Chinas langer Weg zur Normalität

Der Stillstand der Wirtschaft hat enorme Konsequenzen für China. Nach zwei Monaten kehrt die Normalität zwar langsam zurück, aber der Weg ist lang und beschwerlich.

Gastautor Blog von: Elisabeth Tester, Schanghai

Der Ausbruch der Coronavirus-Epidemie in China hat für das Land und die Welt schwerwiegende Folgen – wirtschaftliche und auch gesellschaftliche. Der Versuch der Behörden in Wuhan, zu Beginn der Epidemie die Krankheitsfälle trotz der hohen Ansteckungsgefahr von Covid-19 zu vertuschen, hat unzählige Menschenleben und auch wertvolle Zeit gekostet. Nachdem Staatspräsident Xi Jinping gegen Ende Januar das Krisenmanagement persönlich in die Hand genommen hatte, reagierte China jedoch sehr schnell und mit drastischen Massnahmen: Die Stadt Wuhan mit ihren 11 Millionen Einwohnern wurde abgeriegelt, kurz darauf die ganze Provinz Hubei, in der 60 Millionen Menschen leben. Jeden zweiten Tag war es einer Person pro Haushalt erlaubt, die Wohnung zu verlassen, um Lebensmittel oder Medikamente einzukaufen. Die weltweit in diesem Ausmass noch nie dagewesene Quarantäne löste im Westen Erstaunen und zunächst auch heftige Kritik aus. Nun haben viele europäische Länder und US-Bundesstaaten ähnliche Massnahmen ergriffen.

Drastischer Konjunktureinbruch

Elisabeth Tester, wohnhaft in Schanghai und Zürich, schreibt als Gastautorin für die Migros Bank. Sie ist Wirtschaftsautorin und Kommunikationsberaterin für chinesische Unternehmen in der Schweiz. Unter anderem arbeitete sie zuvor als China-Korrespondentin für die Schweizer Zeitung «Finanz und Wirtschaft» in Schanghai.

Die Wirtschaftsprognosen vermitteln ein ernüchterndes Bild: Chinas Wirtschaftsleistung dürfte im ersten Quartal um mindestens 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum einbrechen. Der «Lockdown» der verschiedenen Provinzen führte zu einem schockartigen und weitgehenden Unterbruch industrieller Tätigkeiten und Lieferketten. In einzelnen Provinzen ist nicht ein Lastwagen, nicht ein Zug mehr gefahren. Die lokalen Behörden unterbanden in Teilen des Landes jede Verbindung von einem Dorf zum anderen. Nach der tröpfchenweisen Wiederaufnahme von Produktion und Transport Mitte Februar, wurden alle Lastwagenfahrer nach provinzüberschreitenden Lieferungen oder Fahrten unter eine zweiwöchige Quarantäne gestellt, was zu einem Mangel an Fahrern führte und die Logistikprobleme verschärfte. Zurzeit werden die Quarantänevorschriften innerhalb Chinas schrittweise gelockert.

Die neusten Wirtschaftsdaten lassen vermuten, dass Chinas Wirtschaftsleistung noch stärker geschrumpft ist. Die Einzelhandelsverkäufe und die Anlageinvestitionen lagen im Januar und Februar 25 Prozent unter dem Vorjahrswert. Das Transaktionsvolumen bei Wohneigentum sank um 40 Prozent. Die Industrieproduktion brach im Februar gegenüber dem Vorjahr um 27 Prozent ein. Die März-Zahlen dürften noch schlechter ausfallen. Erst für den April erwarten Ökonomen eine leichte Besserung.

Konsum bricht ein (real, ggü. Vorjahr in Prozent)

Eine Besserung ist jedoch alles andere als sicher. Der inländische Konsum und der Dienstleistungssektor, die schon seit mehreren Jahren wichtigsten Wachstumstreiber der chinesischen Wirtschaft, werden zwar Fahrt aufnehmen. Onlinehandel, Online-Gaming und Lieferdienste erleben einen beispiellosen Boom, so wie das auch in der Schweiz der Fall ist. Doch Tourismus, Freizeit, kulturelle Aktivitäten stehen nach wie vor still, und die für das Land immer noch wichtige Industrieproduktion wird noch längere Zeit leiden, denn die Aufträge aus Europa und den USA brechen dramatisch ein.

Eine Umfrage unter kleineren, nicht kotierten Unternehmen in Schanghai deckt verschiedene Probleme auf: massiver Auftragseinbruch, zuerst seitens chinesischer und jetzt auch seitens ausländischer Kunden; Mitarbeiter, auch ausländische, können oder wollen nicht an den Arbeitsplatz zurückkehren; nicht nur die Produktion, sondern auch die Forschung und Entwicklung sind erheblich gestört. Ein Autozulieferer erklärt beispielsweise, im Februar keine und im März nur minimale Verkäufe getätigt zu haben. Ein Videotechnologie-Unternehmen beklagt sich über fehlende Komponenten aus Japan; ein Beratungsunternehmen musste feststellen, dass die Übertragung seines Geschäftsmodells auf das webbasierte Büro nicht funktioniert.

