Aktiv, passiv oder regelbasiert anlegen?

Die Entscheidung, welchem Investmentansatz ein Anleger folgen soll, ist nicht einfach. Früher oder später wird aber jeder Investor mit dieser Frage konfrontiert. Um eine fundierte Entscheidung treffen zu können, ist es wichtig, zunächst den Unterschied zwischen aktiven, passiven und regelbasierten Anlagestrategien und -produkten zu verstehen.

Die meisten Fonds-Anleger sind vertraut mit dem traditionellen aktiven Investieren. Man könnte den aktiven Investmentansatz vereinfacht wohl als den Versuch umschreiben, an den Finanzmärkten mit menschlicher Intelligenz künftige Markttrends frühzeitig zu erkennen, Investitionsszenarien zu eruieren und die sich daraus ergebenden Opportunitäten möglichst gewinnbringend zu nutzen. So versuchen aktive Fondsmanager aufgrund ihrer Markteinschätzung und Strategie, attraktive Aktien auszuwählen, während sie sich von unattraktiven Titeln trennen oder die Positionen reduzieren. Sie verfolgen dabei das Ziel, nicht nur Gewinne zu erwirtschaften, sondern auch eine Rendite zu erzielen, die möglichst über der durchschnittlichen Marktrendite liegt – und dies, ohne dass dafür zusätzliche Risiken eingegangen werden Ein grosser Vorteil des aktiven Ansatzes ist denn auch, dass die Risiken des Portfolios laufend überwacht und wenn nötig verringert werden.

Aktive Fondsmanager bedienen sich vieler Methoden, um das Ziel einer Mehrrendite zu erreichen. Sie nutzen unter anderem fundamentale, technische und makroökonomische Analysen, um zukünftige Anlagetrends und -chancen zu ermitteln. Mitunter suchen sie auch nach Informationen, von denen sie sich einen Wert versprechen und dank derer sie sich einen Informationsvorsprung verschaffen können. Das kann beispielsweise mittels einem Gespräch mit Lieferanten oder Kunden des zu analysierenden Unternehmens erfolgen oder durch umfassende Branchen- und Marktvergleiche.

Beim aktiven Anlegen hilft insbesondere ein gut strukturierter Anlageprozess.

Letztlich beobachten aktive Anlagespezialisten die Finanzmärkte und Konjunkturlage sehr aufmerksam und kaufen oder verkaufen Wertpapiere entsprechend ihrer Prognosen für die Entwicklung der Unternehmen bzw. der Märkte oder Anlageklassen (unser Chefökonom Christoph Sax hat zu dieser Thematik den sehr lesenswerten Artikel «Wie nützlich sind Prognosen?» veröffentlicht). Beim aktiven Anlegen hilft insbesondere ein gut strukturierter Anlageprozess, unnötige Risiken zu vermeiden und langfristig höhere Renditen zu erwirtschaften. Ein gut strukturierter Anlageprozess, wie ihn die Migros Bank umsetzt, findet auf drei Ebenen statt:

  • Anlagestrategie: Die Wahl der Anlageklassen (Aktien, Obligationen, Rohstoffe etc.) unter Berücksichtigung des Anlagezeitraums sowie langfristiger Makro- und Konjunkturtrends.
  • Anlagetaktik: Die regelmässige Überprüfung und Anpassung der Zuteilung der Anlageklassen. Dieses «Fine Tuning» orientiert sich am aktuellen Wirtschaftsumfeld. Institutionelle Anleger überprüfen die Asset Allokation mehrmals pro Jahr.
  • Umsetzung/Investition (Portfoliomanagement): Wahl der geeigneten Anlageinstrumente (Direktanlagen, Fonds, Zertifikate, ETF)

Ein passiver Investor will sozusagen ein kleines Stück von Allem besitzen.

