Auf zu den Sternen

«Beam me up, Scotty» – nein, ganz so weit wie in der Science-Fiction-TV-Kultserie «Raumschiff Enterprise» ist die Menschheit noch nicht. Aber das private US-Raumfahrtunternehmen Space-X bereitet einen weiteren historischen Flug vor. 

Voraussichtlich am 14. November schickt das vom Tesla-Gründer Elon Musk lancierte Unternehmen für die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa vier Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS. Die Mission mit dem Namen Crew-1 wird der erste operationelle Flug des Astronautentaxis Crew Dragon von Space-X und die zweite Crew-Dragon-Mission zur Beförderung von Passagieren an Bord sein. Space-X ist nicht das einzige Unternehmen, das für die Nasa Astronauten ins All befördert. Das Raumfahrzeug CST-100 Starliner des US-Flugzeugbauers Boeing, das die ISS während seines ersten Testflugs im vergangenen Jahr nicht erreichte, wird voraussichtlich im Januar 2021 eine zweite unbemannte Demonstrationsmission starten; der erste bemannte Flug soll im kommenden Sommer folgen. Blue Origin, gegründet vom Amazon-Chef Jeff Bezos, entwickelt in einem Konsortium unter anderem mit Lockheed Martin und Northrop Grumman für das Nasa-Programm «Artemis» eine bemannte Mondlandefähre.

«Liftoff»

Ganz allgemein scheint die Raumfahrtindustrie abzuheben. Sie wird zwar nach wie vor von grossen Aerospace- und Rüstungskonzernen wie Boeing und Lockheed Martin dominiert, die vor allem im Auftrag von Regierungen und staatlichen Behörden arbeiten. Aber exzentrische Multimilliardäre und Visionäre wie Musk, Bezos und Sir Richard Branson, Gründer der Virgin Group, haben der kommerziellen Raumfahrtindustrie in den letzten Jahren kräftigen Schub verliehen. Von satellitengestütztem Hochgeschwindigkeits-Internet über die allgemeine Raumfahrt bis hin zu Space Tourismus für Wohlbetuchte oder Kolonien auf dem Mars – die Ambitionen sind gross, unzählige Projekte werden derzeit weltweit vorangetrieben, wenn auch etliche davon sehr langfristiger Natur sind und einige am Ende aus Kostengründen womöglich nicht realisiert werden. 

Andere Dienste dagegen sind schon sehr greifbar. Satelliten haben vielfältige Verwendungszwecke und generieren grosse Datenmengen. Amazons AWS Ground Station unterstützt die Betreiber von Satelliten, diesen Datenfluss auf der Erde zu verwalten. Im dritten Quartal kündigte Microsoft einen neuen Service namens Azure Orbital an, der im Wettbewerb mit Amazon steht und Satelliten mit der hauseigenen Cloud-Plattform verbindet. Satelliten sind zwar nicht die allermodernste Technologie, aber der technologische Fortschritt ermöglicht der Telecom- und Satcomindustrie sowie anderen Privatunternehmen, die Satellitendaten verwenden, zunehmend neue Geschäftsfelder.

Die letzte Grenze

«Der Weltraum – unendliche Weiten», um nochmals bei Captain Kirk und Mr. Spock anzudocken: Was heute noch Science Fiction ist, könnte dereinst Realität werden. Abseits der satellitengestützten Businesschancen sind längerfristig beispielsweise auch Geschäftsmodelle wie der Mineralienabbau von Asteroiden theoretisch denkbar. Kurzfristig wird sich die Raumfahrt als Business- und Investitionsthema auf eine Reihe von Industriezweigen jenseits der Luftfahrt- und Rüstungsindustrie auswirken, beispielsweise auf die IT-Hardware- und Telekommunikationsbranche. Das US-Wertschriftenhaus Morgan Stanley schätzt, dass die globale Weltraumindustrie im Jahr 2040 einen Umsatz von mehr als 1 Billion Dollar erzielen könnte, gegenüber rund 350 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr. Die grössten kurz- und mittelfristigen Chancen könnten sich aus dem satellitengestützten Breitband-Internetzugang ergeben.

