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«Die Pandemie hat viele Schwachstellen aufgezeigt»

Die Schweizer Wirtschaft hat die Corona-Krise vergleichsweise gut gemeistert. Das Bruttoinlandprodukt wird dieses Jahr rund 3,2 Prozent wachsen. «Für 2022 sehen wir eine ähnlich gute Entwicklung», sagt unser Chefökonom Christoph Sax.

Herr Sax, ist das Ende der Corona-Pandemie in Sicht?

In den Industrieländern ist das Schlimmste überstanden. Die Impfkampagne zeigt Wirkung. Ganz verschwinden wird das Corona-Virus aber kaum. In den Schwellen- und Entwicklungsländern wütet Covid-19 weiter. In diesen Regionen verbessert sich der Zugang zu Impfstoffen nur langsam. Dies begünstigt die Entstehung neuer Varianten, die vermutlich eine regelmässige Weiterentwicklung und Auffrischung der Impfung erfordern werden. Aus globaler Sicht wird die Pandemie deshalb wohl erst 2023 überwunden sein.

Die Schweizer Wirtschaft hat sich 2020 im internationalen Vergleich gut geschlagen. Wie beurteilen Sie die Leistung des Bundesrats bei der Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise?

Die Ausbreitung von Covid-19 war Neuland. Man wusste zunächst nicht, welche Massnahmen gesundheitlich und ökonomisch am zielführendsten sind. Es war für den Bundesrat deshalb schwierig, den richtigen Politik-Mix zu finden. Die Pandemie hat viele Schwachstellen im Krisenmanagement der Bundesverwaltung aufgezeigt. Wichtig war jedoch, dass man entschlossen gehandelt und im Verlauf der Pandemie Lehren gezogen hat. Das ist unter dem Strich gut gelungen.

Wie stark wächst die Schweizer Wirtschaft 2021? Setzt sich der Aufschwung im kommenden Jahr fort?

Wir rechnen für 2021 mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts von 3,2 Prozent. Für nächstes Jahr sehen wir eine ähnlich gute Entwicklung der Wirtschaft.

Bleibt dem Schweizer Arbeitsmarkt also auch dieses Jahr ein Kahlschlag erspart?

Die Zeichen dafür stehen gut. Die Arbeitslosenquote ist seit Anfang Jahr rückläufig. Man darf allerdings nicht ausblenden, dass noch ca. 400’000 Angestellte von Kurzarbeit betroffen sind. Die Verfassung des Arbeitsmarkts ist bei weitem noch nicht so gut wie vor der Krise.

Welches sind die grössten Risiken für Ihre Prognosen? 

Wir befinden uns in einem Wettrennen zwischen der Impfoffensive und der ständigen Mutation des Virus. Sollte dereinst eine neue Variante auftauchen, die gegen die bisherigen Impfstoffe resistent ist, würden wir einen weiteren wirtschaftlichen Rückschlag hinnehmen müssen. Neue Impfstoffe müssten entwickelt werden.

Der Bundesrat hat die Verhandlungen zum Rahmenabkommen mit der EU abgebrochen. Was bedeutet das für die Schweizer Wirtschaft?

Die unmittelbaren Konsequenzen sind überschaubar. Wenn wir beim Status quo bleiben, wird der Marktzugang für Schweizer Unternehmen in der EU aber allmählich erodieren. Seit dem 26. Mai ist der Marktzugang für Schweizer Medizintechnik-Firmen in der EU erschwert und mit mehr Bürokratie verbunden, weil die EU eine erforderliche Aktualisierung des bilateralen Abkommens über die gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen (MRA) blockiert. Dem Maschinenbau droht ein ähnliches Schicksal, wenn die revidierte EU-Maschinenbaugesetzgebung dereinst in Kraft tritt.

Der Export ist für den Schweizer Wirtschaftsmotor sehr wichtig. Wie wird sich der Franken entwickeln?

Sichere Häfen wie der Franken sind etwas weniger gefragt. Der Euro-Frankenkurs dürfte in den kommenden zwölf Monaten bei 1.10 seitwärts tendieren. Die Schweizer Nationalbank (SNB) wird den Franken bis auf Weiteres nicht mehr schwächen müssen.