Passives Anlegen dagegen verzichtet auf das menschliche Element der Entscheidung, welche Wertpapiere man zu welchem Zeitpunkt besitzt oder welche Titel gegenwärtig besonders attraktiv respektive unattraktiv sind. Statt zu versuchen, den Markt aktiv zu «schlagen», will ein passiver Investor vielmehr «den Markt besitzen». Er will sozusagen ein kleines Stück von Allem besitzen – und verzichtet dabei auf Markteinschätzung, Strategie, Markttiming und Mehrwertinformationen. Dank sogenannter Exchange Traded Funds (ETF) ist dieser passive Anlageansatz inzwischen vergleichsweise einfach umzusetzen. Ein ETF ist ein börsengehandelter Indexfonds, der einen zugrundeliegenden Index möglichst präzise nachbildet. Anleger wiederum können über die Börse laufend Anteile an einem Indexfonds erwerben oder verkaufen.

Ein ETF auf den Swiss Performance Index (SPI) beispielsweise hält entsprechend der Index-Gewichtung Anteile an allen Unternehmen, die gegenwärtig im SPI enthalten sind. Der Investor erwirbt mit einem solchen Produkt eine Position in allen SPI-Unternehmen, ohne dass er von jedem einzelnen Unternehmen Aktien kaufen müsste. Dies bietet unter anderem den Vorteil, dass die Anlage gut diversifiziert und das Risiko breit gestreut ist. Ausserdem liegt die Kursentwicklung des ETF stets sehr nahe an jener des zugrundeliegenden Index. Werden neue Unternehmen im SPI aufgenommen oder fallen bestimmte Titel aus dem Index, wird der ETF die entsprechenden Aktien kaufen bzw. verkaufen. Es gibt nicht nur ETF, die den Gesamtmarkt auf nationaler, regionaler oder globaler Ebene nachbilden. Mit ETF kann man beispielsweise auch an der Kursentwicklung einzelner Sektoren, Rohstoffe oder Edelmetalle partizipieren.

Aufgrund des ETF-Booms der vergangenen Jahre haben viele Investoren einen einfachen Zugang zu Anlagethemen und Marktsegmenten, die früher vor allem für Privatanleger nur schwer oder gar nicht zugänglich waren. Wie aktive Anleger wollen dabei auch passive Investoren Gewinne erzielen, sie akzeptieren aber die durchschnittlichen Marktrenditen, die eine Anlageklasse bzw. ein Index erzielt. Ein passiver ETF wird den Markt nie schlagen, da er den Markt ja vollumfänglich abbildet. Langzeitstudien zeigen, dass Anleger mit diesem Ansatz bislang gut gefahren sind. Zuzuschreiben ist dies vor allem zwei Gründen: Für das Verwalten eines Indexfonds fallen deutlich tiefere Kosten an als für einen aktiv gemanagten Anlagefonds. Denn wer nicht versucht, den Markt zu schlagen, der braucht unter anderem auch keine Investmentspezialisten wie bei einem traditionellen Anlagefonds. Zweitens gelingt es vielen aktiven Fondsmanager nicht, über einen langen Zeitraum den Markt konstant zu schlagen.

Sowohl aktive als auch passive Anlagestrategien sind wichtige Instrumente für einen langfristig erfolgreichen Vermögensaufbau.

Andererseits kann man mit einem Indexfonds gelegentlichen Markteinbrüchen nicht ausweichen, während sich ein aktiver Fonds durch Portfolioumschichtungen auf Börsenturbulenzen vorbereiten und diese Korrekturen ein Stück weit zu vermeiden versuchen kann. Bei einem ETF muss der Anleger den Index akzeptieren, wie auch immer er zusammengesetzt ist und unabhängig von der Qualität oder der Bewertung der im Index zusammengefassten Wertpapiere. Viele Aktienindizes beispielsweise werden auf Basis der Marktkapitalisierung gebildet, was dazu führen kann, dass grosskapitalisierte Unternehmen oder Branchen, die an den Finanzmärkten gerade en vogue sind, im entsprechenden ETF eine hohe Konzentration einnehmen können. Nicht zuletzt zeigen Praxis und Finanzwissenschaft: Rund 90 Prozent des langfristigen Anlageerfolgs hängen von der optimalen Vermögensaufteilung ab – also von der Diversifikation zwischen verschiedenen Anlageklassen wie Aktien, Obligationen, Liquidität und alternativen Anlagen.

In der Finanzindustrie wird seit längerer Zeit heftig diskutiert, welcher der beiden Investmentansätze der vielversprechendere ist. Eine abschliessende Antwort darauf gibt es nicht. Beide Vorgehensweisen haben ihre Vor- und Nachteile, und es hängt immer auch von der individuellen Situation und dem Risikoprofil eines Anlegers ab, welches der geeignetere Ansatz ist. Letztlich sind sowohl aktive als auch passive Anlagestrategien und -produkte wichtige Instrumente für einen langfristig erfolgreichen Vermögensaufbau. Auch eine Kombination beider Ansätze ist sinnvoll. Zu wissen, wann und in welchem Umfang sie eingesetzt werden sollten, ist im Grunde genommen das Erfolgsgeheimnis. So managt die Migros Bank beispielsweise ihre Verwaltungsmandate zwar aktiv, setzt dabei aber auch passive Instrumente wie ETF ein, wo diese Anlageprodukte sinnvoll, ergänzend und kostengünstig sind.

Regelbasiertes Anlegen setzt Investitionsentscheide diszipliniert und emotionslos um.

Seit einiger Zeit gibt es auch Fonds, ETF und Zertifikate, die sich der Vorteile des aktiven und passiven Investierens bedienen und die beiden Strategien zu einem Anlageprodukt kombinieren. In diesem Zusammenhang spricht man von regelbasiertem Anlegen.

Regelbasiertes Anlegen ist weder aktiv noch passiv im herkömmlichen Sinne, sondern verbindet die Flexibilität von Portfolioanpassungen (aktiv) mit der systematischen Umsetzung nach vorgegebenen Regeln (passiv). Diese Anlagemethode basiert auf vergangenen Kursentwicklungen und historischen Erfahrungswerten (sie verzichtet somit auf mathematische Modelle, die Prognosen zu zukünftigen Entwicklungen abgeben). Aus vergangenen Entwicklungen werden fixe Regeln abgeleitet. Diese Regeln werden dann im Rahmen eines Backtestings ausführlich getestet, um zu verstehen, wie die Regeln auf Rendite und Risiko einer Anlage wirken. Beim Regelwerk wiederum unterscheidet man zwischen drei Hauptkategorien: makroökonomisch, statistisch und fundamental. Am meisten verbreitet sind wohl fundamentale Regeln, die beispielsweise Aktienmerkmale wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Dividende oder andere Bewertungsmassstäbe erfassen (vgl. Textkasten).

Regelbasiertes Anlegen ersetzt den Faktor «Mensch»

Quelle: Migros Bank AG

Das heisst, in solchen Produkten werden Wertpapiere gekauft, wenn alle Regeln erfüllt sind, respektive Wertpapiere verkauft, wenn die Regeln nicht mehr erfüllt sind. Das führt einerseits zu einem antizyklischen Anlageverhalten und kann andererseits als aktive Komponente gewertet werden. Da diese Produkte den Vorgang jedoch streng systematisch nach einem vorgängig definierten, regelbasierten Ansatz umsetzen, werden sie auch als passiv bezeichnet.

Aufgrund der vollautomatisierten Umsetzung sind regelbasierte Produkte nicht nur kostengünstig, dank der konsequent disziplinierten Vorgehensweise agieren sie beim Investitionsvorgang auch emotionslos. Sie ersetzen somit den Faktor «Mensch», der die Investitionsentscheide letztlich auch auf Basis seiner Intuition fällt. Somit lassen sich, psychologische Muster wie Gier, Angst und Überreaktion ausschalten. Die bisherige Erfahrung hat gezeigt, dass regelbasierte Ansätze vor allem im Grenzbereich zwischen aktivem und passivem Anlegen (siehe Grafik) vielversprechende Resultate erzielen können. Bei einer vollumfänglich aktiven Strategie liefert die Umsetzung durch einen Fondsmanager hingegen bessere Resultate. Regelbasierte Anlagen können eine aktive Vermögensverwaltung somit nicht ersetzen. Sie sind vielmehr als Ergänzung zu einem bestehenden Portfolio zu verstehen.

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