Die US-Börse im Zeichen der Präsidentschaftswahlen

Alle vier Jahre können die US-Präsidentschaftswahlen einen grossen Einfluss auf die Politik, Regulierung sowie die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen ausüben. Aber wie wirken sich die Wahlen auf den US-Aktienmarkt aus?

Am 3. November wählen die USA ihren 46. Präsidenten. Wer wird gewinnen? Weitere vier Jahre Donald Trump? Oder mit Joe Biden doch ein Demokrat als neuer Präsident? Ein Blick zurück zeigt: Im Rennen um das Weisse Haus spricht die Historie für den amtierenden Präsidenten. Seit 1932 wurden fast drei Viertel der Amtsinhaber wiedergewählt.  

Gegenwärtig liegt der Demokrat Biden in den nationalen Umfragen deutlich in Führung. Er hat momentan einen klar grösseren Vorsprung auf Trump als Hillary Clinton im Sommer 2016. Fänden heute Wahlen statt, wäre Biden der grosse Favorit. Umfragen zur Wahl des Kongresses favorisieren derzeit ebenfalls die Demokraten. Bis zum 3. November ist aber noch ein langer Weg. Wahlen und Wahlkämpfe sind stets im Fluss, mit Wendungen und Wendepunkten selbst in normalen Zeiten. Es wird daher spannend bleiben, erst recht in einem aussergewöhnlichen Jahr wie 2020, in dem die Corona-Krise die US-Wirtschaft hart getroffen hat. Und nicht zuletzt: 2016 lagen die Umfrageergebnisse weit daneben.  

Rezessionen mindern die Wahlchancen

«It’s the economy, stupid!» – mit diesem Wahlkampf-Slogan gewann Bill Clinton 1992 die US-Präsidentschaftswahlen. Die US-Konjunktur hat einen grossen Einfluss auf den Ausgang der Präsidentschaftswahlen. Durchlief die US-Wirtschaft ein oder zwei Jahre vor der Wahl eine Rezession, unterlag der amtierende Präsident mehrheitlich dem Herausforderer. Gab es während der Amtszeit keine Rezession, ist nach Angaben der US-Grossbank J.P. Morgan seit 1932 allen amtierenden Präsidenten die Wiederwahl gelungen. So betrachtet sind Trumps Wahlperspektiven durchzogen, zumal auch das Krisenmanagement seiner Administration während der Corona-Pandemie und der sozialen Unruhen nicht überzeugte.

Trotzdem ist das Präsidentschaftsrennen wohl noch nicht gelaufen. Wenn sich die US-Konjunktur weiter verbessert, ein Corona-Impfstoff unterwegs ist und der massive Stimulus der US-Regierung bzw. der Notenbank die Finanzmärkte weiter in die Höhe treibt, könnten sich Trumps Chancen verbessern. Eine Wirtschaft, die im Spätherbst weiterhin darum kämpft, aus der Rezession zu kommen, und erneute Einbussen am Aktienmarkt würden hingegen den ehemaligen Vizepräsidenten Biden begünstigen.

Volatil, aber gut

Wahlen sind stets mit Unwägbarkeiten verbunden. Neue Regierungen haben neue Ideen, die sich unter anderem auf die Beschäftigung, Steuern und Regulierung auswirken können. Dies hat in der Regel auch Konsequenzen für die Unternehmensgewinne. Daher fällt die Volatilität des S&P 500 Index in Wahljahren auch höher aus als in Jahren ohne Wahl. Bei der diesjährigen Wahl steht für die US-Unternehmen einiges auf dem Spiel. Eine Übernahme des Senats durch die Demokraten und ein Sieg Bidens könnten zu einer Erhöhung des Körperschaftssteuersatzes von 21 auf 28 Prozent führen. Darunter würde die Gewinnentwicklung der US-Unternehmen leiden.

Die vergangene Performance ist zwar kein Anhaltspunkt für die zukünftige Marktentwicklung, aber Börsenhistoriker blicken regelmässig auf die Aktienmarktrenditen zurück und versuchen, Muster zu erkennen. Wie hat sich der US-Aktienmarkt in Wahljahren entwickelt?

Wahljahre sind mehrheitich gute Anlegerjahre

Üblicherweise sind Wahljahre gute Anlegerjahre. Die US-Aktienmärkte haben seit 1928 das Wahljahr nur vier Mal mit einem Verlust abgeschlossen. Auch derzeit ist die US-Börse gut unterwegs, das Wahljahr trotz Corona-Crash doch noch in der Gewinnzone zu beenden. Im vierjährigen Wahlzyklus ist aber das dritte Jahr das durchschnittlich beste Börsenjahr. Auch dafür gibt es einen Erklärungsansatz: Die US-Notenbank tendierte im dritten Jahr des Wahlzyklus jeweils dazu, die Geldpolitik zu lockern.

Wenn ein Republikaner die Präsidentschaftswahl gewann, haben die US-Märkte jeweils tendenziell positiver reagiert. Denn die Wirtschaftspolitik der Republikaner gilt im Allgemeinen als marktfreundlicher. Gemessen an der Performance vom Wahltag bis zum Jahresende hat der S&P 500 in der jüngeren Vergangenheit aber auch demokratische Präsidenten wohlwollend aufgenommen. Die Ausnahme bildet 2008. Doch Barack Obamas Wahlsieg fiel mitten in die Finanzkrise.

