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Die US-Wirtschaft kehrt 2021 zur Normalität zurück

Welche US-Wirtschaftsthemen werden die Anleger im neuen Börsenjahr beschäftigen? Der designierte US-Präsident Joe Biden muss sich wichtigen Wirtschaftsdossiers stellen.

Vor allem zwei Faktoren bestimmen das weitere Erholungstempo der US-Wirtschaft in den kommenden Monaten: der Verlauf der Corona-Pandemie und der Umfang des nächsten Konjunkturprogramms. Kurzfristig beeinträchtigen hohe Infektionsraten und strengere Restriktionen das Wirtschaftsleben. Wie Mobilitätsindikatoren für verschiedene Metropolen zeigen, schränken US-Bürger ihre Aktivität weiterhin ein. Ein ähnlich strenger Lockdown wie in einigen europäischen Ländern erscheint derzeit in den USA aber unwahrscheinlich. Da die Impfstoffentwicklung schneller voranschreitet als ursprünglich erwartet, werden sich die Konjunkturaussichten mittelfristig aufhellen. Die Migros Bank erwartet in ihrem Basisszenario für 2021 ein BIP-Wachstum von 3,5 Prozent. Kommt es zu keinen nennenswerten Rückschlägen bei der Wirksamkeit und der Verteilung der Corona-Impfstoffe, könnte das Wirtschaftswachstum auch höher ausfallen.

Deutliche Erholung vom Konjunktureinbruch

Grafik: Deutliche Erholung vom Konjunktureinbruch

Der Konsum erholt sich

Der Zeitpunkt des neuen Konjunkturpakets ist schwer abschätzbar. Der Umfang wird derzeit auf knapp 1 Bio. US-Dollar geschätzt. Der Einzug der Demokraten ins Weisse Haus macht Hoffnung auf ein umfangreicheres Stimulusbündel. Wenn die Republikaner die Kontrolle über den Senat behalten, schränkt dies die Handlungsfähigkeit der neuen Administration ein. Am 5. Januar 2021 werden die letzten beiden Senatoren in einer Stichwahl gewählt. Wichtig ist diese Wahl, weil sie über die Mehrheitsverhältnisse im Senat entscheidet. Gewinnen die Republikaner, könnte im gegenwärtigen parteipolitischen Klima ihre Senatsmehrheit der Regierung Biden das Leben erschweren. Sie könnten womöglich nur einem kleineren Paket zustimmen. 

Eine Fortsetzung der Arbeitslosenunterstützung bleibt indes wahrscheinlich, ebenso eine weitere Runde von Geldschecks an die Haushalte. Ein solcher Impuls sollte den US-Konsum in der ersten Jahreshälfte stützen. Das voraussichtliche Eintreffen von Corona-Impfstoffen im ersten Semester dürfte dem Privatkonsum ab der zweiten Jahreshälfte Auftrieb verleihen. Im ersten Quartal werden wohl erst Hochrisikogruppen Zugang haben. Gemäss dem US-Chefvirologe Anthony Fauci könnte die Impfkampagne bereits ab dem zweiten Quartal auf die breite Bevölkerung ausgeweitet werden. 

Die US-Notenbank hält die Zinsen tief

Angesichts eines wahrscheinlich geteilten Kongresses wird es in den USA wohl nur wenige bedeutende Gesetzesänderungen geben. Eine substanzielle Erhöhung der Unternehmenssteuern, wie von Joe Biden im Wahlkampf gefordert, ist mit einem republikanischen Senat kaum durchsetzbar. Umso mehr rücken die US-Notenbank und die Zinsen in den Fokus. Das Fed wird den Finanzmärkten und der Wirtschaft weiterhin Unterstützung leisten, die Leitzinsen werden aufgrund der lockeren Geldpolitik und der moderaten Inflationserwartungen tief bleiben. Da sich das Fed neu an einem flexibleren, durchschnittlichen Inflationsziel (Average Inflation Target) orientiert, ist eine Zinserhöhung auf absehbare Zeit wohl kein Thema. Das Tiefzinsumfeld hilft den Unternehmen, sich von der Corona-Rezession zu erholen.

Tiefzinsumfeld begünstigt die Konjunkturerholung

Grafik: Tiefzinsumfeld begünstigt die Konjunkturerholung

Abkehr von sicheren Häfen belastet den Dollar

Obschon sich die US-Wirtschaft gut entwickeln dürfte, bleibt der Dollar unter Druck. Eine weltweite Konjunkturerholung erhöht die Risikobereitschaft der Investoren, Kapital aus einem «sicheren Hafen» in andere Währungsräume umzuschichten, die von einer wachsenden Weltwirtschaft stärker profitieren. Dazu gehören Rohstoff- und Schwellenländer sowie Volkswirtschaften, die stark auf den Welthandel ausgerichtet sind. Gegen den Dollar spricht auch, dass sein Zinsvorteil im Zuge der Corona-Krise geschwunden ist. Gegenüber dem Euro sieht die Migros Bank den Dollar auf Sicht von zwölf Monaten leicht tiefer bei 1.23; zum Schweizer Franken wird er sich auf 0.88 abschwächen. Von einem schwächeren Dollar profitieren exportorientierte US-Unternehmen, da sich ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt erhöht.