Enorme – aber nicht rekordgrosse – Stimulusprogramme

Um Massenarbeitslosigkeit und den Konkurs unzähliger Betriebe zu verhindern, hat die chinesische Regierung ausserordentliche Stimulusprogramme lanciert. Dazu gehören finanzielle Direkthilfen, Überbrückungskredite, eine einfachere Kreditaufnahme und Steuererleichterungen im Umfang von mindestens 2 Prozent des Bruttoinlandprodukts oder 300 Milliarden US-Dollar. Massive Investitionen in Infrastruktur und Gesundheitswesen wurden ebenfalls angekündigt. Die chinesische Notenbank, die People’s Bank of China, hat die Zinsen für chinesische Verhältnisse deutlich gesenkt und den Interbankenmarkt mit Liquidität geflutet. Die Zentralbank stützte vermutlich auch die Aktienmärkte, sie brachen weniger stark ein als die westlichen Börsen. Ende März notierten der CSI-300-Index und der Shanghai Composite Index nur etwa 10 Prozent tiefer als zum Jahresbeginn. Die Börse Shenzhen, an der auch viele kleinere Privatunternehmen z.B. des Technologiesektors kotiert sind, lag rund 3 Prozent unter dem Niveau von Anfang Januar.

Infrastruktur wird angeschoben, aber weniger stark als 2008

Insgesamt sind die Stützungsprogramme der chinesischen Behörden – im Gegensatz zu den angekündigten Massnahmen in Europa und in den USA – weniger gross als während der internationalen Finanzkrise 2008/09, als sie 4,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts erreichten. Sollte sich die chinesische Wirtschaft nicht wie von Peking gewünscht erholen, hat die Regierung noch viele Pfeile im Köcher. Sie wird ihre Munition auch einsetzen. Privatunternehmen, die den grössten Teil zur Wertschöpfung Chinas beitragen und für mehr als 80 Prozent aller neu geschaffenen Arbeitsplätze verantwortlich sind, erhalten allerdings weniger staatliche Hilfe als die Staatsbetriebe.

Aufbruchstimmung und Digitalisierungsschub

Doch es gibt auch Silberstreifen am Horizont. Nach und nach fahren die Betriebe ihre Produktion wieder hoch. Dazu benötigen sie die Genehmigung der lokalen Behörden, die nur erteilt wird, wenn die Belegschaft keine Krankheitssymptome aufweist und das Unternehmen genügend Schutzausrüstung für die Mitarbeitenden vorweisen kann. In Städten wie Schanghai herrscht Aufbruchstimmung, und jeden Tag öffnen mehr Läden, Restaurants und Kleinbetriebe ihre Tore. Elektrizitätsproduktion und -verbrauch – gute Pulsmesser der Wirtschaft – betragen 70 Prozent des für diese Jahreszeit üblichen Niveaus. Das Leben beginnt sich zu normalisieren, die Erholung wird sich fortsetzen, und dies nur zwei Monate nach Beginn des «Lockdowns» im Zentrum des Landes.

Dennoch dürfte der Weg bis zur vollständigen Erholung lang und beschwerlich sein. Viele Migrantenarbeiter sind noch nicht an die Arbeitsplätze in den Städten zurückgekehrt. Der Einkommens- und Beschäftigungsschock wird die Konsumnachfrage noch lange belasten – trotz der Stimulusmassnahmen der Regierung. Zudem hemmt die herkömmliche Unterstützung von Infrastrukturprojekten und Grossindustrie die Transformation und Aufwertung der Wirtschaft.

Die Schweizer Grossbank UBS schätzt, dass China dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von noch 1,5 Prozent aufweisen wird, was im Vergleich zum Vorjahr einem Rückgang von 4,5 Prozentpunkten entspricht. Dabei gilt es einige Unsicherheiten zu berücksichtigen: Bleibt das Virus unter Kontrolle? Kommt es zu einer zweiten Welle? Wie rasch wird ein wirksames Medikament gefunden werden, und wie schnell ist es auf breiter Basis verfügbar?

Welche Verwerfungen werden vom so wichtigen Immobiliensektor Chinas ausgehen, in dem grosse Immobilienfirmen mit einem hohen Anteil an Fremdfinanzierung arbeiten, sich teilweise in Dollar verschuldeten und im ersten Quartal einen massiven Umsatzabfall verzeichneten? Und vor allem: Wie zuversichtlich wird der Konsument in naher Zukunft sein?

Inmitten all dieser Unwägbarkeiten ist eines aber klar: Die digitale Transformation wird in allen Branchen und Industrien durch die aktuelle Krise beschleunigt. Und da hat China als einer der wichtigsten Förderer und Wegbereiter der Digitalisierung gute Karten in der Hand.

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