Arabische Golfstaaten sind gefordert

Das Reformtempo in den arabischen Golfstaaten müsse beschleunigt und die Abhängigkeit vom Erdölsektor deutlich reduziert werden, warnte der Internationale Währungsfonds unlängst. Der Preissturz am Erdölmarkt ruft dies schmerzlich in Erinnerung.

Der Crash der Ölpreise verschärft eine Problematik, vor welcher der Internationale Währungsfonds (IWF) bereits mehrfach gewarnt hat: die Volkswirtschaften der arabischen Golfstaaten sind sehr einseitig ausgerichtet. Je niedriger die Ölpreise notieren, umso grösseren wirtschaftlichen Herausforderungen sehen sich diese Länder ausgesetzt. Denn die arabischen Golfstaaten finanzieren ihre Staatsbudgets überwiegend aus dem Erdölgeschäft. Sie sind für gut einen Fünftel der weltweiten Ölförderung verantwortlich.

Auf den in der Vergangenheit reichlich sprudelnden Gas-und Öleinnahmen beruht auch ihr sagenhafter Reichtum. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) beträgt das Nettofinanzvermögen der sechs Mitglieder des Golfkooperationsrates (GCC) – Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) – rund 2 Billionen US-Dollar. Addiert man das Anlagevermögen der arabischen Staatsfonds zu den internationalen Reserven der GCC-Staaten und zieht anschliessend die Staatsschulden ab, erhält man das vom IWF berechnete Nettofinanzvermögen. Die Ölvorkommen der GCC-Staaten fliessen in diese Rechnung nicht ein.

Doch der Reichtum der GCC-Staaten ist zunehmend gefährdet. Dazu tragen nicht nur die bereits vor dem Crash tiefen Ölpreise bei, sondern auch die weltweiten Anstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel und damit verbunden die zunehmende Verbreitung erneuerbarer Energien. Zudem hat die boomende Schieferölindustrie in den USA die arabischen Golfstaaten in den vergangenen Jahren erheblich unter Druck gesetzt. So haben die milliardenschweren Staatsfonds der GCC-Staaten in den letzten Jahren die Löcher im Staatshaushalt wiederholt stopfen müssen, während sich die internationalen Reserven verringert haben.

Ölpreis unter Druck

Reformbedarf

Wenn die Golfstaaten das Tempo ihrer Fiskal- und Wirtschaftsreformen nicht beschleunigen und den Anteil der Nicht-Öl-Einnahmen in den kommenden Jahren nicht substanziell erhöhen, könnte sich ihr gegenwärtiger Reichtum in absehbarer Zeit verflüchtigen. Bei einem Ölpreis von 55 US-Dollar pro Fass könnten die rund 2 Billionen US-Dollar Nettofinanzvermögen bereits 2034 aufgebraucht sein. Ein Ölpreis von 100 US-Dollar pro Fass würde den Schwund der Finanzkraft bis 2052 verzögern, bei 20 US-Dollar pro Fass wäre es hingegen bereits 2027 so weit. Zu diesem Schluss kommt der IWF in seiner Studie «The Future of Oil and Fiscal Sustainability in the GCC Region», die Anfang Februar veröffentlicht worden ist. Nach dem jüngsten Kurssturz notiert Öl der Sorte Brent noch bei 36 Dollar. Dies wird hohe Haushaltsdefizite für die GCC-Staaten zur Folge haben.

Der Reichtum der GCC-Staaten nimmt ab (Nettofinanzvermögen in Billionen US-Dollar)

Dass die Finanzkraft der Golfregion selbst bei einem Ölpreis von 100 US-Dollar pro Fass erodieren würde, ist erstaunlich. Denn nirgendwo sind die Produktionskosten für die Ölförderung tiefer als in den arabischen Golfstaaten. Aber Saudi-Arabien beispielsweise benötigt Schätzungen zufolge einen Ölpreis von 80 bis 85 US-Dollar pro Fass, um seinen Staatshaushalt im Lot zu halten, weil das Staatsbudget hauptsächlich durch Einnahmen aus dem Ölsektor finanziert wird.

Der Ölpreis, bei welchem die Staatskasse im Gleichgewicht bleibt, hängt dabei von mehreren Faktoren ab: der Höhe der Ölproduktion und -einnahmen sowie der Entwicklung der Einnahmen aus dem Nicht-Ölgeschäft. Die Nicht-Öl-Aktivitäten des Landes sind allerdings stark abhängig von der Regierung und werden durch die Öleinnahmen finanziert. Nicht zuletzt ist der Ölsektor eher kapital- als arbeitsintensiv. Um die grosse Anzahl junger Saudis, die auf den Arbeitsmarkt drängen, beschäftigen zu können, muss Saudi-Arabien seine wirtschaftliche Entwicklung an mehreren Fronten vorantreiben.

