«Anleger dürfen sich nicht auf die Hilfe der Notenbanken verlassen»

Trotz der schwächelnden Weltwirtschaft haben sich die Aktienmärkte dieses Jahr erstaunlich gut entwickelt. Sacha Marienberg, Leiter Investment Center der Migros Bank, erklärt im Interview, wie es an den Finanzmärkten weitergeht.

Herr Marienberg, Konjunktureintrübung, Handelskrieg, Brexit – steuert die Weltwirtschaft auf eine Rezession zu?

Das Wachstum der Weltwirtschaft hat sich stark verlangsamt. Die Wachstumsschwäche dürfte auch im kommenden Jahr anhalten. Eine globale Rezession erwarten wir jedoch nicht, da sich der Privatkonsum in den meisten westlichen Ländern robust entwickelt und die Konjunktur stützt. Zudem signalisieren die Zentralbanken ihre Bereitschaft zur Unterstützung der Wirtschaft und der Finanzmärkte.

Die EZB und das Fed haben die Zinszügel bereits gelockert. Welchen Spielraum haben die Notenbanken noch, wenn sich die Weltwirtschaft weiter abschwächt?

Nach der Vorstellung des jüngsten Massnahmenkataloges ist der Handlungsspielraum der EZB sehr begrenzt. Anders sieht es in den USA aus. Dort sind weitere Zinssenkungen möglich und auch zu erwarten. Die Finanzmärkte rechnen auch ausserhalb der USA mit weiteren Lockerungsmassnahmen der Zentralbanken. Meiner Meinung nach überschätzen die Finanzmärkte die Bereitschaft der Notenbanken für weitere geldpolitische Impulse.

Was bedeutet dies für die SNB?

Sacha Marienberg leitet das Investment Center bei der Migros Bank.

Analog zur EZB bleibt für die SNB nicht mehr viel geldpolitischer Handlungsspielraum.

Da sich der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken nach dem jüngsten EZB-Entscheid in Grenzen hielt, hat die SNB anlässlich ihrer September-Sitzung auf eine Zinssenkung verzichtet. Sie wird eine Zinssenkung aber in Betracht ziehen, falls sich die Stimmung an den Finanzmärkten massiv verschlechtert und der Franken zum Euro in Richtung Parität tendiert.

Worauf müssen Anleger betreffend künftiger Geldpolitik achten?

Die Aktienmärkte profitieren von der expansiven Geldpolitik der Zentralbanken. Vor dem Hintergrund der tiefen Zinsen zeichnen sich Aktien durch eine sehr attraktive Risikoprämie aus. Der Spielraum der Notenbanken wird jedoch zunehmend kleiner. Deshalb dürfen sich Anleger langfristig nicht alleine auf die Unterstützung der Notenbanken verlassen. Langfristig müssen die Unternehmensgewinne wieder steigen. Die fundamentalen und strukturellen Probleme der Weltwirtschaft können nur durch die Politik gelöst werden.

Nächstes Jahr sind Präsidentschaftswahlen in den USA. Werden die Vereinigten Staaten und China ihren Handelsdisput bis dahin gelöst haben?

Wir gehen nicht davon aus, dass der Handelsdisput bis zu den US-Präsidentschaftswahlen gelöst wird – auch wenn die beiden Parteien womöglich schon bald eine Zwischenvereinbarung für gewisse Teilbereiche unterzeichnen. Genauso wenig ist bis dahin eine totale Eskalation des Konflikts zu erwarten. Denn US-Präsident Donald Trump möchte ja nächstes Jahr wiedergewählt werden. Eine Rezession im eigenen Land kann er sich daher nicht leisten. Bei einer Wiederwahl dürfte Trump jedoch bereit sein, den Handelsdisput eskalieren zu lassen.

Wie positioniert sich die Migros Bank in diesem unsicheren Marktumfeld?