Der S&P 500 Index im Zeichen der Präsidentschaftswahlen

Wie die Standardwerte entwickeln sich auch die Aktien von kleinkapitalisierten Unternehmen (Small Caps) in den Wochen nach der Wahl im Allgemeinen gut. Small Caps tendieren sogar dazu, besser abzuschneiden als Aktien mit hoher Marktkapitalisierung. Angesichts des höheren Beta der Nebenwerte ist es nicht überraschend, dass sie sich in einem fester tendierenden Gesamtmarkt leicht besser entwickeln sollten.

Demokratische Präsidenten schneiden langfristig besser ab

Läuft der Aktienmarkt auch über die gesamte Amtsperiode besser, wenn der US-Präsident ein Republikaner ist? Nein. Ein Blick zurück bis 1929 zeigt, dass die Renditen unter demokratischen Präsidenten gewinnbringender waren.

Der Dow Jones Industrial entwickelt sich unter demokratischen Präsidenten gut

Unter republikanischen Präsidenten ist das Kursbild durchzogen

Dass die Aktienrenditen höher waren, weil ein Demokrat die Präsidentschaft innehatte, ist aber eine irreführende Annahme. Denn die Aktienmärkte werden von einer Vielzahl von Faktoren wie Bewertungen, Unternehmensgewinnen, Konjunkturzyklen, Geldpolitik usw. beeinflusst. In einer zunehmend global vernetzten Wirtschaft spielen auch viele externe Faktoren auf geopolitischer und ökonomischer Ebene eine Rolle, auf die ein US-Präsident geringen oder mitunter gar keinen Einfluss hat.

Zuverlässiges Wahlbarometer

Investoren gehen vielfach davon aus, dass das Ergebnis einer Präsidentschaftswahl darauf schliessen lässt, wie sich der Aktienmarkt im darauffolgenden Jahr entwickeln wird. Häufiger jedoch gibt der Aktienmarkt einen Hinweis auf das Ergebnis einer Wahl. Nach Daten des US-Researchunternehmens LPL Financial sagt die Entwicklung des S&P 500 in den drei Monaten vor der Wahl oft vorher, ob der Amtsinhaber die Wiederwahl schafft.

So hat der Aktienmarkt seit 1928 den Sieger der Präsidentschaftswahlen in 87 Prozent der Fälle vorhergesagt, einschliesslich jeder Präsidentschaftswahl seit 1984. Wenn der S&P 500 in den drei Monaten vor der Wahl zulegte, gewann die amtierende Partei in der Regel; tendierten die Aktien schwächer, verlor die Regierungspartei üblicherweise. So war auch 2016 der Aktienmarkt das zuverlässigere Wahlbarometer als die Umfrageergebnisse, die Hillary Clinton bis zuletzt favorisierten. Der S&P 500 fiel in den drei Monaten vor der Wahl um 2,2 Prozent.

Die Studie zeigt zudem, dass der US-Aktienmarkt bei einem geteilten Kongress tendenziell am besten abgeschnitten hat. Der durchschnittliche Return des S&P 500 pro Jahr betrug bei einem geteilten Kongress 17,2 Prozent. Haben die Demokraten indes das Repräsentantenhaus und den Senat kontrolliert, schnitt die Wirtschaft mit einem BIP-Wachstum von 3,3 Prozent pro Jahr am besten ab.

Der US-Aktienmarkt bevorzugt einen geteilten Kongress (Zeitraum 1950 bis 2019)

Eine Faustregel besagt auch, dass sich US-Aktien in einer Amtsperiode, in welcher der Kongress von einer Partei dominiert wird und die Präsidentschaft von der anderen übernommen wird, besser entwickelt. Der Grundgedanke ist, dass diese Teilung ein Gleichgewicht schafft – und die Märkte dies mögen. Müssen sich Anleger nun sorgen, falls die Demokraten künftig den Kongress und das Weisse Haus kontrollieren sollten? Wie die nachfolgende Tabelle zeigt, scheinen solche Sorgen unberechtigt zu sein.

Wenn Demokraten das Weisse Haus und den Kongress kontrollieren

Investiert bleiben

Und welche Rückschlüsse sollten Anleger nun aus der Historie ziehen? Es ist klug, die Sektoren im Auge zu behalten, die am ehesten von den Präsidentschaftswahlen betroffen sein werden (wie derzeit etwa das Gesundheitswesen oder die IT-Branche). Aber es besteht kein Grund zur Panik wegen der Marktvolatilität oder des Wahlausgangs. Letztlich muss man beobachten, wie sich die Politik künftig auf die Binnen- und Weltwirtschaft auswirken wird. Denn langfristig ist die Konjunkturentwicklung wichtiger für die Aktienmärkte. Wie im Allgemeinen gilt auch für die Präsidentschaftswahlen: Ein Portfolio muss stets gut und breit diversifiziert sein, und Anleger sollten an einer längerfristigen Strategie festhalten, die für mehr als einen Wahlzyklus ausgelegt ist. Der beste Ratschlag ist wohl: Bleiben Sie investiert.

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Dieser Artikel stellt weder eine Offerte noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Anlageinstrumenten oder Transaktionen dar, sondern hat ausschliesslich beschreibenden, informativen Charakter. Die Migros Bank übernimmt keine Garantie für die Richtigkeit bzw. die Vollständigkeit der vorliegenden Informationen und lehnt jegliche Haftung für allfällige Verluste oder Schäden irgendwelcher Art ab, welche durch den Gebrauch dieser Information entstehen könnten.

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