Ratgeber

Für eine Ökonomie mit Herz

In seiner Abschiedskolumne auf dem Blog der Migros Bank plädiert Albert Steck für einen Sinneswandel in der Ökonomie: für mehr Herz und mehr Bescheidenheit. Ganz im Geiste von Gottlieb Duttweiler.

Die Ökonomie hat einen schlechten Ruf. Elementare Modelle haben in der Finanzkrise versagt. Insbesondere das Ideal des effizienten Marktes, welcher die Wirtschaft wie eine «unsichtbare Hand» lenken sollte. Die Ökonomen gelten überdies als abgehoben und weltfremd. Sie argumentieren oft mit abstrakten Theorien, die kein Normalbürger je begreifen kann.

Deshalb bin ich der Meinung, die Ökonomen müssten sich viel stärker um die alltäglichen Probleme der Leute kümmern. Und sie sollten ihre Gedanken so formulieren, dass sie für jedermann verständlich sind. Von diesen beiden Prinzipien haben wir uns leiten lassen, als wir diesen Blog lanciert haben:

Praxisbezug statt graue Theorie. Klar nachvollziehbare Argumente anstelle von pseudowissenschaftlichem Kauderwelsch.

Zwei Persönlichkeiten haben als Inspirationsquellen für diesen Blog gedient. Zum einen Gottlieb Duttweiler, der 1925 die Migros und 1958 die Migros Bank gegründet hat. Der Unternehmer war ein grosser Verfechter des «sozialen Kapitals». Sein Leitsatz lautete: «Der Wille zum Dienen soll der Schlüssel zum Verdienen sein.» Dieses Credo ist gerade heute aufgrund der massiven wirtschaftlichen Umbrüche wieder von besonderer Aktualität. So schrieb Duttweiler bereits vor 60 Jahren:

Man kommt auch dort auf die Rechnung, wo das Herz regiert, wo der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht allein die kaltschnäuzige Rechnung mit dem Franken.

Die zweite prägende Person ist Friedrich August von Hayek, der 1974 den Nobelpreis für Ökonomie erhielt. Er hatte stets davor gewarnt, die Ökonomie als eine exakte Wissenschaft, wie zum Beispiel die Physik, zu behandeln. Denn das Verhalten der Menschen lässt sich nicht vorausberechnen. Hayek mahnte die Ökonomen zur Bescheidenheit und geisselte die «Anmassung von Wissen» (so der Titel seiner Rede zum Nobelpreis):

Die eigentliche Aufgabe der Ökonomie besteht darin, dem Menschen vor Augen zu führen, wie wenig er über das weiss, was er meint planen zu können.

Hayek kämpfte gegen einen übertriebenen Machbarkeitsglauben. Genau das aber ist heute immer öfter zu beobachten, beispielsweise in der Geldpolitik oder bei der Forderung, das Bargeld abzuschaffen.

«Herz» und «Bescheidenheit»: Diese beiden Grundsätze versuchte ich beim Verfassen meiner Blog-Beiträge zu befolgen. Bei insgesamt 140 Kolumnen ist das nicht immer gleich gut geglückt. Umso mehr habe ich mich über die vielen hundert Blog-Kommentare von Ihnen gefreut, welche mir stets wertvolle Rückmeldungen und Inputs geliefert haben. Für Ihr Interesse, liebe Leserinnen und Leser, möchte ich Ihnen deshalb herzlich danken.

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13 Kommentare zu Für eine Ökonomie mit Herz

  1. Besten Dank für Ihre prägnanten Analysen & Kommentare, Herr Steck.
    Schade, dass Sie „aufhören“ und offenbar die Migros Bank verlassen.

    Alles Gute!

  2. Ja da werden die Leser wieder einmal für dumm verkauft! Bitte, was hat denn die heutige Migros noch mit Gottlieb Duttweiler zu tun?

  3. Lieber Herr Steck
    Danke für Ihre Kolumnen, insbesondere die letzte die das Herz hervorhebt und den allzu selbstsicheren Verstand in Schranken weist. Ich hoffe, dass auch einige Ökonomen Ihren Blog lesen; mögen die Worte Ihrer letzten Kolumne bei ihnen nachhall finden.
    Alles Gute wünsche ich Ihnen. Danke.