Die globale Weltraumindustrie auf Wachstumskurs (Branchenumsatz in Mrd. US-Dollar)

Die globale Weltraumindustrie auf Wachstumskurs (Branchenumsatz in Mrd. US-Dollar)

Bei etlichen satellitengestützen Geschäftsideen aus der Privatwirtschaft wird sich indes erst noch erweisen müssen, ob die Businessmodelle längerfristig auch rentabel sind. Viele Projekte werden wohl einen langen Atem und hohe Investitionen benötigen. Nach dem Debakel um die Satellitenservices wie Iridium und Globalstar Ende der Neunzigerjahre, bei dem sich Anleger die Finger gehörig verbrannt hatten, gilt es auf Investorenseite auch Überzeugungsarbeit zu leisten. Bei der bemannten Raumfahrt wiederum ist zu hoffen, dass sich nicht ein ähnliches Desaster wie beim Space-Shuttle-Unglück wiederholt, das die Raumfahrt um Jahre zurückwarf.

Die Investorengemeinde scheint jedoch zunehmend an die Chancen des Weltraumgeschäfts zu glauben. Nach Angaben des US-Venture-Capital-Unternehmens Space Capital wurde seit 2009 Wagniskapital von kumulativ 166 Milliarden US-Dollar in 1128 in der Weltraumwirtschaft aktive Unternehmen investiert. Im dritten Quartal 2020 flossen 4,9 Milliarden Dollar in 53 Raumfahrtunternehmen, womit die Gesamtsumme seit Jahresbeginn auf 17,5 Mrd. Dollar stieg. Trotz der Corona-Krise verzeichnete der Infrastrukturbereich nach einem schwachen zweiten Quartal sein bislang bestes Jahresviertel. Das Segment Applikationen dagegen entwickelte sich so schwach wie seit dem Jahresendviertel 2015 nicht mehr.

Kumulative Wagniskapital-Investitionen in Space-Unternehmen seit 2009 (in Mrd. US-Dollar)

Kumulative Wagniskapital-Investitionen in Space-Unternehmen seit 2009 (in Mrd. US-Dollar)

Getrieben wird der Aufschwung unter anderem dadurch, dass durch den Einsatz wiederverwendbarer Raketen und durch die technologischen Fortschritte die Kosten für den Launch eines Satelliten in den letzten Jahren massiv gefallen sind – und voraussichtlich weiter sinken werden. Auch die Herstellungskosten für Satelliten dürften sich aufgrund der künftig höheren Produktionszahlen weiter zurückbilden. Der Kostenrückgang ist vor allem dem Aufkommen privatwirtschaftlicher Unternehmen wie Space-X zu verdanken. 

Überschaubares Universum

Abgesehen von den Rüstungs- und Luftfahrunternehmen, den Satellitenherstellern und -services sowie indirekten Beteiligungen etwa über Amazon sind jedoch die Investitionsmöglichkeiten in reine Weltraumaktien bislang überschaubar. Space-X und Blue Origin werden weder an der Börse gehandelt, noch haben diese Unternehmen bisher Pläne für eine Publikumsöffnung geäussert. Am ehesten trifft das Prädikat «rein» auf Virgin Galactic Holdings (Börsenkürzel: SPCE) zu. 

Das vom Briten Sir Branson gegründete Unternehmen öffnete sich 2019 in einem unüblichen Börsengang den Investoren an der New York Stock Exchange. Die auf Space-Tourismusflüge spezialisierte Gesellschaft schloss sich mit der «Special Purpose Acquisitions Company» (SPAC) von Social Capital Hedosophia Holdings zusammen, deren Titel bereits an der New Yorker Börse gehandelt wurden. Ob Space-Tourismus aus Aktionärssicht ein einträgliches Geschäftsmodell darstellen wird, ist zweifelhaft. Bislang schreibt Virgin Galactic hohe Verluste, die Titel sind sehr spekulativ und volatil. Im Anlageuniversum der Migros Bank werden Virgin Galactic nicht abgedeckt.

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