Aufgrund der Konjunkturabkühlung und der zahlreichen politischen Risiken bleibt unsere Taktik leicht defensiv ausgerichtet. Wir haben Aktien leicht untergewichtet und haben eine deutliche Untergewichtung bei den Obligationen in Schweizer Franken. Zwecks Diversifikation unseres Portfolios setzen wir weiterhin auf Gold. Zudem sieht unsere Allokation einen erhöhten Cash-Bestand vor.

Wie sollen Anleger ihr Portfolio absichern?

Anleger sollten in erster Linie an ihrer Anlagestrategie festhalten. Insbesondere bei erhöhter Volatilität ist es wichtig, dass sich der Anleger an der definierten Vermögensallokation orientiert. Eine regelmässige Anpassung des Portfolios an die Anlagestrategie ist deshalb wichtig. Zudem muss das Vermögen breit gestreut werden und sind Klumpenrisiken zu vermeiden. Wird die Anlagestrategie konsequent umgesetzt und ist das Portfolio gut diversifiziert, sind keine weiteren Absicherungsmassnahmen nötig.

Trotz des Sorgencocktails haben sich die Aktienmärkte dieses Jahr erstaunlich gut entwickelt. Sind die Kursgewinne gerechtfertigt?

Man darf nicht vergessen, dass die Aktienmärkte 2018 in der Verlustzone abgeschlossen haben. Insbesondere im Jahresendquartal brachen die Kurse regelrecht ein. Deshalb ist ein grosser Teil der diesjährigen Performance als Kompensation für das Vorjahr zu werten.

Welches Kurspotenzial offerieren Aktien noch?

Bis zum Jahresende erwarten wir für Aktien eine Seitwärtsentwicklung bei erhöhter Volatilität. Auf Sicht von zwölf Monaten ist mit einer Rendite im tiefen einstelligen Bereich zu rechnen. Bei einer unerwarteten Konjunkturaufhellung dürften die Kursgewinne natürlich bedeutend höher liegen.

Auf welche Aktienmärkte setzen Sie? Gibt es Regionen, die Sie meiden?

Nein, wir sind global investiert. Wir ziehen jedoch etablierte Märkte aufgrund ihrer geringeren Risiken und höheren Transparenz vor.

Welche Titel favorisieren Sie an der Schweizer Börse?

Da sich die Wachstumsschwäche der Weltwirtschaft im kommenden Jahr fortsetzen dürfte, sollten konjunktursensitive Titel bis auf Weiteres untergewichtet bleiben. Branchen wie die Industrie oder der zyklische Konsum leiden unter der mangelnden Investitions- und Kaufbereitschaft. Damit bleiben defensive Branchen wie das Gesundheitswesen und Basiskonsumgüter gefragt. Wobei wir bei den Schwergewichten Roche hinsichtlich Kurspotenzial und Dividendenrendite gegenüber Novartis und Nestlé bevorzugen. Chancen sehen wir auch bei Straumann, dem Weltmarktführer im Bereich Zahnmedizin.

Viele Staatsanleihen handeln mit Negativrenditen. Was empfehlen Sie Anleihenanlegern?

In Anleihen mit negativen Renditen zu investieren ist unattraktiv. Denn beim Verfall realisiert der Anleger mit Sicherheit einen Verlust. Einzig in den USA sehen wir noch Raum für tiefere Zinsen und Kursgewinne bei Anleihen. Der Anleger muss sich jedoch im Klaren sein, dass Investitionen in USD-Anleihen mit einem Währungsrisiko verbunden sind.

Gold hat dieses Jahr ebenfalls kräftig zugelegt. Wie wird sich der Goldpreis mittel- und langfristig entwickeln?

Wir empfehlen Gold in erster Linie zur Diversifizierung des Portfolios. Neben der erhöhten Unsicherheit sprechen auch die tiefen Zinsen mittelfristig für Gold. Langfristig darf der Anleger von Goldanlagen, auch aufgrund der fehlenden Erträge, keinen wesentlichen Renditebeitrag im Portfolio erwarten.

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