Ich weiss, dass ich nichts weiss – meine Lektion für das Jahr 2017

Was bringt uns das neue Jahr? Unzählige Experten bieten jetzt wieder ihre Prognosen feil – oft aufs Komma genau. Doch fördern sie damit die trügerische Illusion, die Welt entwickle sich immer schön nach Drehbuch. Der Brexit und die Wahl von Donald Trump belehren uns eines Besseren.

Wo stehen die Zinsen, der Franken oder die Börsen in einem Jahr? Gerade jetzt zum Jahreswechsel haben die selbsternannten Experten und Prognostiker wieder Hochkonjunktur. Zu allen möglichen Bereichen liefern sie detaillierte Kursziele und Hochrechnungen. Doch die Frage sei erlaubt: Welchen Nutzen können solche Voraussagen effektiv bieten?

Eine skeptische Meinung, die ich persönlich teile, vertrat der 2006 verstorbene Ökonom John Kenneth Galbraith. Er unterteilte die Prognostiker in zwei Kategorien:

Solche, die nichts wissen – und solche, die nicht wissen, dass sie nichts wissen.

Wer als Prognostiker eine grosse Aufmerksamkeit erreichen will, muss sich in die zweite Kategorie einreihen, bei den scheinbar «allwissenden» Koryphäen. Denn sobald jemand sein Nichtwissen eingesteht, was Kategorie eins entspricht, geht er im schnelllebigen Medienrummel unter. Zumal es in diesem Metier offenbar kaum eine Rolle spielt, ob die gemachten Vorhersagen tatsächlich so eintreten.

Sowohl bei der Brexit-Abstimmung als auch bei den US-Wahlen lag die grosse Mehrheit der Prognostiker und Analysten falsch. Und dennoch lieferten dieselben hinterher fleissig Erklärungen, warum es eben doch anders gekommen war.

Rechtfertigungen, weshalb sich die Realität nicht an das eigene Drehbuch gehalten hat, lassen sich viele heranziehen. Zum Beispiel: Einzig das Timing habe nicht gepasst (eine beliebte Erklärung bei falschen Börsenprognosen). Ein übergeordneter Vorfall habe die Ausgangslage verändert. Der Irrtum betreffe nur einen Nebenschauplatz. Oder auch: Trotz abweichendem Ergebnis bleibe die grundsätzliche Argumentation richtig.

Ohnehin sind die meisten «Prognosen» lediglich statistische Trendextrapolationen aus der Vergangenheit in die Zukunft.

Das heisst bildlich gesprochen: Ich versuche, ein Auto zu steuern, indem ich in den Rückspiegel schaue. Das geht solange gut, bis eine unerwartete Kurve kommt.

Desgleichen ist eine Extrapolation nutzlos, sobald es in der Gesellschaft oder an den Märkten zu abrupten Umwälzungen kommt – genau dann aber wäre eine zuverlässige Prognose besonders wertvoll. Solche chaotischen Ereignisse (für die sich der Begriff «schwarzer Schwan» eingebürgert hat) sind zwar selten, haben dafür aber umso extremere Konsequenzen. Ein Beispiel aus schweizerischer Sicht ist der Frankenschock vom Januar 2015. Auch da hatten praktisch sämtliche Prognosen versagt.

Doch gibt es eine Alternative? Ja, und zwar ist es das Wissen um das eigene Nichtwissen. Schon der griechische Philosoph Sokrates prägte diese Denkweise mit seinem berühmten Ausspruch «Ich weiss, dass ich nichts weiss». Gemeint ist, dass wir dasjenige hinterfragen sollten, was wir zu wissen meinen. Weisheit beginnt für Sokrates mit der Entlarvung unseres Scheinwissens. Was heisst das konkret? Der Schriftsteller Mark Twain hat es mit dem folgenden Zitat trefflich auf den Punkt gebracht:

In Schwierigkeiten bringt uns nicht das, was wir nicht wissen. Es sind diejenigen Dinge, die wir zu wissen glauben, die in Wirklichkeit aber falsch sind.