Produktionskosten deckendes Preisniveau (in US-Dollar pro Fass)

Die Break-even-Preise basieren auf den derzeit laufenden und sanktionierten Projekten.

Einseitig ausgerichtet

Wie wichtig die Öleinnahmen für das saudi-arabische Königreich sind, zeigt sich daran, dass der Öl- und Gassektor gemäss den Angaben der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) für rund 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und etwa 70 Prozent der Exporteinnahmen verantwortlich ist. In Kuwait, ebenfalls ein Opec-Mitglied, sind es 40 bzw. 92 Prozent, während in den Vereinigten Arabischen Emiraten der Öl- und Gassektor etwa 30 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht. Trotz seiner enormen Abhängigkeit vom Ölsektor steht Kuwait nach Ansicht des IWF im Regionalvergleich aber immer noch gut da, dem riesigen Staatsfonds sei Dank. Tiefe Ölpreise setzen gemäss IWF Bahrain und dem Oman am meisten zu.

Opec-Mitglieder sind stark abhängig vom Ölsektor

Obschon Prognosen zur Entwicklung des Ölpreises mit vielen Unwägbarkeiten behaftet sind, gehen Branchenexperten nun davon aus, dass die Ölnotierungen zumindest mittelfristig tief bleiben werden – vor allem aufgrund des gegenwärtigen Preiskampfes zwischen Saudi-Arabien und Russland. Technologische Fortschritte und Innovationen bei der Ölförderung (Stichwort: Schieferölförderung in den USA) sowie der Trend hin zu umweltfreundlicheren Energien sprechen ebenso für einen anhaltenden Preisdruck. Die sich im Zuge der Coronavirus-Epidemie deutlich abschwächende Weltwirtschaft verunsichert zusätzlich, da an den Märkten die Angst vor einem Nachfrageinbruch und entsprechender Ölschwemme umhergeht. Ein Ölpreis von 55 US-Dollar entspricht nach Berechnungen des IWF zwar dem historischen Durchschnittspreis über die letzten fünf Jahrzehnte. Von diesem Preisniveau sind die Ölnotierungen nun aber deutlich entfernt.

Schwieriger Weg

Teilweise haben die GCC-Staaten angesichts der seit einigen Jahren anhaltend tiefen Ölpreise bereits mit der Umsetzung von Reformen begonnen und dabei auch deutliche Fortschritte erzielt. Mit dem Entwicklungsplan «Vision 2030» will Saudi-Arabien beispielsweise seine Wirtschaft diversifizieren und seine Abhängigkeit vom Erdöl langfristig beenden. Doch die derzeitigen Anstrengungen im gesamten GCC-Raum werden wahrscheinlich nicht ausreichen, um die Erosion der Finanzkraft zu stoppen, warnte der IWF noch vor dem Preissturz. Um die Finanzen zu stabilisieren, bedürfe es voraussichtlich weitere Massnahmen, etwa die Abhängigkeit vom Energiesektor noch weiter zu reduzieren. Nun dürften die Golfstaaten erst recht gefordert sein.

Doch die Diversifizierung weg vom Öl an sich ist keine einfache Aufgabe. Denn Länder wie Saudi-Arabien haben es schwer, ausländische Direktinvestitionen anzuziehen. Dies spiegelt sich beispielsweise auch darin, dass die vor einigen Monaten erfolgte Publikumsöffnung von Saudi Aramco, der weltweit grössten Ölförderungsgesellschaft, an der Börse nur lauwarm aufgenommen worden ist. Wahrscheinlich werden die GCC-Staaten dem IWF zufolge auch gezwungen sein, ihre Staatsausgaben zu senken und finanzielle Einsparungen zu priorisieren. So weist etwa Saudi-Arabiens Staatshaushalt auch gut fünf Jahre nach dem Ölpreiseinbruch von 2014/15 noch immer grosse Defizite auf. 2019 betrug Saudi-Arabiens Haushaltsdefizit rund 6 Prozent des BIP. Angesichts des jüngsten Kurseinbruchs beim Ölpreis dürfte es im laufenden Jahr noch deutlich höher ausfallen.

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