Ein Riesenschritt für Chinas Anleihenmarkt

Die Öffnung der chinesischen Finanzmärkte schreitet voran: Seit April 2019 ist der Weg für Chinas Aufnahme in die weltweit grossen Anleihenindizes geebnet.

Der Handelsstreit zwischen China und den Vereinigten Staaten beherrscht weltweit die Finanzschlagzeilen. Dessen ungeachtet baut die Volksrepublik Marktbarrieren ab und öffnet ihre Finanzmärkte für ausländische Anleger weiter. Im April wurden chinesische Obligationen, die auf die Landeswährung Renminbi lauten, erstmals in den Anleihenindex «Bloomberg Barclays Global Aggregate Index» aufgenommen. Nach der letztjährigen Aufnahme chinesischer A-Aktien in die MSCI-Indizes ist die Eingliederung in den Anleihenindex für Peking ein weiterer Meilenstein bei der Liberalisierung und Modernisierung der lokalen Finanzmärkte. Denn der chinesische Kapitalmarkt und der Renminbi werden durch diese Einbindung besser in den globalen Finanzsektor integriert.

Wichtiger Referenzwert

Die Aufnahme chinesischer Bonds erfolgt schrittweise über einen Zeitraum von 20 Monaten. Nach Abschluss des Verfahrens werden chinesische Anleihen mit einer Gewichtung von rund 6 Prozent im Index vertreten sein. Zu diesem Zeitpunkt wird der Renminbi nach dem US-Dollar, dem Euro und dem Yen die viertgrösste Währungskomponente darstellen. Im Zuge der Einbindung werden zusätzliche ausländische Anlagegelder in den chinesischen Bondmarkt fliessen. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds wird der Zufluss während der Einführungsphase rund 90 bis 130 Milliarden US-Dollar betragen. Wenn andere wichtige Obligationen-Indexanbieter wie FTSE (mit dem «FTSE World Government Bond Index») und JPMorgan (mit dem «JPMorgan Government Bond Index-Emerging Markets») dem Marktdatenanbieter Bloomberg folgen, könnte dies zu einem Zustrom von weiteren 130 bis 180 Milliarden US-Dollar führen.

Der Bloomberg Barclays Global Aggregate Index dient vielen internationalen Fondsmanagern und institutionellen Investoren als Referenzwert. Für ausländische Portfolio-Manager eröffnet sich durch Chinas Einbindung die Möglichkeit, ihre Portfolios weiter zu diversifizieren und dabei von den höheren Renditen chinesischer Staatsanleihen zu profitieren. Zehnjährige Staatsanleihen aus China rentierten am 27. Mai rund 3,338 Prozent, verglichen mit 2,32 Prozent bzw. -0,07 Prozent bei amerikanischen und japanischen Staatsanleihen. Über die vergangenen Jahre haben chinesische Anleihen kaum mit amerikanischen Schatzpapieren oder anderen wichtigen Staatsanleihen korreliert. Da der Anteil ausländischer Marktteilnehmer in Chinas Bondmarkt kontinuierlich zunehmen wird, dürfte sich dies künftig allmählich ändern.

Renditen von Staatsanleihen mit Laufzeit 10 Jahre

Quelle: Reuters

Passiv in China-Anleihen investiert

Zudem bildet dieser Obligationenindex die Basis für eine Vielzahl passiver Finanzprodukte wie die börsengehandelten Indexfonds (Exchange Traded Funds; ETF), die diesen Index möglichst präzise nachbilden. IWF-Angaben zufolge sind weltweit Anlagegelder von insgesamt rund 2,5 Billionen US-Dollar daran gebunden. Ein ETF auf einen Anleihenindex hält entsprechend der Index-Gewichtung Anteile an allen Obligationen, die in diesem Index enthalten sind. Der Investor erwirbt mit einem solchen Produkt eine Position in allen Anleihen, ohne dass er jede einzelne Obligation kaufen müsste.