Um beim Beispiel des Frankenschocks zu bleiben: Gefährlich wurde das Ereignis vor allem für diejenigen, welche auf die Prognosen vertraut hatten, wonach die Schweizerische Nationalbank strikt am Euro-Mindestkurs festhalten werde. Wer in diesem Glauben vermeintlich risikoarme europäische Obligationen gekauft hatte, wurde auf dem falschen Fuss erwischt. Gleiches galt für tausende Immobilienbesitzer in Osteuropa und Österreich, welche scheinbar günstige Hypothekarkredite in Franken aufgenommen hatten.

Wer also das eigene Nichtwissen anerkennt und das Scheinwissen hinter den meisten Prognosen entlarvt, kann enorm davon profitieren. Zunächst einmal schützt es uns vor einer gefährlichen Selbstüberschätzung. Oder wie es Charlie Munger, der langjährige Partner des Investors Warren Buffett, einmal formuliert hat:

Wahre Kompetenz besitzt derjenige, der weiss, an welchem Punkt diese endet.

Dass man als Prognostiker oder Investor «nichts weiss», bedeutet also keineswegs, sich nicht mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Doch der Fokus ist ein anderer: Anstatt mit starren Voraussagen oder Kurszielen denkt man vielmehr in Szenarien: Die Konklusion lautet somit nicht «2017 wird ein gutes oder schlechtes Börsenjahr», sondern: «Mit einer statistischen Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent werden meine Aktien bis Ende Jahr einen Verlust einfahren. Nach fünf Jahren allerdings sinkt dieses Risiko auf nur noch 10 Prozent.»

Eine schöne Visualisierung dieses Denkens in Szenarien bietet die untenstehende Grafik, welche schon fast an ein Gemälde erinnert. Sie zeigt den Jahresverlauf der Schweizer Börse seit 1988. Daraus sehen Sie: 21 der letzten 29 Jahre endeten mit einem Gewinn. In nur gerade vier Jahren gab es einen Verlust von maximal 10 Prozent. Daneben aber kam es in weiteren vier Jahren zu einem «schwarzen Schwan» mit massiven Einbrüchen zwischen 20 und 35 Prozent. Desgleichen waren auch immer wieder positive Extremereignisse zu verzeichnen: Den fantastischen Gewinn von 55 Prozent im Jahr 1997 zum Beispiel hatte wohl kaum jemand vorausgesehen.

Von «katastrophal» bis «grandios»
Jährlicher Verlauf der Schweizer Börse (Swiss Performance Index) seit 1988.

Wer davon ausgeht, dass sich die Entwicklung der Finanzmärkte praktisch kaum voraussagen lässt, kann sich dafür auf diejenigen Faktoren konzentrieren, die er effektiv steuern und beeinflussen kann: insbesondere seine eigenen Anlageprinzipien. Viele Anleger investieren in Wertschriften, ohne geprüft zu haben, wie risikofähig sie wirklich sind. Oder mit welchen Emotionen sie auf einen unerwarteten Kurseinbruch reagieren würden.

Denn wenn es ums Geld geht, haben wir unsere Gefühle viel weniger im Griff, als wir meinen.

Die kollektive Gier in einer Spekulationsblase wie auch die übertriebene Panik in einer Korrekturphase erscheinen uns im Rückblick oft unbegreiflich. Ebenso denken wir, dass wir vor dem Phänomen der Selbstüberschätzung gefeit wären. Doch wenn sich unsere früheren Entscheide oder Prognosen als richtig erwiesen haben, so führen wir dies in der Regel auf unser Talent und den «richtigen Riecher» zurück, selbst wenn lediglich Glück oder Zufall dazu führten. Die daraus entstehende Überheblichkeit ist häufig der Auslöser, der uns zu besonders gravierenden Fehleinschätzungen verleitet.