Wann werden wirtschaftliche Schwergewichte wie die USA oder die Europäische Union wieder ihr Vorkrisenniveau erreichen?

Die USA werden es bereits diesen Sommer wieder erreichen, bei der Eurozone dürfte es hingegen bis Herbst 2022 dauern. Die Arbeitsmärkte erholen sich allerdings deutlich langsamer. 

Kräftiger Wirtschaftsaufschwung, Kapazitätsengpässe, ultralockere Geldpolitik und riesige Fiskalpakete – erwarten Sie einen destabilisierenden Inflationsschub?

Für Europa nicht. Die Inflation zieht hier vor allem an, weil die Wirtschaft aus der Krise kommt. Die Stützungspakete der Regierungen haben darauf abgezielt, Kapazitäten zu erhalten. Die Weltwirtschaft wird deshalb tendenziell unterausgelastet bleiben. In den USA könnte die Teuerung aber dauerhaft höher liegen als in den letzten Jahren. Die US-Notenbank versucht dies gezielt herbeizuführen und der Vollbeschäftigung mehr Priorität einzuräumen. In den Vereinigten Staaten ist der Inflationsdruck generell höher.

An den Finanzmärkten haben die Zinsen aufgrund der Inflationsängste schon stark angezogen. Wann werden die Notenbanken ihre Leitzinsen heraufsetzen?

In der Eurozone und in der Schweiz ist keine Leitzinserhöhung absehbar. Wir gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) und die SNB den Leitzins frühestens 2024 anheben werden. In den USA hingegen wird die Notenbank (Fed) voraussichtlich früher aktiv. Die Fed wird wohl schon in der zweiten Jahreshälfte 2022 eine erste Leitzinserhöhung ins Auge fassen.

Ende 2020 lag die globale Verschuldung bei rund 355 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Sind die Schulden überhaupt noch tragbar? Oder laufen wir in eine Schuldenblase?

Für die kommenden Jahre sehe ich wenig Probleme, denn die Notenbanken werden mit ihrer expansiven Geldpolitik die Tragbarkeit dieser Schulden weiterhin stützen. In der Eurozone garantiert die EZB mit Staatsanleihenkäufen indirekt die Zahlungsfähigkeit der Mitgliedstaaten. Längerfristig sind vermehrte Firmenkonkurse und Staatsinsolvenzen allerdings plausibel. In der Eurozone wird diese Gefahr vermutlich zu einer zunehmenden Solidarhaftung und «Vergemeinschaftung» der Schulden führen. 

Wird der europäische Wiederaufbaufonds die Probleme der EU lösen?

Er wird sie wohl nur etwas lindern. Der Wiederaufbaufonds gibt den Mitgliedstaaten ein wenig finanziellen Spielraum, um zukunftsweisende Projekte umzusetzen. Das Grundproblem der Währungsunion, die grossen Unterschiede bei der Wettbewerbsfähigkeit der Mitgliedstaaten, wird er aber nicht lösen.

Weltweit haben die Aktienmärkte bereits viel Positives eingepreist. Bleiben die Börsen weiter auf Aufwärtskurs?

Wir erwarten, dass die Pandemie weiter abklingt und die Weltwirtschaft ihren Expansionskurs fortsetzt. Die Unternehmen werden ihre Gewinne deshalb kräftig steigern können, was die hohen Bewertungen zunehmend relativiert. Daher sollte die Stimmung an den Aktienmärkten gut bleiben. Wir sind uns aber der Rückschlaggefahren, die mit den Virus-Mutationen einhergehen, bewusst.

Welches Aktiensegment sollen Anleger favorisieren? Substanz- oder Wachstumswerte? Zykliker?

Grundsätzlich empfehlen wir unseren Kunden ein breit diversifiziertes Portfolio. Faktortrends können sehr schnell ändern. Und meistens ist man mit dem Umschichten zu spät. Aufgrund der steigenden Inflationsraten kann man gegenwärtig Substanzwerte etwas stärker gewichten. Uns gefallen beispielsweise Pharmatitel wie Roche und Merck & Co.

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