Der Dollar hat kräftig nachgegeben

Grafik: Der Dollar hat kräftig nachgegeben

US-Aktien weiter aufwärtsgerichtet

Tiefe Zinsen, niedrige Inflation und Fiskalstimulus begünstigen Risikoanlagen wie Aktien. Im Zuge der Konjunkturerholung werden sich in den USA die Unternehmensgewinne und -investitionen im Jahresverlauf weiter verbessern. Der marktbreite Leitindex S&P 500 wird daher seine Aufwärtstendenz beibehalten. Nach den kräftigen Kursfortschritten seit dem Corona-Tief und aufgrund der sportlichen Bewertung ist das Aufwärtspotenzial an der Wallstreet aber geringer als an den europäischen Börsen oder in den Schwellenmärkten. Mit einem Jahresplus von rund 6 Prozent im S&P 500 wird unserer Prognose zufolge auch 2021 ein gutes Börsenjahr für US-Aktienanlagen. Die bisherigen Krisengewinner wie die Technologietitel werden allerdings vermehrt Gegenwind spüren, da die Bewertungen der ökonomischen Realität teilweise zu weit davongeilt sind. Die Migros Bank favorisiert daher zyklische Werte, die besonders stark von der Wirtschaftserholung profitieren.

US-Aktien im Aufwärtstrend

Grafik: US-Aktien im Aufwärtstrend

Rückkehr zur Vor-Trump-Ära unwahrscheinlich

Geopolitisch sind die Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China eines der wichtigsten Themen, das Investoren im Anlagejahr 2021 beschäftigen wird. Unter dem neuen US-Präsident Joe Biden werden sich die politischen Beziehungen zur Volksrepublik wahrscheinlich verbessern. Er dürfte diplomatischer vorgehen als Donald Trump – und wohl weniger auf Handelszölle als Strafmassnahme setzen. Damit zeichnet sich eine leichte Entspannung im bilateralen Verhältnis zwischen Washington und Peking ab, was andere politische Risiken in Asien ein Stück weit verringert. Eine Erholung der sino-amerikanischen Beziehungen auf das Niveau vor der Trump-Ära zeichnet sich aber nicht ab. Nach Trumps harter Linie gegenüber Peking kann es sich Biden kaum leisten, in Handels- und Wirtschaftsfragen allzu sehr nachzugeben. Darauf deutet bislang auch kaum etwas hin. Biden wird fest entschlossen sein, Chinas zunehmender Dominanz auf geopolitischer Ebene entgegen zu treten.

Washington meldet sich zurück

In den USA besteht ein breiter Konsens für distanzierte Beziehungen zu China. Traditionell stehen Demokraten Handelsabkommen auch skeptischer gegenüber als Republikaner. Die US-Aussenpolitik dürfte sich unter Biden wieder verstärkt Themen wie Menschrechte und Demokratie widmen. Spannungsfelder wie Hongkong, Taiwan und Pekings Uigurenpolitik rücken daher wohl vermehrt in den Vordergrund. Zudem wird Biden bestrebt sein, das derzeit angeschlagene Vertrauen bei den wichtigsten US-Bündnispartnern aufzubauen und die traditionelle Führungsrolle der USA in Institutionen wie der Nato, der Welthandelsorganisation (WTO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wiederherzustellen. Unter seiner Führung werden die USA auch wieder in das Pariser Klimaschutzabkommen zurückkehren. In Peking wird eine intensivere US-Einflussnahme auf der Weltbühne jedoch aufmerksam und teilweise argwöhnisch beobachtet werden, was zu Verstimmungen und zeitweiligen Streitigkeiten führen kann. Trotz der sich abzeichnenden Entspannung bleiben die beiden Grossmächte auch künftig in etlichen Bereichen Rivalen.

Beziehungen zur EU bessern sich

Um ein starkes Gegengewicht zu China zu schaffen, braucht Biden internationale Allianzen. Nach dem Flurschaden, den Trump teilweise auf dem internationalen Parkett verursacht hat, wird es keine einfache Aufgabe, das Vertrauen der Bündnispartner zurückzugewinnen. Vor diesem Hintergrund rückt auch der Zollstreit mit der Europäischen Union (EU) ins Rampenlicht. Washington und Brüssel zeigen sich an einer Verbesserung der gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen interessiert. Eine Entspannung im Handelskonflikt mit der EU scheint sich anzubahnen, ein automatischer Frieden ist nach der Abwahl von Trump aber nicht gesichert. Von einer Beilegung des Handelsstreits würde indirekt auch die Schweizer Volkswirtschaft profitieren. Die EU ist der wichtigste Handelspartner der Schweiz.

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