Der Mensch hat grundsätzlich ein Verlangen nach Kontrolle und Gewissheit, gerade in unsicheren Zeiten. Trotzdem sollten Sie, dies ist mein Ratschlag für das kommende Jahr, der Anziehungskraft von eingängigen Prognosen oder Erklärungsmustern widerstehen. Diese schaffen bloss eine trügerische Wissensillusion – und spiegeln Ihnen eine falsche Sicherheit oder Berechenbarkeit vor. Halten Sie sich stattdessen an das Leitmotiv des indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti (1895 – 1986):

Erst wer sich vom Drang nach einer Antwort befreit hat, kann ein Problem wirklich verstehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein erfolgreiches 2017.

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8 Kommentare zu Ich weiss, dass ich nichts weiss – meine Lektion für das Jahr 2017

  1. Danke für den erhellenden Beitrag. Obschon ich mich immer frage, wie man von der Historie auf die Zukunft schliessen möchte. Ich sehe die Zukunft als inhärent nicht vorhersehbar. Aber das sehen die Ökonomen offenbar anders. ;)

  2. Ein gutes Stück!

    Wissen, dass wir (die wichtigen Dinge) nicht wissen, ist die vermutlich höchste Stufe der Erkenntnis, welche der Mensch überhaupt erreichen kann. Ich stimme mit Herrn Steck überein, dass die gefährlichen Menschen diejenigen sind, welche nicht wissen, dass sie (die wichtigen Dinge) nicht wissen, glauben, alles zu wissen, und so etwas wie Selbstkritik überhaupt nicht kennen, schwere Narzissten.

    Ich wünsche uns allen ein antinarzisstisches authentisches demütiges 2017!

  3. Guten Abend Herr Steck,

    ich möchte noch gerne eine 3. Kategorie zu ihrem äusserst interessanten Beitrag anführen. Dabei handelt es sich um diejenigen die sehr wohl etwas wissen!
    Es handelt sich um die „Insider“, die leider auch an der Börse mitmischen und diese sogar kurzfristig beeinflussen können. Ich hörte noch nie, dass da jemand bestraft wurde.

    Mit freundlichen Grüssen
    Karl Sigg

    1. Guten Tag Herr Arnold
      Entschuldigen Sie, dass ich die Grafik offensichtlich zu wenig genau erklärt habe. Jede Kurve zeigt den Kursverlauf der Schweizer Börse in einem der insgesamt 29 Jahre seit 1988 (es sind total also 29 Linien). Wie Sie sehen, ist die Bandbreite der Entwicklungen enorm gross. Als Anleger empfiehlt es sich, dieses breite Spektrum an Möglichkeiten vor Augen zu halten, anstatt sich auf eine bestimmte Entwicklung in den nächsten zwölf Monaten zu fixieren – und dann überstürzt zu handeln, wenn es eben doch anders kommt. Freundliche Grüsse, Albert Steck

  4. Sehr geehrter Herr Steck

    Ich habe meinen Anteil zu den 490’000 Page Views beitragen, aber nicht erst in den letzten 12 Monaten. Ich finde die Beiträge immer wieder spannend. So auch der obige Beitrag über Prognosen. Neben dem Lesen des Migrosbank Blogs informiere ich mich sehr gerne auch mittels Fintool über Finanzthemen. Und Fintool macht immer wieder auf einfache und humoristische Art den gleichen Punkte, wie Sie im obigen Blog. Kurzfristige Prognosen taugen nichts. So kann ich allen Lesern z.B. das untenstehende, 4-minütige Video von Fintool sehr empfehlen.
    http://www.fintool.ch/boersenausblick-2016?ct=t(Warren_Buffett_zum_Zweiten)

    Meine Prognose: Auch im 2017 werden wir wieder spannende Blogs und Videos kriegen.

    Mit freundlichen Grüssen,
    Benno Gächter

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