Endlich ein Zinsanstieg: Wird jetzt alles gut?

Nach einer langen Geduldsprobe ist es so weit: In den USA geht die Ära der Nullzinsen zu Ende. Für die Schweiz ist das im Prinzip eine gute Nachricht. Doch leider ist der weitere geldpolitische Ausblick nicht besonders ermutigend. Was der Zinsschritt konkret bedeutet, lesen Sie hier.

Der Anstieg der US-Leitzinsen sorgt weltweit für einen riesigen Wirbel. Ist diese Reaktion nicht übertrieben, wenn man bedenkt, dass es lediglich um eine Zinserhöhung von 0,25 Prozent geht?

Auf den ersten Blick erscheint diese Aufregung tatsächlich übertrieben. Doch die US-Notenbank (Fed) hat den Schritt selber zu einem fast schon epochalen Ereignis hochstilisiert – und zwar durch ihre allzu zögerliche Vorgehensweise. Sie hatte einen Zinsanstieg nämlich immer wieder in Aussicht gestellt und dann jeweils doch abgeblasen. Zum Beispiel knüpfte die Notenbank eine Zinserhöhung an die Bedingung, dass die Arbeitslosigkeit in den USA unter die Marke von 6,5 Prozent sinkt. Dies wäre eigentlich bereits im Frühjahr 2014 der Fall gewesen (aktuell liegt die Arbeitslosigkeit bei 5 Prozent). Die Fed-Verantwortlichen begründeten die Verschiebungen jeweils damit, dass die Wirtschaft höhere Zinsen noch nicht verkraften könne.

Was sind denn die Folgen dieser zögerlichen Haltung?

Indem das Fed stets erklärte, dass die Wirtschaft zu schwach sei für einen höheren Leitzins und die Nullzinsphase ausdehnte, sind die Staaten und Märkte tatsächlich immer abhängiger von der ultraexpansiven Geldpolitik geworden. Mittlerweile ist der Patient dermassen vollgepumpt mit der Medizin der Notenbanken, dass eine Entwöhnung für ihn je länger desto gravierendere Folgen mit sich bringt. Besonders seit 2014 hat sich diese unheilvolle Entwicklung akzentuiert:

Angestachelt durch das Fed haben auch die Zentralbanken von Europa und Japan ihre Geldschleusen immer weiter geöffnet.

Sie konnten dies als Erfolg verbuchen, weil sie damit ihre Währungen auf Talfahrt schickten, was die Exportwirtschaft antrieb. Dies setzte jedoch einen globalen Abwertungswettlauf in Gang – mit dem bekannten Effekt, dass die Schweizerische Nationalbank beim Euro-Mindestkurs kapitulierte.

Dass nun wenigstens das Fed von der Nullzinspolitik wegkommt, ist also eine positive Nachricht für die Schweiz?

Auf jeden Fall. Steigende Zinsen in den USA haben zur Folge, dass der Dollar an Attraktivität gewinnt. Und dies wiederum reduziert den Aufwertungsdruck auf den Franken. Wie die Grafik zeigt, hat der Dollar gegenüber dem Franken schon seit Oktober spürbar angezogen. Das ist Balsam für die Schweizer Exportindustrie, welche stark unter der Abwertungspolitik der Europäischen Zentralbank leidet. Von den Verkäufen im Ausland entfallen rund zwei Drittel auf den Euro-Raum, während ein Drittel in Dollar abgewickelt wird. Vor allem der Handel mit Asien erfolgt in der US-Währung. Somit kann ein starker Dollar den Währungsnachteil beim Euro teilweise kompensieren. Hier ist allerdings zu berücksichtigen, dass die KMU stärker auf den Euro-Raum ausgerichtet sind als die Grosskonzerne und daher weniger von der Dollaraufwertung profitieren.

Der starke Dollar hilft der Schweizer Wirtschaft
Quelle: Bloomberg

Wie gross ist nun der Spielraum für eine weitergehende Aufwertung des Dollars?

Zwar erwarte ich, dass der Aufwärtstrend des Dollars vorerst weitergeht. Doch der Spielraum ist kleiner, als von vielen Marktteilnehmern angenommen. Hier rächt sich nun, dass die US-Notenbank die Zinserhöhung allzu lang hinausgezögert hat. Denn dadurch haben sich die globalen Ungleichgewichte aufgrund der Nullzinspolitik weiter verschärft. Dies hat jetzt zur Folge, dass eine übermässige Dollaraufwertung eine neue globale Finanzkrise auslösen könnte. Die Gefahrenstelle liegt diesmal in den Emerging Markets, welche ohnehin schon mit grossen konjunkturellen Problemen kämpfen. In den Emerging Markets haben die Staaten, aber auch viele Unternehmen, zu günstigen Konditionen hohe Kreditsummen in Dollar aufgenommen.