Dies bietet den Vorteil, dass die Anlage gut diversifiziert und das Risiko breit gestreut ist. Anleger, die in diesen Index investiert haben, werden somit zunehmend in chinesischen Staatsanleihen und Obligationen der staatlich kontrollierten Banken engagiert sein: In den Bloomberg Barclays Global Aggregate Index werden 364 Anleihen des chinesischen Staats und sogenannter «Policy Banks» wie China Development Bank, Agricultural Development Bank of China und Export-Import Bank of China aufgenommen (Banken, die zur Unterstützung der Entwicklungspläne der chinesischen Regierung eingerichtet wurden).

Weltweit drittgrösster Obligationenmarkt

Der chinesische Bondmarkt ist vergleichsweise jung und teilweise nicht so weit entwickelt wie die westlichen Anleihenmärkte. Die ersten Staatsanleihen wurden zwar schon 1954 eingeführt. Aber erst 1983 wurden erstmals Anleihen von einem Staatsunternehmen emittiert, um die nationale Entwicklungsstrategie der Regierung zu finanzieren. Im Zuge des rapiden Wirtschaftswachstums seit den Neunzigerjahren ist Chinas Obligationenmarkt allerdings rasch gewachsen. Das Gesamtvolumen der ausstehenden chinesischen Anleihen betrug Ende 2018 bereits rund 85,7 Billionen Renminbi oder umgerechnet etwa 12,5 Billionen US-Dollar. Damit ist Chinas Bondmarkt der drittgrösste weltweit, nurmehr übertroffen vom amerikanischen und japanischen Anleihenmarkt. Das Marktvolumen entsprach Ende 2018 etwa 95,2 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung. Im Vergleich zu den westlichen Industriestaaten ist dies nach wie vor eine geringe Quote. Dies lässt vermuten, dass der lokale Anleihenmarkt über die kommenden Jahre weiterhin rasch wachsen dürfte.

Da die Volksrepublik eine staatlich kontrollierte Volkswirtschaft ist, sind die Emittenten mehrheitlich der Staat selbst oder staatsnahe Finanzinstitute und Unternehmen. Trotz der Marktgrösse sind chinesische Obligationen in internationalen Portfolios bislang aber untervertreten. Schätzungen zufolge werden gegenwärtig nur etwa zwei Prozent der chinesischen Schuldpapiere von Ausländern gehalten. Sie sind mehrheitlich in Staatsanleihen und Obligationen staatsnaher Finanzinstitute investiert. Insbesondere ausländische Zentralbanken dürften sich künftig noch stärker in chinesische Staatsanleihen engagieren, um ihre Fremdwährungsreserven besser zu diversifizieren. Das zeigt sich unter anderem daran, dass der Anteil des Renminbi an den globalen Währungsreserven in den vergangenen Jahren stetig zugenommen hat.

Ausländer sind an Chinas Bondmarkt bislang unvertreten

(Ausländischer Kapitalbesitz in Prozent des Gesamtvolumens der ausstehenden Obligationen am jeweiligen Bondmarkt)

Quelle: IWF

Auch der chinesische Privatsektor wird von der Liberalisierung des Obligationenmarkts profitieren, beispielsweise durch eine breitere Palette an Finanzierungsmöglichkeiten und einer allgemein besseren Marktliquidität. Allerdings gehören chinesische Gesellschaften mittlerweile zu den am höchsten verschuldeten Unternehmen weltweit, und die Transparenz vieler dieser Gesellschaften ist mangelhaft. Ein gut funktionierender Kapitalmarkt ist für die weitere Entwicklung der Volksrepublik jedoch notwendig. Weitere Liberalisierungsschritte werden daher folgen.

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1 Kommentar zu Ein Riesenschritt für Chinas Anleihenmarkt

  1. Danke für den Artikel. China öffnet sich weiter und hat technologisch dem Westen gegenüber bereits riesige Fortschritte. Ich hoffe, ein mobiles Zahlungsmittel wie WeChat wird auch bald in der Schweiz vorhanden sein. Damit kann man in China eifach und ÜBERALL bezahlen.

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