  4. Auch ich gehöre zu den Leserinnen, die Ihre vernünftigen, nicht abgehobenen Beiträge zum aktuellen Wirtschaftsgeschehen geschätzt haben. Mit Ihrem letzten Beitrag sprechen Sie mir aus dem Herzen. Ich bin zwar auch eine sog. ‚ Ökonomin‘ weiss aber zu gut, dass wir nicht so rational handeln wie in den Theorien vielfach vorausgesetzt wird und der andere wichtige Entscheidungsfaktor ‚ die Psyche‘ schwer vorauszusagen ist. Deshalb werden die Wirtschaftsprognosen immer auch ein Element ‚Zufall‘ im Spiel haben. Hoffen wir, dass Ihre Nachfolgerin diese Wahrheiten in ihrer Kolumne berücksichtigen und bescheiden und vernünftig bleiben wird. Ihnen Alles Gute! ( verraten Sie evtl wohin Sie gehen und ob man Ihre wertvollen Tipps woanders lesen darf?)

  5. Duttweilers Leitsätze tönen auch heute noch gut. Das Problem ist nur, dass die Migros diese nicht mehr zu Herzen nimmt. Für einige Geschäftspraktiken der Migros und ihrer Tochterunternehmen genügt der zitierte Begriff „kaltschnäuzig“ nicht mehr. Herzlos wäre hier angebracht. Beispiel: Die gut funktionierende, gut bewertete Migros Versicherung wurde aus Renditegründen an eine Gesellschaft verkauft, für die Kulanz ein Fremdwort ist. Die Versicherungskunden wurden an die neue Gesellschaft verschoben. Diese neue Gesellschaft kämpft nun mit viel härteren Bandagen. Man kann der Migros bestenfalls zubilligen, dass die Migros nicht mit denselben Methoden operieren wollte.
    Zweites Beispiel: Die Migros arbeitet im Kreditkartengeschäft mit der Cembra Bank zusammen. Die ehemalige Besitzerin der Cembra Bank ist General Electric. Insidern ist bekannt wie sich GE bezüglich Steuervermeidung verhält. Dazu ein Artikel im Tages Anzeiger (http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/standardals-der-wert-einer-schweizer-firma-ploetzlich-explodierte/story/16574523). Fazit: Die Migros trennt sich von problematischen Geschäftsfeldern und kann damit ihr reines Herz behalten.

  6. Welch ein Zufall. Gestern habe ich im Kurs Buchbinden/Kartonage erfahren, dass der Kurs aus Kosten/ Nutzen Gründen von der Klubschule Zürich nicht weitergeführt wird. Heute gelesen im M Magazin“….wo der Mensch im Mittelpunkt steht ind nicht…..die Rechnung mit dem Franken“

  7. Sehr geehrter Herr Steck
    Ich schliesse mich den obigen Kommentaren an. Schade, dass Sie aufhören. Ich werde Ihre unaufgeregten, sachlichen Kommentare vermissen. Mögen mehr Ökonomen, insbesondere auch Ihre Nachfolgerin, den von Ihnen genannten Leitmotiven folgen.
    Weil die MigrosBank innerhalb ähnlichen Vorstellungen arbeitet, habe ich „mein Geld ihr anvertraut“.

  8. Sehr geehrter Herr Steck
    Ich danke Ihnen für Ihre Kommentare, die ich stets sehr klar und anregend geschrieben fand. Mir scheint, die beiden Leitmotive, die Sie zitieren — Gottlieb Duttweiler’s Anmahnung der dienenden Aufgabe des Kapitals als „soziales Kapital“ und Friedrich v. Hayek’s Warnung vor der „Anmassung des Wissens“ — fassen den Sinn und Geist Ihrer Beiträge treffend zusammen. Sie werden mir fehlen.
    Alles Gute für Ihren weiteren Weg, unf freundliche Grüsse.

  9. Die wohlbegründeten Argumente von Herrn Steck habe ich immer sehr geschätzt. Ich (78) und sicher viele andere an der Wirtschaft interessierte Leute wären froh, ihm andernorts wieder zu begegnen.

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