinssenkung.

In diesem Marktumfeld weisen zwar etliche Unternehmen weiterhin gute Gewinne aus, doch nicht mehr grossartige; vielfach bilden sich die Gewinnmargen zurück. Zu diesem Sorgencocktail gesellt sich das Unbehagen über die straffe Geldpolitik der US-Notenbank, da sich die gesamtwirtschaftlichen Risiken in der Summe erhöht haben.

Historisch betrachtet gehen Rezessionen und Bärenmärkte einher

Vor diesem Hintergrund haben die Aktienmärkte seit Oktober kräftig korrigiert. Kurzzeitig fiel die Weltleitbörse in Wall Street im Dezember gar in einen Bärenmarkt. Wenn die Kurse vom letzten Höhepunkt um mindestens 20 Prozent eingebrochen sind, spricht man von einem Bärenmarkt. Am beunruhigendsten ist wahrscheinlich das Marktbild der US-Börse selbst. In einem «gesunden» Aktienmarkt tendiert jeweils ein breites Spektrum von Aktien und Aktiensektoren aufwärts. Das heisst, unter dem Strich erreichen weitaus mehr Aktien neue 52-Wochen-Hochs, als dass Titel Jahrestiefststände markieren. In jeder grösseren Kurskorrektur seit Ende der weltweiten Finanzkrise blieb die sogenannte Marktbreite in Wall Street relativ gesund. Bei der jüngsten Talfahrt war dies jedoch nicht der Fall.

Etliche Anleger interpretieren die heftige Abwärtsbewegung daher als Indiz für eine sich anbahnende Rezession in den USA. Denn der Aktienmarkt gilt als ein vorauseilender Indikator für den Konjunkturgang, und historisch betrachtet gehen Rezessionen und Bärenmärkte einher. Doch kündigt im Umkehrschluss ein Bärenmarkt auch eine Rezession an? Die Antwort lautet: Nicht zwangsläufig.

Bärenmärkte an der US-Börse

BärenmarktDauer in MonatenRezession*Dauer in MonatenKursveränderung S&P-500 in %
Mai 2011 bis Oktober 20115-22
Oktober 2007 bis März 200917Dezember 2007 bis Juni 200918-58
März 2000 bis Oktober 200231März 2001 bis November 20018-51
Juli 1998 bis Oktober 19983-22
Juli 1990 bis Oktober 19903Juli 1990 bis März 19918-20
August 1987 bis Oktober 19872-36
November 1980 bis August 198222Juli 1981 bis November 198216-28
September 1976 bis März 197818-20
Januar 1973 bis Oktober 197421November 1973 bis März 197516-50
Dezember 1968 bis Mai 197017Dezember 1969 bis November 197011-37
Februar 1966 bis Oktober 19668-24
Dezember 1961 bis Juni 19626-29
August 1956 bis Oktober 195714August 1957 bis April 19588-21
Juni 1948 bis Juni 194912November 1948 bis Oktober 194911-21
Mai 1946 bis Mai 194712-28
Durchschnitt (ohne Rezession)7.7-25.9
Durchschnitt (mit Rezession)17.1-35.8
Durchschnitt12.7-31.1
*National Bureau of Economic Research
Quelle: Pension Partners LLC

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat der US-Aktienmarkt 15 Bärenmärkte durchlaufen. Doch die Liste der Bärenmärkte ohne gleichzeitige Rezession der US-Wirtschaft ist wahrscheinlich länger, als viele Investoren intuitiv erwartet hätten. In fast der Hälfte aller Fälle (46,7 Prozent) hat der S&P-500-Index vorübergehend um 20 Prozent oder mehr korrigiert, ohne dass die US-Wirtschaft eine Rezession durchlief. Der Aktienmarkt mag zwar ein Stück weit ein vorauseilender Indikator sein, er ist aber bei weitem kein «perfekter» Indikator, wie die Historie zeigt. Mitunter kommt es an der Börse ganz einfach zu heftigen Kursgewittern, die vorangegangene Kursübertreibungen bereinigen. Im Sinne eines langfristig «gesunden» Aktienmarkts ist dies auch gut so, und jede Baisse ermöglicht Investoren letztlich chancenreiche Einstiegsmöglichkeiten.

Das Konjunkturbild sieht gegenwärtig besser aus, als es die Marktstimmung zuletzt vermuten liess

Ob der US-Aktienmarkt im laufenden Jahr doch in einen Bärenmarkt fällt, vermag zwar niemand mit Sicherheit vorherzusagen. Das Konjunkturbild indes sieht gegenwärtig besser aus, als es die Marktstimmung zuletzt vermuten liess. Die Unternehmensgewinne und das Wirtschaftswachstum in den USA sind nach wie vor recht beeindruckend, während die Aktienbewertungen im Zuge der Kurskorrektur auf ein vernünftigeres, teilweise gar attraktives Mass zurückgekommen sind. Die Konsumentenstimmung notiert nahe an historischen Höchstständen. Auch der Arbeitsmarkt ist weiterhin robust. Praktisch jeder, der einen Job sucht, kann einen finden. Der Index der führenden Wirtschaftsindikatoren des Conference Board deutet ebenfalls auf ein weiteres Wachstum hin. Die US-Notenbank wiederum hat zu Jahresbeginn bereits signalisiert, dass sie auf die Risikobedenken des Marktes achtet und ihre geldpolitische Haltung zu ändern bereit ist, falls dies notwendig werden sollte. Einen Absturz der US-Wirtschaft im laufenden Jahr erwartet die Migros Bank daher nicht.

Welch Unterschied ein Jahr machen kann

Quelle: Bloomberg

Das vergangene Anlagejahr und der holprige Start ins 2019 verdeutlichen jedoch, dass die Börse keine Einbahnstrasse ist und dass ausgezeichnete Aktienjahre wie 2017 nicht die Regel sind. Nur weil die Aktienkurse seit letztem Oktober stark gefallen sind, heisst dies nicht, dass unmittelbar auch eine Rezession bevorsteht. Phasen mit Kursabschwüngen gehören ebenso zur Börse wie Zeiten mit Kursgewinnen.

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1 Kommentar zu Nicht alle Bären sind gleich

  1. Eine ausgezeichnete Analyse mit klaren Aussagen, dem Aufzeigen der Zusammenhänge und so geschrieben dass auch ein Leser ohne Finanzexpertise profitieren kann. Auch die Erklärung was einen Bärenmarkt ausmacht ist höchst willkommen. Die Analyse ist weder zu lang noch zu kurz sondern gerade richtig: Well done!

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