Die Dollarschulden aus diesen Ländern haben sich innert weniger Jahre auf über 3000 Milliarden Dollar verdoppelt.

Vor allem bei den chinesischen Firmen ist das Volumen mit 1000 Milliarden Dollar bereits gefährlich hoch. Wertet sich die US-Währung gegenüber der lokalen Währung in diesen Ländern zu stark auf, dann können diese Schuldner ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen. Umgekehrt sind viele dieser Länder zu schwach, um ihre eigene Währung parallel zum Dollar aufzuwerten, weil sie damit ihre angeschlagene Wirtschaft noch mehr bremsen würden. Weitere Informationen dazu finden Sie im Beitrag «Welche Schuldner nun zittern müssen».

Wie gut könnte denn die US-Wirtschaft einen stärkeren Dollar verkraften?

Auch dieser Faktor spricht gegen eine rasche weitere Erhöhung der Leitzinsen durch die amerikanische Notenbank. Nachdem die US-Firmen ihre Gewinnmargen auf neue Rekordstände gehievt haben, ist diese Entwicklung nun ins Stocken geraten.

Im dritten Quartal 2015 sind die kumulierten Gewinne der 500 grössten Konzerne im Jahresvergleich um 3 Prozent geschrumpft.

Das ist der kräftigste Rückgang seit 2009. Die exportorientierten Unternehmen spüren – wie die Schweizer Firmen auch – die Abwertung beim Euro und Yen. Mit der Strategie, die eigene Währung zu schwächen, bleiben die Notenbanken also gefangen in ihrer Tiefzinspolitik. Das lässt sich zum Beispiel in Grossbritannien beobachten: Obwohl dort eine Leitzinserhöhung schon längst angezeigt wäre, schreckt die Bank of England davor zurück, weil sie eine Aufwertung des Pfund fürchtet. Ungewiss ist nun insbesondere die Reaktion Chinas auf den starken Dollar. Die chinesische Währung Yuan ist ja seit Jahren eng an den Dollar gebunden. Entscheidet sich die Regierung in Peking dafür, den Yuan analog zum Euro und dem japanischen Yen abzuwerten, dann würde die Welt mit noch mehr günstigen Waren aus China überschwemmt. Und die deflationären Tendenzen, welche die Notenbanken eigentlich bekämpfen wollten, nähmen im Endeffekt sogar noch zu.

Das bedeutet für die Schweiz, dass der Aufwertungsdruck beim Franken hoch bleibt und auch die negativen Leitzinsen noch für längere Zeit andauern werden?

Das Fed hat der Schweizer Wirtschaft zwar etwas mehr Luft verschafft, aber die Lage bleibt schwierig. Vor allem den negativen Leitzins von -0,75 Prozent beurteile ich als problematisch. Die Schweiz spielt in diesem Punkt eine Art Versuchslabor für die anderen Notenbanken. Weil die praktischen Erfahrungen mit Negativzinsen bislang fehlen, möchten die Zentralbanken gerne wissen, bis zu welchem Punkt die Geldpolitik hier gehen kann. Vor allem geht es um die Frage, ab welchem Zinssatz die Sparer ihr Geld vom Konto abziehen und mit dem Horten von Bargeld beginnen. Wenn nun zum Beispiel die Europäische Zentralbank zum Schluss kommt, dass die Schweiz einen Negativzins von -0,75 Prozent gut verkraftet hat, dann wird sie eher versuchen, den Leitzins ebenfalls so weit zu senken. Als Reaktion könnte die Schweizerische Nationalbank den Negativzins dann noch tiefer ansetzen, um eine Aufwertung des Frankenkurses zu verhindern.

Die Gefahr besteht allerdings, dass damit die „Schmerzgrenze“ irgendwann überschritten wird, was zu einer Flucht ins Bargeld und einem massiven Vertrauensverlust führen würde.

Mit der nun erfolgten Zinserhöhung des Fed besteht allerdings die berechtigte Hoffnung, dass dieses ungünstige Szenario nicht eintreten wird.

Ähnliche Beiträge

Schreiben Sie einen Kommentar

Wir sind an einer offenen Diskussion in den Kommentaren interessiert. Die Kommentare sollen jedoch einen fachlichen Bezug zum Beitragsthema haben. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder