Geringe Rezessionsgefahr

Das Wachstum der Schweizer Wirtschaft wird sich 2020 leicht beschleunigen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Basler Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Economics im Auftrag der Migros Bank.

Im laufenden Jahr verliert die Schweizer Wirtschaft an Schub. Das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) wächst 2019 noch 0,7 Prozent, verglichen mit 2,8 Prozent im Vorjahr. Trotz der deutlichen Konjunkturabschwächung ist das Beschäftigungswachstum im laufenden Jahr noch hoch, auch wenn die Dynamik des letzten Jahres nicht mehr erreicht wird. So steigt die Anzahl der Beschäftigten in Vollzeitäquivalenten (FTE) dieses Jahr um 1,2 Prozent. 2018 waren es 1,8 Prozent, was den höchsten Wert seit der Finanz- und Wirtschaftskrise (2009) darstellte.

Hinter der konjunkturellen Abflachung, die ein globales Phänomen ist, stehen primär politische Konflikte wie der Handelsstreit USA-China und der Brexit. Diese Konflikte reduzieren die Planungssicherheit für Unternehmen, was deren Investitionstätigkeit hemmt. Zudem führen sie dazu, dass Unternehmen ihre globalen Wertschöpfungsketten neu strukturieren. Dies bremst das globale Wirtschaftswachstum stark. Für die offene Schweizer Volkswirtschaft kommt erschwerend hinzu, dass die Eurozone weiterhin bescheiden wächst und der Schweizer Franken aufgrund der geopolitischen Risiken gegenüber dem Euro wieder stärker ist.

Konjunkturstütze Privatkonsum

Zu den Unsicherheiten im Ausland kommen weitere im Inland hinzu. Auch wenn diese mit der Annahme der STAF (Steuerreform und AHV-Finanzierung) abgenommen haben, bremsen die unklaren Aussichten des Institutionellen Abkommens (InstA) die Investitionen der Schweizer Unternehmen zusätzlich. Der private Konsum spielt in der Schweiz hingegen eine stützende Rolle, befeuert durch den Aufwärtstrend auf dem Arbeitsmarkt und die tiefe Inflation. Die Rezessionsgefahr ist in der Schweiz deshalb gering.

Die politischen Unsicherheiten im In- und Ausland werden sich vermutlich weit ins Jahr 2020 hineinziehen. Auch der Franken dürfte nächstes Jahr stark bleiben. Die Schweizer Wirtschaft dürfte deshalb 2020 verhalten expandieren. Wir rechnen mit einem realen BIP-Wachstum von 1,2 Prozent und einer weiter nachlassenden Beschäftigungsdynamik (0,5 Prozent).

Die Beschleunigung des BIP-Wachstums von 2019 (0,7 Prozent) auf 2020 (1,2 Prozent) ist weitgehend Sondereffekten geschuldet, namentlich den hohen Lizenzeinnahmen durch Sportgrossereignisse wie die Fussball-EM. Bereinigt man das BIP um diese Sondereffekte, resultiert in beiden Jahren ein Wachstum von 1,1 Prozent. Mit der Abnahme der Unsicherheiten dürfte das reale BIP mittelfristig (2021 bis 2025) 1,4 Prozent pro Jahr zulegen, womit ein Beschäftigungsaufbau von 0,5 Prozent pro Jahr einhergeht.

Produzenten stärker als Dienstleister

Die Wachstumsaussichten des zweiten Sektors übertreffen dieses und nächstes Jahr jene des dritten Sektors. Die mit Abstand grössten Impulse kommen von der Branche Pharma, Chemie & Kunststoff, die sich mit einer weitgehend konjunkturunabhängigen Nachfrage konfrontiert sieht und der Abflachung der Wirtschaftsdynamik trotzt.

Anders sieht es bei der konjunktursensitiven MEM-Industrie aus. Sie leidet unter der abnehmenden Investitionstätigkeit in den Absatzmärkten und expandiert nach dem Boom im Vorjahr deutlich schwächer. Auch die Uhrenindustrie mit ihren langlebigen und hochwertigen Konsumgütern wird von der höheren Unsicherheit tangiert und kann das letztjährige Rekordwachstum nicht mehr fortschreiben.

Von den übrigen Branchen des zweiten Sektors kommen noch schwächere Impulse. Während in der Konsumgüterindustrie 2019 und 2020 mit einem leicht positiven Wachstum zu rechnen ist, dürfte das Baugewerbe nächstes Jahr leicht schrumpfen. Letzteres ist weniger konjunkturell bedingt, sondern liegt daran, dass der Superzyklus im Bau seinen Zenit mittlerweile überschritten hat.

Der Wachstumsleader im Dienstleistungssektor ist die Branche Information & Kommunikation, die weiterhin vom IT-Boom profitiert. Das Gastgewerbe (Gastronomie und Beherbergung) kann nicht mehr an die gute Entwicklung im letzten Jahr anknüpfen. Neben der schwächeren in- und ausländischen Konjunkturdynamik ist auch der wiedererstarkte Franken dafür verantwortlich. Der Finanzsektor leidet weiterhin unter den tiefen Zinsen und expandiert 2019 und 2020 deshalb nur leicht. Der Handel und der Immobiliensektor stagnieren oder schrumpfen sogar leicht.

Branchen im Überblick: Prognosen 2019 für Wachstum der Bruttowertschöpfung und Beschäftigung

Ähnliche Beiträge

Schreiben Sie einen Kommentar

Wir sind an einer offenen Diskussion in den Kommentaren interessiert. Die Kommentare sollen jedoch einen fachlichen Bezug zum Beitragsthema haben. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder