Die Tücken eines «Short ETF»

Mit börsengehandelten Indexfonds lässt sich inzwischen fast jedes Anlagethema spielen. Auch auf sinkende Aktienkurse kann man wetten. «Short ETF» werden aber von vielen Privatanlegern missverstanden.

Die seit 2009 andauernde Aktienhausse ist einer der längsten Bullenmärkte der Börsengeschichte. Bullenmärkte sterben zwar nicht aufgrund ihrer Langlebigkeit, sondern wegen Spekulationsblasen, Schulden und unvorhersehbaren Schocks. Aber eine Kurskorrektur oder eine kräftige Abwärtsbewegung wie im Schlussquartal 2018 wird früher oder später erneut einsetzen, garantiert. Anleger können allerdings auch von fallenden Aktienkursen profitieren.

Traditionell nutzen Investoren Leerverkäufe oder Optionen, um auf sinkende Kurse zu wetten. Seit einigen Jahren gibt es jedoch auch sogenannte inverse Indexfonds, mit denen sich auf eine Abwärtsbewegung am Aktienmarkt spekulieren lässt. Die als «Short ETF» oder «Bear Fund» bezeichneten Anlageinstrumente haben in Investorenkreisen rasch an Popularität gewonnen. Sie bergen indes ein Risiko, das von vielen Privatanlegern missverstanden wird.

Gegenläufige Wertentwicklung

Ein ETF ist ein börsengehandelter Indexfonds, der einen zugrundeliegenden Index möglichst präzise nachbildet. Ein ETF auf den S&P 500 Index beispielsweise hält entsprechend der Index-Gewichtung Anteile an allen Unternehmen, die gegenwärtig im US-Leitbarometer enthalten sind. Die Kursentwicklung des ETF notiert stets sehr nahe an jener des zugrundeliegenden Index.

Ein inverser ETF dagegen spiegelt auf täglicher Basis die umgekehrte Wertentwicklung eines Index. Wenn also der Swiss Performance Index (SPI) an einem Handelstag um 1 Prozent sinkt, steigt der «Short ETF» um 1 Prozent – und umgekehrt. Es gibt zudem auch gehebelte inverse ETF, sogenannte «Inverse Leveraged ETF». Diese Produkte zielen darauf ab, ein Mehrfaches der inversen Indexbewegung zu erreichen, beispielsweise jeden Handelstag das 2-fache der inversen Indexrendite. Fällt der SPI im Tagesverlauf um 2 Prozent, steigt im Gegenzug ein «Inverse Leveraged 2x ETF» um 4 Prozent. Um solche Anlageergebnisse zu erzielen, verwenden inverse ETF in der Regel derivative Wertpapiere wie Swapvereinbarungen, Termingeschäfte, Terminkontrakte und Optionen.

Ein solches Produkt hört sich in Zeiten fallender Aktienmärkte als ideales Handelsinstrument an. Für versierte Finanzprofis oder Day Trader, die kurzfristig gegen einen Index wetten, sind diese Anlagevehikel auch sinnvoll und haben ihre Berechtigung. Aber für Privatanleger, die sich gegen einen Bärenmarkt wappnen und ihr Portfolio mit einem solchen Produkt über längere Zeit absichern wollen, sind diese Instrumente nicht geeignet. Denn die «Short ETF» liefern nicht das Resultat, das viele Privatinvestoren erwarten.

Negativer Zinseszinseffekt

Am besten lässt sich dies anhand mathematischer Beispiele illustrieren. Der Einfachheit halber verzichten wir dabei auf die Gebühren, die beim Handel mit ETF anfallen. Wir vergleichen einen «normalen» ETF mit seinem Gegenstück, dem inversen ETF. Beide Wertpapiere haben den gleichen zugrundeliegenden Index und kosten zu Beginn jeweils 100 Schweizer Franken.

«Normaler ETF»

  • Handelstag 1: Der ETF notiert zu Handelsbeginn bei 100 Franken. Der Index fällt im Tageshandel um 10 Prozent.
  • Handelstag 2: Der ETF startet nun bei 90 Franken. Der Index fällt im Tagesverlauf erneut um 10 Prozent.
  • Handelstag 3: Der ETF startet den Börsentag bei 81 Franken. Der Index steigt im Tagesverlauf um 10 Prozent
  • Schussbilanz am dritten Handelstag: Der ETF beendet den Börsentag bei 89.10 Franken. Es resultiert ein Verlust von 10,9 Prozent.

Die meisten Privatanaleger würden nun intuitiv erwarten, dass der inverse ETF bei gleichem Szenario um exakt 10,9 Prozent steigt. Wenn wir das Beispiel durchrechnen, erhalten wir indes ein anderes Resultat.

Inverser ETF

  • Handelstag 1: Der ETF notiert zu Handelsbeginn bei 100 Franken. Der Index fällt im Tageshandel um 10 Prozent.
  • Handelstag 2: Der ETF startet nun bei 110 Franken. Der Index fällt im Tagesverlauf erneut um 10 Prozent.
  • Handelstag 3: Der ETF startet den Börsentag bei 121 Franken. Der Index steigt im Tagesverlauf um 10 Prozent
  • Schussbilanz am dritten Handelstag: Der ETF beendet den Börsentag bei 108.90 Franken. Es resultiert ein Gewinn von 8,9 Prozent.

Erwartungsgemäss hat sich der inverse ETF besser entwickelt als der normale ETF. Ihre ursprüngliche Erwartung hat er aber wahrscheinlich nicht erfüllt, da Sie nur einen Gewinn von 8,9 Prozent eingefahren haben, obwohl der zugrundeliegende Index um 10,9 Prozent gefallen ist.

Dieses einfache Beispiel illustriert die Krux von inversen Indexfonds: Sie sind so konzipiert, dass sie nur die Tages-Performance des Index tracken. Das heisst, sie vollziehen nicht die längerfristige Performance des Index. Aufgrund der täglichen Indexschwankungen stellt sich sozusagen ein negativer Zinseszinseffekt ein. Zuzuschreiben ist dies dem Umstand, dass «Short ETF» jeden Handelstag als Einzelevent betrachten und ihre Performance jeweils vom gegenwärtigen Niveau berechnet wird. Über lange Zeiträume oder in einem Markt, der in einer engen Bandbreite pendelt, entwickeln sich inverse ETF daher unterdurchschnittlich. So lange der Markt fällt, fährt man mit einem inversen ETF gut. Wenn sich der Markt aber erholt, ändert sich das Bild. Wie unser nächstes Beispiel zeigt, wird dieser Effekt verstärkt, wenn man ein gehebeltes Produkt einsetzt.

In unserem nächsten Beispiel schauen wir uns an, wie sich das in der Realität entwickeln könnte. Wir vergleichen, wie sich zwei inverse Indexfonds und der S&P-500-Index im Zeitraum von Oktober 2018 bis Oktober 2019 entwickelt haben. Der ProShares Short S&P 500 (Börsenkürzel: SH) ist ein einfacher «Short ETF», während der ProShares UltraPro Short S&P 500 (Börsenkürzel: SPXU) ein dreifach gehebeltes Produkt ist.

„Short ETF“ sind nicht für lange Anlagezeiträume geeignet

Quelle: Bloomberg

Während der kräftigen Kurskorrektur im Schlussquartal 2018 haben sich die beiden «Short ETF» wie erwartet gut entwickelt. Mit der diesjährigen Kurserholung ändert sich jedoch das Kursbild. Und im Jahresvergleich hätten Investoren mit beiden Indexfonds Verluste erlitten, obschon sich der Gesamtmarkt in diesem Vergleichszeitraum per Saldo kaum verändert hat: Einem mageren Plus von 0,5 Prozent im S&P500 steht ein Minus von 2,8 Prozent bzw. von 15,5 Prozent in den beiden Indexfonds gegenüber.

Wenn man eine Wette abschliessen will, dass ein bestimmter Index an einem bestimmten Tag an Wert verlieren wird, dann sind inverse ETF ein geeignetes Instrument. Aber die meisten Privatanleger sollten nicht auf solche kurzfristigen Schwankungen spekulieren und so ihre finanzielle Zukunft aufs Spiel setzen, schon gar nicht mit gehebelten Produkten. Wer nachts nicht schlafen kann, weil er befürchtet, der nächste Crash stehe unmittelbar bevor, für den gibt es eine einfache Lösung: Reduzieren Sie den Aktienanteil in ihrem Portfolio.

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